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13.11.2006 | Von:
Günther Ogris
Sabine Westphal

Politisches Verhalten Jugendlicher in Europa

Einflussfaktoren auf das politische Verhalten Jugendlicher

Der Grad der Bildung hat sich schon bei der Darstellung der am häufigsten genutzten Partizipationsformen als ein Einflussfaktor auf die Häufigkeit der Beteiligung Jugendlicher erwiesen. Im Folgenden soll weiteren Einflussfaktoren besonderes Augenmerk geschenkt werden: der Sozialisation durch das Elternhaus, den Freundeskreis und die Schule sowie der Auswirkung von Mitarbeit in politischen Organisationen.

Politische Sozialisation durch Elternhaus und Freundeskreis: Im Laufe seiner Sozialisation verinnerlicht das Individuum soziale Normen, Werte, aber auch soziale Rollen und Verhaltensweisen seiner Umwelt. Die primäre Sozialisation findet vor allem in der Familie, aber auch in Beziehungen zu Gleichaltrigen (peer group) statt und ist mit der Herausbildung der persönlichen Identität abgeschlossen. Die dabei verinnerlichten Normen, Werte und Verhaltensweisen gelten als stabil, können sich aber im Verlauf der sekundären Sozialisation noch ändern. In dieser findet die Vorbereitung auf die eigene Rolle in der Gesellschaft statt - vor allem in der Familie, der Schule und in den peer groups. Vor allem diesen Gruppen kommt eine wichtige Sozialisationsfunktion zu: Kinder und Jugendliche orientieren sich stärker an Gleichaltrigen - meist ähnlicher sozialer Herkunft und gleichen Geschlechts - als an den eigenen Eltern.

Politische Einstellungen und politisches Verhalten der Eltern und peers prägen die politische Orientierung und das politische Verhalten der jungen Menschen am stärksten. Dabei hat der Bildungsgrad der Eltern einen Einfluss auf die Häufigkeit und das Ausmaß der politischen Partizipation Jugendlicher.

Auch die ideologische Orientierung der Eltern prägt jene ihrer Kinder. Wie Tabelle 1 der PDF-Version zeigt, positionieren sich die jungen Menschen im selben Ausmaß auf der Links-rechts-Skala, wie sie auch ihre Eltern und ihre besten Freunde einstufen. Beinahe die Hälfte ordnet sich dabei allerdings weder links noch rechts ein (46 Prozent), und jeweils 26 Prozent wissen auch nicht über die politische Orientierung ihrer Eltern bzw. ihrer besten Freunde Bescheid.

Die politische Einstellung des Vaters prägt dabei die Haltung der Jugendlichen stärker als jene der Mutter (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). Am wichtigsten ist jedoch die politische Einstellung des besten Freundes. Da über die Korrelation kein kausaler Zusammenhang festgestellt werden kann, ist es jedoch auch möglich, dass primär die Eltern (der Vater) die politische Orientierung ihrer Kinder prägen und diese sich wiederum Freunde mit gleichen bzw. ähnlichen politischen Orientierungen suchen.

Zusätzlich zu Bildung und politischer Orientierung prägt das politische Verhalten der Eltern jenes ihrer Kinder. Das Ausmaß, in dem beide Gruppen sich politisch beteiligen, ist ähnlich groß. Wie oben bereits dargestellt wurde, sind die Formen konventioneller politischer Partizipation - und hier vor allem das Wählen - unter den Jugendlichen die häufigsten Formen ihres politischen Engagements. Sie nehmen auch ihre Eltern als regelmäßige Wähler wahr (vgl. Tabelle 3 der PDF-Version).

Dennoch ist es der beste Freund, der den größten Einfluss auf das Wahlverhalten der Jugendlichen hat: Geht dieser wählen, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Jugendliche auch an den Wahlen teilnimmt. Darüber hinaus ist es - anders als vielleicht erwartet - das Wahlverhalten der Mutter, das einen etwas stärkeren Einfluss auf das Wahlverhalten der Jugendlichen ausübt als das des Vaters - und dies sowohl bei den nationalen als auch bei den Wahlen zum Europäischen Parlament (vgl. Tabelle 4 der PDF-Version).

