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13.11.2006 | Von:
Günther Ogris
Sabine Westphal

Politisches Verhalten Jugendlicher in Europa

Formen politischer Partizipation

Die innerhalb des repräsentativen demokratischen Systems vorhandenen Partizipationsstrukturen - wie Wahlen, die Mitarbeit in Wahlkämpfen, das Mitwirken an den Machtverhältnissen im Parlament - sind keine ausschließliche Domäne der Erwachsenen. Viele junge Menschen in den befragten Ländern nehmen, abhängig vom gesetzlichen Wahlalter, vor allem an nationalen Wahlen teil, und in etwas geringerem Ausmaß auch an den Wahlen zum Europäischen Parlament. Zudem arbeiten sie in Wahlkampfzeiten mit und leisten auch informelle Überzeugungsarbeit für Parteien.

Über dieses Engagement innerhalb des repräsentativen Systems hinaus sind viele Jugendliche in den befragten europäischen Ländern in unterschiedlichster Form am politischen Prozess beteiligt. Ethischer Konsum - das bewusste Kaufen von Fair Trade-Produkten oder das Boykottieren all jener Produkte, die nicht unter diesem Label produziert werden -, politischer Protest und aktives Einbringen in öffentliche politische Debatten sind dabei relativ häufig gewählte Partizipationsformen.

Wählen: Die berichtete Wahlbeteiligung der Jugendlichen sowohl bei nationalen als auch bei Wahlen zum Europäischen Parlament ist hoch: 95 Prozent der italienischen Jugendlichen, 83 Prozent der deutschen und 80 Prozent der österreichischen Jugendlichen geben an, an der letzten nationalen Wahl teilgenommen zu haben (vgl. Graphik 1 der PDF-Version). Die in den Umfragen extrem hohen Zahlen für die Wahlbeteiligung unter den Jugendlichen sind durch den bereits oft festgestellten Effekt des over-reportings bei Wahlen nach oben verzerrt. Die soziale Erwünschtheit, welche die Frage nach der Wahlbeteiligung impliziert, verursacht dieses Ergebnis: Die Jugendlichen sind sich bewusst, dass von ihnen erwartet wird, wählen zu gehen.

Diese Tendenz des over-reportings ist auch bei den Wahlen zum Europäischen Parlament feststellbar: Graphik 2 der PDF-Version zeigt die Rückerinnerung der Jugendlichen hinsichtlich ihrer Wahlbeteiligung bei der Wahl zum Europäischen Parlament 2004. Die Ergebnisse sind aufgrund desselben Wahltermins in allen untersuchten Ländern gut vergleichbar. Von den italienischen, den deutschen und den österreichischen Jugendlichen nahmen dabei die meisten an der Wahl zum Europäischen Parlament teil - eine Reihenfolge, die auch der Reihenfolge der Länder bei der tatsächlichen Wahlbeteiligung entspricht.

Wählen ist unter den Jugendlichen nicht nur die häufigste Beteiligungsform, sie gilt auch als die effektivste. Zwischen 74 Prozent (Deutschland) und 52 Prozent (Estland und Großbritannien) der Jugendlichen halten Wählen für ein effizientes Mittel der Mitbestimmung.

Den deutlichsten Einfluss auf das Wahlverhalten hat dabei die Bildung: Je höher formal gebildet die Jugendlichen sind, desto größer ist sowohl ihre Wahlbeteiligung als auch die von ihnen wahrgenommene Effektivität des Wählens.

Beteiligung in Wahlkämpfen: Auch der Beteiligung in Wahlkämpfen und der dabei geleisteten informellen Unterstützung für eine Partei oder einen Kandidaten kommt unter Jugendlichen eine beträchtliche Bedeutung zu; sie ist nach dem Wählen die zweithäufigste politische Beteiligungsform. Am häufigsten engagieren sich junge Menschen in Italien und Finnland in Wahlzeiten für eine Partei, am wenigsten in England, Estland und Frankreich. Die italienischen Jugendlichen, gefolgt von den finnischen und slowakischen, unterstützen eher Wahlkampagnen. Andere von der Wahl einer Partei oder eines Kandidaten zu überzeugen, ist wiederum unter den italienischen und finnischen Jugendlichen am stärksten verbreitet, doch engagieren sich auf diese Weise auch deutsche und österreichische Jugendliche stärker (vgl. Graphik 3 der PDF-Version).

