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Politisches Verhalten Jugendlicher in Europa


13.11.2006
Sind junge Menschen wirklich in geringerem Ausmaß politisch aktiv oder wählen sie nur andere Formen der politischen Beteiligung? Junge Europäer ergänzen ihre Teilnahme an Wahlen und Wahlkämpfen durch unkonventionelle Formen der politischen Partizipation.

Einleitung



Die Wahlbeteiligung bei den Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2004 war in der Mehrzahl der EU-Mitgliedsstaaten so enttäuschend niedrig wie vorhergesagt. Unter den jungen Wählerinnen und Wählern blieb sie sogar noch hinter dem Durchschnitt zurück: Mehr als zwei Drittel der 18- bis 24-Jährigen nahmen nicht an der Wahl teil (67 Prozent im Vergleich zu 54 Prozent der Gesamtpopulation).[1]



Diese niedrige Wahlbeteiligung nährte in der Folge einen Großteil der Diskussionen über das mangelnde politische Interesse und die sinkende politische Beteiligung der "neuen Generation" junger Europäer. Dies wurde einerseits als eine ernste Bedrohung der repräsentativen Demokratie und somit der Zukunft Europas gewertet. Auf der anderen Seite gab es jedoch auch die Stimmen jener, die der jungen Generation sehr wohl politisches Interesse und politische Beteiligung zusprachen - junge Menschen würden dafür andere Wege und Formen der politischen Beteiligung wählen. Sie seien an politischen Fragen sehr wohl interessiert, stünden dem politischen Prozess aber entfremdet gegenüber.[2]



Der vorliegende Beitrag, der auf den Ergebnissen des im 5. Rahmenprogramm der Europäischen Kommission finanzierten Forschungsprojekts "Political Participation of Young People in Europe (EUYOUPART)"[3] basiert, zeigt, dass sich Jugendliche in Europa durchaus an den Prozessen der repräsentativen Demokratie beteiligen. Die Teilnahme an Wahlen ist für sie die wichtigste Möglichkeit der Mitbestimmung. Diese ergänzen sie, indem sie von alternativen und neueren Formen der partizipativen Demokratie Gebrauch machen.

Darüber hinaus beschäftigt sich der Beitrag mit Einflussfaktoren auf das politische Verhalten Jugendlicher: mit der Sozialisation durch das Elternhaus und den Freundeskreis, der Aktivierung durch die Schule und der Auswirkung der Mitarbeit in politischen Organisationen auf das weitere Partizipationsverhalten. Empfehlungen zur Steigerung der politischen Beteiligung unter Jugendlichen runden die Darstellung der Ergebnisse ab.

Formen politischer Partizipation



Die innerhalb des repräsentativen demokratischen Systems vorhandenen Partizipationsstrukturen - wie Wahlen, die Mitarbeit in Wahlkämpfen, das Mitwirken an den Machtverhältnissen im Parlament - sind keine ausschließliche Domäne der Erwachsenen. Viele junge Menschen in den befragten Ländern nehmen, abhängig vom gesetzlichen Wahlalter, vor allem an nationalen Wahlen teil, und in etwas geringerem Ausmaß auch an den Wahlen zum Europäischen Parlament. Zudem arbeiten sie in Wahlkampfzeiten mit und leisten auch informelle Überzeugungsarbeit für Parteien.

Über dieses Engagement innerhalb des repräsentativen Systems hinaus sind viele Jugendliche in den befragten europäischen Ländern in unterschiedlichster Form am politischen Prozess beteiligt. Ethischer Konsum - das bewusste Kaufen von Fair Trade-Produkten oder das Boykottieren all jener Produkte, die nicht unter diesem Label produziert werden -, politischer Protest und aktives Einbringen in öffentliche politische Debatten sind dabei relativ häufig gewählte Partizipationsformen.

Wählen: Die berichtete Wahlbeteiligung der Jugendlichen sowohl bei nationalen als auch bei Wahlen zum Europäischen Parlament ist hoch: 95 Prozent der italienischen Jugendlichen, 83 Prozent der deutschen und 80 Prozent der österreichischen Jugendlichen geben an, an der letzten nationalen Wahl teilgenommen zu haben (vgl. Graphik 1 der PDF-Version). Die in den Umfragen extrem hohen Zahlen für die Wahlbeteiligung unter den Jugendlichen sind durch den bereits oft festgestellten Effekt des over-reportings bei Wahlen nach oben verzerrt. Die soziale Erwünschtheit, welche die Frage nach der Wahlbeteiligung impliziert, verursacht dieses Ergebnis: Die Jugendlichen sind sich bewusst, dass von ihnen erwartet wird, wählen zu gehen.