Der Einfluss des besten Freundes wird auch bei anderen Formen des politischen Verhaltens deutlich: Obwohl mehr als die Hälfte der Jugendlichen nie mit den Eltern oder mit dem besten Freund über Politik diskutiert, ist er es, gefolgt vom Vater, mit dem noch am ehesten über Politik diskutiert wird. Jeweils ein Drittel diskutiert selten bzw. gar nicht mit der Mutter über Politik.

Politische Diskussionen innerhalb der Familie und mit Freunden beeinflussen das politische Verhalten Jugendlicher in weiterer Folge (vgl. Tabelle 6 der PDF-Version). Vor allem die politische Auseinandersetzung mit dem besten Freund wirkt sich auf die Häufigkeit des Boykotts von Produkten und die Teilnahme an legalen Demonstrationen aus.

Die Teilnahme an legalen Demonstrationen ist generell selten, das gilt sowohl für die Eltern als auch für den Freundeskreis: 85 Prozent der Väter, 88 Prozent der Mütter und 79 Prozent der Freunde haben noch niemals an einer Demonstration teilgenommen. Abgesehen davon zeigt sich auch hier, dass das Verhalten des besten Freundes den größten Einfluss hat: Nimmt dieser an Demonstrationen teil, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass der Jugendliche auch daran teilnimmt (vgl. Tabelle 7 der PDF-Version).

In der Tendenz ist das Niveau der polischen Sozialisation Jugendlicher in Europa offenbar eher niedrig: Mehr als die Hälfte der jungen Menschen diskutiert selten mit den Eltern über Politik. Die Eltern eines weiteren Großteils haben nie an Demonstrationen teilgenommen. Nur das Wahlverhalten der Eltern hat - weil regelmäßig praktiziert - einen prägenden Eindruck bei den jungen Menschen hinterlassen. Generell muss festgehalten werden, dass die politischen Einstellungen der Eltern die ihrer Kinder prägen. Es ist jedoch der beste Freund, der einen entscheidenden Einfluss auf deren politisches Verhalten ausübt.

Sozialisationsinstanz Schule: In den Staaten der Europäischen Union gibt es unterschiedliche strukturelle Möglichkeiten, um an Schulen politisch mitzuwirken. Aufgrund dieser unterschiedlichen Opportunitätsstrukturen sind die Länderergebnisse nicht miteinander vergleichbar. Dennoch zeigen sich generell positive Korrelationen zwischen Beteiligung in der Schule und jener außerhalb der Schule.
  • Je aktiver sich junge Menschen innerhalb der Schule politisch beteiligen, desto aktiver sind sie auch außerhalb der Schule.
  • Je aktiver junge Menschen während ihrer Schulzeit waren, desto aktiver engagieren sie sich politisch, nachdem sie ihre Schulzeit beendet haben.

    In einigen europäischen Ländern haben jene Partizipationsstrukturen, die in Schulen implementiert wurden, um politische Beteiligung und damit die Demokratie zu stärken, positive Wirkung. Die in den Schulen vorhandenen Opportunitätsstrukturen dienen als politische Sozialisationsinstanzen: Das in der Schule gelernte demokratische Verhalten und die dabei geschulten Fähigkeiten in der politischen Beteiligung garantieren, dass junge Menschen auch außerhalb der Schule politisch aktiv werden und über ihre Schulzeit hinaus bleiben.

    Die Beziehung zwischen der politischen Beteiligung in und jener außerhalb der Schule lässt sich anhand einer Reihe von Beispielen verdeutlichen. So diskutieren etwa ein Drittel (35 Prozent) der Schüler zwischen 15 und 18 Jahren in Deutschland und etwa ein Viertel jener in Österreich (27 Prozent) und jener in Italien (25 Prozent) mit ihren Lehrern über politische Themen. In Finnland, Frankreich, der Slowakei und in Großbritannien hingegen tut das nicht einmal jeder zehnte Jugendliche (vgl. Tabelle 8 der PDF-Version).

    Die politischen Diskussionen mit Lehrern in der Schule haben in allen acht Ländern einen signifikanten Einfluss auf die Beteiligung junger Menschen außerhalb der Schule: Je häufiger diese mit ihren Lehrern über politische Themen diskutieren, desto häufiger nehmen sie an öffentlichen Treffen teil und desto häufiger schreiben sie politische Artikel.