Ihre Beteiligung innerhalb des repräsentativen politischen Systems ergänzen die europäischen Jugendlichen durch partizipative Beteiligungsformen, wie etwa durch ethischen Konsum und politischen Protest.

Ethischer Konsum: Der ethische Konsum zählt zu den häufigeren politischen Alltagshandlungen Jugendlicher. Immerhin ein Viertel der finnischen Jugendlichen nutzt den Produktboykott als Mittel des politischen Ausdrucks. Knapp darauf folgen die italienischen (17 Prozent) und die österreichischen (16 Prozent) Jugendlichen. In Großbritannien wird der Produktboykott hingegen kaum praktiziert: Nur vier Prozent der Jugendlichen haben jemals ein Produkt aus politischen Gründen boykottiert (vgl. Graphik 4 der PDF-Version).

Generell handelt es sich bei diesem Boykott nicht um eine geschlechtsspezifische politische Handlung, mit einer Ausnahme: In Italien sind es eher die Frauen, die diese partizipativen Beteiligungsformen wählen. Deutlicher ist der Einfluss von Bildung: In Italien, Österreich und Finnland sind es die höher gebildeten jungen Menschen, die nicht ethisch gefertigte Produkte boykottieren.

Auch beim bewussten Kauf von ethisch produzierten Gütern haben die Finnen die Nase vorne: 31 Prozent haben schon einmal ein Produkt ganz bewusst aus politischen Gründen gekauft. Italienische (21 Prozent) und österreichische (19 Prozent) Jugendliche nutzen ebenfalls diese Form der politische Beteiligung. In Finnland und Italien sind es häufiger die Frauen, die Produkte aus ethischen Gründen kaufen. Britische Jugendliche machen am wenigsten von dieser Form der politischen Beteiligung Gebrauch: Nur fünf Prozent haben jemals bewusst ein Produkt aus ethischen Gründen gekauft.

Politischer Protest: Die Teilnahme an legalen Demonstrationen und Streiks als Formen des politischen Protests zählen zu jenen Partizipationsformen, die von jungen Menschen verstärkt gewählt werden, um ihre Meinung zu unterschiedlichen Themen kundzutun: gegen Regierungspolitik, für eine friedliche Welt, gegen Atommülltransport, gegen Studiengebühren und vieles mehr. Das Demonstrationsverhalten ist in den verschiedenen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt.

Während in Italien beinahe ein Drittel der Jugendlichen angibt, schon an legalen Demonstrationen teilgenommen zu haben, neigen die Jugendlichen in Estland, Finnland, der Slowakei und Großbritannien weniger dazu, ein politisches Statement durch ihre Teilnahme an einer Demonstration abzugeben. Die unterschiedlichen politischen Kulturen und Opportunitätsstrukturen in den einzelnen Ländern haben somit einen starken Einfluss auf das Ausmaß, in dem Jugendliche auf diese unkonventionellere Form politischer Partizipation zurückgreifen (vgl. Graphik 5 der PDF-Version).

Auch im Hinblick auf die Teilnahme an Streiks gibt es aufgrund unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen starke Unterschiede zwischen den Ländern: In Italien ist der Streik ein anerkannter Ausdruck der politischen Willensäußerung. Dementsprechend hat ein Drittel der italienischen Jugendlichen schon an einem Streik teilgenommen. Vor allem die ganz jungen (15- bis 18-Jährigen) und die schlechter gebildeten jungen Menschen sind es, die in Italien häufiger an Streiks teilgenommen haben. Eine gewisse Streikkultur ist abgesehen von Italien auch in Frankreich vorhanden.