Diese Tendenz des over-reportings ist auch bei den Wahlen zum Europäischen Parlament feststellbar: Graphik 2 der PDF-Version zeigt die Rückerinnerung der Jugendlichen hinsichtlich ihrer Wahlbeteiligung bei der Wahl zum Europäischen Parlament 2004. Die Ergebnisse sind aufgrund desselben Wahltermins in allen untersuchten Ländern gut vergleichbar. Von den italienischen, den deutschen und den österreichischen Jugendlichen nahmen dabei die meisten an der Wahl zum Europäischen Parlament teil - eine Reihenfolge, die auch der Reihenfolge der Länder bei der tatsächlichen Wahlbeteiligung entspricht.

Wählen ist unter den Jugendlichen nicht nur die häufigste Beteiligungsform, sie gilt auch als die effektivste. Zwischen 74 Prozent (Deutschland) und 52 Prozent (Estland und Großbritannien) der Jugendlichen halten Wählen für ein effizientes Mittel der Mitbestimmung.

Den deutlichsten Einfluss auf das Wahlverhalten hat dabei die Bildung: Je höher formal gebildet die Jugendlichen sind, desto größer ist sowohl ihre Wahlbeteiligung als auch die von ihnen wahrgenommene Effektivität des Wählens.

Beteiligung in Wahlkämpfen: Auch der Beteiligung in Wahlkämpfen und der dabei geleisteten informellen Unterstützung für eine Partei oder einen Kandidaten kommt unter Jugendlichen eine beträchtliche Bedeutung zu; sie ist nach dem Wählen die zweithäufigste politische Beteiligungsform. Am häufigsten engagieren sich junge Menschen in Italien und Finnland in Wahlzeiten für eine Partei, am wenigsten in England, Estland und Frankreich. Die italienischen Jugendlichen, gefolgt von den finnischen und slowakischen, unterstützen eher Wahlkampagnen. Andere von der Wahl einer Partei oder eines Kandidaten zu überzeugen, ist wiederum unter den italienischen und finnischen Jugendlichen am stärksten verbreitet, doch engagieren sich auf diese Weise auch deutsche und österreichische Jugendliche stärker (vgl. Graphik 3 der PDF-Version).

Ihre Beteiligung innerhalb des repräsentativen politischen Systems ergänzen die europäischen Jugendlichen durch partizipative Beteiligungsformen, wie etwa durch ethischen Konsum und politischen Protest.

Ethischer Konsum: Der ethische Konsum zählt zu den häufigeren politischen Alltagshandlungen Jugendlicher. Immerhin ein Viertel der finnischen Jugendlichen nutzt den Produktboykott als Mittel des politischen Ausdrucks. Knapp darauf folgen die italienischen (17 Prozent) und die österreichischen (16 Prozent) Jugendlichen. In Großbritannien wird der Produktboykott hingegen kaum praktiziert: Nur vier Prozent der Jugendlichen haben jemals ein Produkt aus politischen Gründen boykottiert (vgl. Graphik 4 der PDF-Version).

Generell handelt es sich bei diesem Boykott nicht um eine geschlechtsspezifische politische Handlung, mit einer Ausnahme: In Italien sind es eher die Frauen, die diese partizipativen Beteiligungsformen wählen. Deutlicher ist der Einfluss von Bildung: In Italien, Österreich und Finnland sind es die höher gebildeten jungen Menschen, die nicht ethisch gefertigte Produkte boykottieren.

Auch beim bewussten Kauf von ethisch produzierten Gütern haben die Finnen die Nase vorne: 31 Prozent haben schon einmal ein Produkt ganz bewusst aus politischen Gründen gekauft. Italienische (21 Prozent) und österreichische (19 Prozent) Jugendliche nutzen ebenfalls diese Form der politische Beteiligung. In Finnland und Italien sind es häufiger die Frauen, die Produkte aus ethischen Gründen kaufen. Britische Jugendliche machen am wenigsten von dieser Form der politischen Beteiligung Gebrauch: Nur fünf Prozent haben jemals bewusst ein Produkt aus ethischen Gründen gekauft.