    Ein ähnlicher Zusammenhang besteht zwischen der politischen Beteiligung während und jener nach Beendigung der Schulzeit. So berichten etwas mehr als die Hälfte der italienischen (56 Prozent) und der deutschen (54 Prozent) Jugendlichen, dass sie während ihrer Schulzeit die Rolle eines Klassensprechers innehatten (vgl. Tabelle 9 der PDF-Version). Jene Jugendlichen, die während ihrer Schulzeit als Klassensprecher fungierten, engagieren sich danach eher in Wahlkämpfen. Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt in Finnland, der Slowakei und Großbritannien.

    Partizipationserfahrung durch Einbindung in politische Organisationen: Das Engagement in politischen Organisationen - entweder politisch im traditionellen Sinne oder ausgerichtet auf die Vertretung spezifischer gesellschaftlicher Interessen - hat Einfluss auf die Teilnahme an anderen Formen der politischen Partizipation. Generell zeigt sich für die untersuchten europäischen Länder eine sehr geringe Einbindung in politische Organisationen. In Österreich sind die meisten Jugendlichen Mitglied einer Jugendorganisation oder einer politischen Partei. In Italien und Deutschland ist dies nicht der Fall, hier neigen Jugendliche eher dazu, an einer Veranstaltung einer Jugendorganisation teilzunehmen (vgl. Graphik 6 der PDF-Version).

    In den traditionellen politischen Organisationen scheint die Mitgliedschaft die gängige Form der Beteiligung zu sein. In Österreich ist dies darüber hinaus auch der übliche Weg, die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu unterstützen. Die Jugendlichen aller anderen untersuchten Länder nehmen dagegen öfter an Veranstaltungen von Umweltorganisationen teil (vgl. Graphik 7 der PDF-Version). Am häufigsten engagieren sich auf diese Art junge Slowaken, gefolgt von jungen Österreichern. Freiwillige Arbeit innerhalb einer Jugendorganisation einer Partei zu leisten, ist die seltenste Form der Beteiligung und scheint nur in der Slowakei und in Estland einen etwas höheren Stellenwert zu haben als in den übrigen Ländern.

    Die Einbindung in politische Institutionen und Organisationen hat unter anderem Einfluss auf das Wahlverhalten: Jene Jugendlichen, die in politische Organisationen eingebunden sind, nehmen häufiger an Wahlen zum Europäischen Parlament teil als jene, die weder Mitglied sind noch freiwillige Arbeit leisten (vgl. Tabelle 10 der PDF-Version). Sichtbar wird dies beispielsweise in Großbritannien; dort haben 59 Prozent jener Jugendlichen, die in irgendeine politische Organisation eingebunden sind, an der EU-Wahl teilgenommen, während dies bei 36 Prozent nicht der Fall war.

    Besonders deutlich ist dieser Zusammenhang zwischen der Mitgliedschaft in einer Partei und dem Wahlverhalten: So haben in Österreich von jenen Jugendlichen, die aktiv für eine Partei oder die Jugendorganisation einer Partei arbeiten, 21 Prozent an der Wahl zum Europäischen Parlament teilgenommen, während nur 7 Prozent nicht teilgenommen haben.

    Organisatorische Eingebundenheit fördert das politische Engagement von Jugendlichen. Sie führt einerseits zu ausgeprägterem politischen Verhalten und andererseits zu einer Teilnahme an verschiedenen Formen politischer Partizipation. So nehmen jene Jugendlichen, die in Parteiorganisationen eingebunden sind, an drei weiteren politischen Aktivitäten (von insgesamt 16 abgefragten) teil. Gleiches zeigt sich bei Jugendlichen, die sich ausschließlich in NGOs engagieren: Auch sie beteiligen sich an bis zu drei weiteren Formen politischer Partizipation.

    Das politische Engagement Jugendlicher ist nicht ausschließlich, aber substanziell mit politischen Organisationen verbunden. Darüber hinaus besitzen jene Jugendlichen, die in Organisationen eingebunden sind - seien es parteinahe Organisationen oder Organisationen der Zivilgesellschaft -, eine größere Bandbreite an Partizipationserfahrung. Die Erfahrungen, die junge Menschen durch ihr Engagement in politischen Organisationen sammeln, kommen ihnen bei anderen Formen der politischen Beteiligung zugute.