Politischer Protest: Die Teilnahme an legalen Demonstrationen und Streiks als Formen des politischen Protests zählen zu jenen Partizipationsformen, die von jungen Menschen verstärkt gewählt werden, um ihre Meinung zu unterschiedlichen Themen kundzutun: gegen Regierungspolitik, für eine friedliche Welt, gegen Atommülltransport, gegen Studiengebühren und vieles mehr. Das Demonstrationsverhalten ist in den verschiedenen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt.

Während in Italien beinahe ein Drittel der Jugendlichen angibt, schon an legalen Demonstrationen teilgenommen zu haben, neigen die Jugendlichen in Estland, Finnland, der Slowakei und Großbritannien weniger dazu, ein politisches Statement durch ihre Teilnahme an einer Demonstration abzugeben. Die unterschiedlichen politischen Kulturen und Opportunitätsstrukturen in den einzelnen Ländern haben somit einen starken Einfluss auf das Ausmaß, in dem Jugendliche auf diese unkonventionellere Form politischer Partizipation zurückgreifen (vgl. Graphik 5 der PDF-Version).

Auch im Hinblick auf die Teilnahme an Streiks gibt es aufgrund unterschiedlicher politischer Rahmenbedingungen starke Unterschiede zwischen den Ländern: In Italien ist der Streik ein anerkannter Ausdruck der politischen Willensäußerung. Dementsprechend hat ein Drittel der italienischen Jugendlichen schon an einem Streik teilgenommen. Vor allem die ganz jungen (15- bis 18-Jährigen) und die schlechter gebildeten jungen Menschen sind es, die in Italien häufiger an Streiks teilgenommen haben. Eine gewisse Streikkultur ist abgesehen von Italien auch in Frankreich vorhanden.

Einflussfaktoren auf das politische Verhalten Jugendlicher



Der Grad der Bildung hat sich schon bei der Darstellung der am häufigsten genutzten Partizipationsformen als ein Einflussfaktor auf die Häufigkeit der Beteiligung Jugendlicher erwiesen. Im Folgenden soll weiteren Einflussfaktoren besonderes Augenmerk geschenkt werden: der Sozialisation durch das Elternhaus, den Freundeskreis und die Schule sowie der Auswirkung von Mitarbeit in politischen Organisationen.

Politische Sozialisation durch Elternhaus und Freundeskreis: Im Laufe seiner Sozialisation verinnerlicht das Individuum soziale Normen, Werte, aber auch soziale Rollen und Verhaltensweisen seiner Umwelt. Die primäre Sozialisation findet vor allem in der Familie, aber auch in Beziehungen zu Gleichaltrigen (peer group) statt und ist mit der Herausbildung der persönlichen Identität abgeschlossen. Die dabei verinnerlichten Normen, Werte und Verhaltensweisen gelten als stabil, können sich aber im Verlauf der sekundären Sozialisation noch ändern. In dieser findet die Vorbereitung auf die eigene Rolle in der Gesellschaft statt - vor allem in der Familie, der Schule und in den peer groups. Vor allem diesen Gruppen kommt eine wichtige Sozialisationsfunktion zu: Kinder und Jugendliche orientieren sich stärker an Gleichaltrigen - meist ähnlicher sozialer Herkunft und gleichen Geschlechts - als an den eigenen Eltern.

Politische Einstellungen und politisches Verhalten der Eltern und peers prägen die politische Orientierung und das politische Verhalten der jungen Menschen am stärksten. Dabei hat der Bildungsgrad der Eltern einen Einfluss auf die Häufigkeit und das Ausmaß der politischen Partizipation Jugendlicher.

Auch die ideologische Orientierung der Eltern prägt jene ihrer Kinder. Wie Tabelle 1 der PDF-Version zeigt, positionieren sich die jungen Menschen im selben Ausmaß auf der Links-rechts-Skala, wie sie auch ihre Eltern und ihre besten Freunde einstufen. Beinahe die Hälfte ordnet sich dabei allerdings weder links noch rechts ein (46 Prozent), und jeweils 26 Prozent wissen auch nicht über die politische Orientierung ihrer Eltern bzw. ihrer besten Freunde Bescheid.

Die politische Einstellung des Vaters prägt dabei die Haltung der Jugendlichen stärker als jene der Mutter (vgl. Tabelle 2 der PDF-Version). Am wichtigsten ist jedoch die politische Einstellung des besten Freundes. Da über die Korrelation kein kausaler Zusammenhang festgestellt werden kann, ist es jedoch auch möglich, dass primär die Eltern (der Vater) die politische Orientierung ihrer Kinder prägen und diese sich wiederum Freunde mit gleichen bzw. ähnlichen politischen Orientierungen suchen.

Zusätzlich zu Bildung und politischer Orientierung prägt das politische Verhalten der Eltern jenes ihrer Kinder. Das Ausmaß, in dem beide Gruppen sich politisch beteiligen, ist ähnlich groß. Wie oben bereits dargestellt wurde, sind die Formen konventioneller politischer Partizipation - und hier vor allem das Wählen - unter den Jugendlichen die häufigsten Formen ihres politischen Engagements. Sie nehmen auch ihre Eltern als regelmäßige Wähler wahr (vgl. Tabelle 3 der PDF-Version).

Dennoch ist es der beste Freund, der den größten Einfluss auf das Wahlverhalten der Jugendlichen hat: Geht dieser wählen, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Jugendliche auch an den Wahlen teilnimmt. Darüber hinaus ist es - anders als vielleicht erwartet - das Wahlverhalten der Mutter, das einen etwas stärkeren Einfluss auf das Wahlverhalten der Jugendlichen ausübt als das des Vaters - und dies sowohl bei den nationalen als auch bei den Wahlen zum Europäischen Parlament (vgl. Tabelle 4 der PDF-Version).

Der Einfluss des besten Freundes wird auch bei anderen Formen des politischen Verhaltens deutlich: Obwohl mehr als die Hälfte der Jugendlichen nie mit den Eltern oder mit dem besten Freund über Politik diskutiert, ist er es, gefolgt vom Vater, mit dem noch am ehesten über Politik diskutiert wird. Jeweils ein Drittel diskutiert selten bzw. gar nicht mit der Mutter über Politik.

Politische Diskussionen innerhalb der Familie und mit Freunden beeinflussen das politische Verhalten Jugendlicher in weiterer Folge (vgl. Tabelle 6 der PDF-Version). Vor allem die politische Auseinandersetzung mit dem besten Freund wirkt sich auf die Häufigkeit des Boykotts von Produkten und die Teilnahme an legalen Demonstrationen aus.

Die Teilnahme an legalen Demonstrationen ist generell selten, das gilt sowohl für die Eltern als auch für den Freundeskreis: 85 Prozent der Väter, 88 Prozent der Mütter und 79 Prozent der Freunde haben noch niemals an einer Demonstration teilgenommen. Abgesehen davon zeigt sich auch hier, dass das Verhalten des besten Freundes den größten Einfluss hat: Nimmt dieser an Demonstrationen teil, erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass der Jugendliche auch daran teilnimmt (vgl. Tabelle 7 der PDF-Version).

In der Tendenz ist das Niveau der polischen Sozialisation Jugendlicher in Europa offenbar eher niedrig: Mehr als die Hälfte der jungen Menschen diskutiert selten mit den Eltern über Politik. Die Eltern eines weiteren Großteils haben nie an Demonstrationen teilgenommen. Nur das Wahlverhalten der Eltern hat - weil regelmäßig praktiziert - einen prägenden Eindruck bei den jungen Menschen hinterlassen. Generell muss festgehalten werden, dass die politischen Einstellungen der Eltern die ihrer Kinder prägen. Es ist jedoch der beste Freund, der einen entscheidenden Einfluss auf deren politisches Verhalten ausübt.

Sozialisationsinstanz Schule: In den Staaten der Europäischen Union gibt es unterschiedliche strukturelle Möglichkeiten, um an Schulen politisch mitzuwirken. Aufgrund dieser unterschiedlichen Opportunitätsstrukturen sind die Länderergebnisse nicht miteinander vergleichbar. Dennoch zeigen sich generell positive Korrelationen zwischen Beteiligung in der Schule und jener außerhalb der Schule.
  • Je aktiver sich junge Menschen innerhalb der Schule politisch beteiligen, desto aktiver sind sie auch außerhalb der Schule.
  • Je aktiver junge Menschen während ihrer Schulzeit waren, desto aktiver engagieren sie sich politisch, nachdem sie ihre Schulzeit beendet haben.

    In einigen europäischen Ländern haben jene Partizipationsstrukturen, die in Schulen implementiert wurden, um politische Beteiligung und damit die Demokratie zu stärken, positive Wirkung. Die in den Schulen vorhandenen Opportunitätsstrukturen dienen als politische Sozialisationsinstanzen: Das in der Schule gelernte demokratische Verhalten und die dabei geschulten Fähigkeiten in der politischen Beteiligung garantieren, dass junge Menschen auch außerhalb der Schule politisch aktiv werden und über ihre Schulzeit hinaus bleiben.

    Die Beziehung zwischen der politischen Beteiligung in und jener außerhalb der Schule lässt sich anhand einer Reihe von Beispielen verdeutlichen. So diskutieren etwa ein Drittel (35 Prozent) der Schüler zwischen 15 und 18 Jahren in Deutschland und etwa ein Viertel jener in Österreich (27 Prozent) und jener in Italien (25 Prozent) mit ihren Lehrern über politische Themen. In Finnland, Frankreich, der Slowakei und in Großbritannien hingegen tut das nicht einmal jeder zehnte Jugendliche (vgl. Tabelle 8 der PDF-Version).

    Die politischen Diskussionen mit Lehrern in der Schule haben in allen acht Ländern einen signifikanten Einfluss auf die Beteiligung junger Menschen außerhalb der Schule: Je häufiger diese mit ihren Lehrern über politische Themen diskutieren, desto häufiger nehmen sie an öffentlichen Treffen teil und desto häufiger schreiben sie politische Artikel.

    Ein ähnlicher Zusammenhang besteht zwischen der politischen Beteiligung während und jener nach Beendigung der Schulzeit. So berichten etwas mehr als die Hälfte der italienischen (56 Prozent) und der deutschen (54 Prozent) Jugendlichen, dass sie während ihrer Schulzeit die Rolle eines Klassensprechers innehatten (vgl. Tabelle 9 der PDF-Version). Jene Jugendlichen, die während ihrer Schulzeit als Klassensprecher fungierten, engagieren sich danach eher in Wahlkämpfen. Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt in Finnland, der Slowakei und Großbritannien.

    Partizipationserfahrung durch Einbindung in politische Organisationen: Das Engagement in politischen Organisationen - entweder politisch im traditionellen Sinne oder ausgerichtet auf die Vertretung spezifischer gesellschaftlicher Interessen - hat Einfluss auf die Teilnahme an anderen Formen der politischen Partizipation. Generell zeigt sich für die untersuchten europäischen Länder eine sehr geringe Einbindung in politische Organisationen. In Österreich sind die meisten Jugendlichen Mitglied einer Jugendorganisation oder einer politischen Partei. In Italien und Deutschland ist dies nicht der Fall, hier neigen Jugendliche eher dazu, an einer Veranstaltung einer Jugendorganisation teilzunehmen (vgl. Graphik 6 der PDF-Version).

    In den traditionellen politischen Organisationen scheint die Mitgliedschaft die gängige Form der Beteiligung zu sein. In Österreich ist dies darüber hinaus auch der übliche Weg, die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu unterstützen. Die Jugendlichen aller anderen untersuchten Länder nehmen dagegen öfter an Veranstaltungen von Umweltorganisationen teil (vgl. Graphik 7 der PDF-Version). Am häufigsten engagieren sich auf diese Art junge Slowaken, gefolgt von jungen Österreichern. Freiwillige Arbeit innerhalb einer Jugendorganisation einer Partei zu leisten, ist die seltenste Form der Beteiligung und scheint nur in der Slowakei und in Estland einen etwas höheren Stellenwert zu haben als in den übrigen Ländern.

    Die Einbindung in politische Institutionen und Organisationen hat unter anderem Einfluss auf das Wahlverhalten: Jene Jugendlichen, die in politische Organisationen eingebunden sind, nehmen häufiger an Wahlen zum Europäischen Parlament teil als jene, die weder Mitglied sind noch freiwillige Arbeit leisten (vgl. Tabelle 10 der PDF-Version). Sichtbar wird dies beispielsweise in Großbritannien; dort haben 59 Prozent jener Jugendlichen, die in irgendeine politische Organisation eingebunden sind, an der EU-Wahl teilgenommen, während dies bei 36 Prozent nicht der Fall war.

    Besonders deutlich ist dieser Zusammenhang zwischen der Mitgliedschaft in einer Partei und dem Wahlverhalten: So haben in Österreich von jenen Jugendlichen, die aktiv für eine Partei oder die Jugendorganisation einer Partei arbeiten, 21 Prozent an der Wahl zum Europäischen Parlament teilgenommen, während nur 7 Prozent nicht teilgenommen haben.

    Organisatorische Eingebundenheit fördert das politische Engagement von Jugendlichen. Sie führt einerseits zu ausgeprägterem politischen Verhalten und andererseits zu einer Teilnahme an verschiedenen Formen politischer Partizipation. So nehmen jene Jugendlichen, die in Parteiorganisationen eingebunden sind, an drei weiteren politischen Aktivitäten (von insgesamt 16 abgefragten) teil. Gleiches zeigt sich bei Jugendlichen, die sich ausschließlich in NGOs engagieren: Auch sie beteiligen sich an bis zu drei weiteren Formen politischer Partizipation.

    Das politische Engagement Jugendlicher ist nicht ausschließlich, aber substanziell mit politischen Organisationen verbunden. Darüber hinaus besitzen jene Jugendlichen, die in Organisationen eingebunden sind - seien es parteinahe Organisationen oder Organisationen der Zivilgesellschaft -, eine größere Bandbreite an Partizipationserfahrung. Die Erfahrungen, die junge Menschen durch ihr Engagement in politischen Organisationen sammeln, kommen ihnen bei anderen Formen der politischen Beteiligung zugute.

    Zusammenfassung - Empfehlungen



    Die häufigste Form der politischen Beteiligung unter Jugendlichen ist das Wählen. Es gilt ihnen als der effektivste Weg, um am politischen Geschehen teilzunehmen. Dessen ungeachtet ist innerhalb bestimmter Gruppen von jungen Wählern (sehr jung und niedrigere Bildung) und für bestimmte Wahlen (etwa zum Europäischen Parlament) die Wahlbeteiligung sehr gering. Wie die Daten belegen, haben höhere Bildung, aber auch größeres Wissen einen positiven Einfluss auf die politische Beteiligung: Mehr Informationen über die Möglichkeiten und die Effektivität des Wählens, aber auch über die Europäische Union und ihre politischen Institutionen könnten die Beteiligung an den EU-Wahlen erhöhen.

    Die Schule hat sich als wichtige politische Sozialisationsinstanz erwiesen: Jene Schüler, die während ihrer Schulzeit die in den Schulen vorhandenen Strukturen nutzen, um sich politisch zu engagieren, sind zum einen auch außerhalb der Schule aktiv und bleiben dies zum anderen auch nach ihrer Schulzeit. Der Ausbau der an den Schulen vorhandenen Partizipationsmöglichkeiten - etwa durch die Schaffung neuer repräsentativer Funktionen und die Abhaltung von Wahlen oder Referenden - könnte eine breitere politische Beteiligung unter Schülern stimulieren. Darüber hinaus führen positive Partizipationserfahrungen zu einer höheren politischen Beteiligung.

    Des Weiteren hat sich gezeigt, dass das politische Verhalten Jugendlicher substanziell mit politischen Organisationen verbunden ist. Jugendliche, die innerhalb parteinaher und auch zivilgesellschaftlicher Organisationen aktiv sind, zeigen sowohl ein intensiveres als auch ein breiteres politisches Aktivitätsniveau. Jene Organisationen, die junge Menschen in ihre Strukturen integrieren und an der Erarbeitung einer Jugendpolitik beteiligen, sollten daher gefördert werden. Vor allem die Mitarbeit in politischen Organisationen lehrt den jungen Menschen die notwendigen Skills, um sich erfolgreich innerhalb aller vorhandenen Partizipationsstrukturen politisch zu engagieren.

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    Fußnoten

    1.
    Vgl. Flash Eurobarometer 162 "Post European Elections 2004 Survey" (21/6/2004 - 30/6/2004), EOS Gallup Europe, Bericht S. 10, Umfrage organisiert und koordiniert durch Directorate-General "Press and Communication".
    2.
    Vgl. Weißbuch der Europäischen Union: "Neuer Schwung für die Jugend Europas", Brüssel 2001; 2003 formuliert die Kommission in einer Presseaussendung (14. 4. 2003): "Die geringe Beteiligung am demokratischen und gesellschaftlichen Geschehen ist kein Schicksal"; 2004 der National Youth Council of Ireland (NYCI) in einer Pressekonferenz mit dem Titel "It's alienation not apathy".
    3.
    Befragt wurden 8 000 junge Menschen im Alter von 15 bis 25 Jahren in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Estland, Finnland, der Slowakei und in Großbritannien. Vgl. EUYOUPART - Political Participation of Young People in Europe: Development of Indicators for Comparative Research in the European Union; Forschungsprojekt im 5. Rahmenprogramm der Europäischen Kommission (Januar 2003 - Juli 2005).