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13.11.2006 | Von:
Susanne Rippl
Klaus Boehnke

Europas Jugend: Protagonisten für Integration oder Nationalismus?

Ursachen für eine Identifikation mit Europa

Im folgenden Abschnitt wird ein Blick auf mögliche Gründe für eine positive Identifikation mit Europa geworfen. Sylke Nissen betont, dass die Identifikation mit Europa nicht allein emotional zu mobilisieren ist, sondern dass nutzenorientierte Aspekte hier eine Rolle spielen.[22] Ihre These lautet, dass nur derjenige, welcher einen Vorteil für sich oder sein Land in der Zugehörigkeit zu Europa sehen kann, auch bereit ist, sich mit Europa zu identifizieren.

Nimmt man Sorgen und Hoffnungen im Zusammenhang mit der EU-Erweiterung als Indikatoren für erwartete Kosten bzw. erwarteten Nutzen, so zeigt sich bezüglich der Hoffnungen, dass sie in Deutschland kaum altersspezifisch differenziert sind. In den polnischen und tschechischen Grenzregionen hingegen zeigen sich die Jüngeren deutlich hoffnungsfroher als die Älteren (vgl. Abbildung 7 der PDF-Version).

Betrachtet man die Sorgen im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung, so zeigt sich mit Ausnahme der polnischen Grenzregion ein klarer Alterseffekt - die Älteren machen sich eher Sorgen als die Jüngeren (vgl. Abbildung 8 der PDF-Version).

Betrachtet man weiter den Zusammenhang zwischen emotionaler Verbundenheit und den Kosten- und Nutzenerwartungen, den Nissen postuliert,[23] so ergeben sich zwar die erwarteten Zusammenhänge: Geringere Kosten- und höhere Nutzenerwartungen korrespondieren mit einer stärkeren emotionalen Verbundenheit mit Europa. Allerdings fallen diese bestenfalls mittelstark aus; berechnet man Korrelationen, so liegen sie beim Zusammenhang zwischen Sorgen und der Verbundenheit mit Europa für die verschiedenen Altersgruppen zwischen r = -0,16 und r = -0,25. Bei den Hoffnungen finden sich positive Korrelationen zwischen r = +0,19 und r = +0,35. Große Altersunterschiede gibt es somit nicht; wenn Zusammenhänge einmal etwas größer sind, dann ist dies bei den Älteren der Fall. Kosten- und Nutzenerwartungen der Bürger können zwar als positive Rahmenbedingungen für eine Verbundenheit mit Europa fungieren, sie reichen aber bei weitem nicht aus, um eine europäische Identifikation zu mobilisieren. Gleiches gilt letztlich auch umgekehrt: Große Sorgen um die EU-Osterweiterung leisten einem kompensativen Nationalismus zwar einen gewissen Vorschub, können aber in keiner Weise als Ursache für eine politische Rechtsdrift ausgemacht werden.

Um abschließend ein umfassenderes Bild der Ursachen für die Entwicklung von Gefühlen der Verbundenheit mit Europa im Kontext der EU-Osterweiterung zu bekommen, stellen wir noch eine komplexere statistische Analyse vor. Mit Hilfe der so genannten multiplen Regression lässt sich ein simultaner Blick auf alle in Betracht gezogenen Einflussfaktoren werfen und eine Bewertung dieser in ihrem je eigenen Anteil an Verbundenheitsgefühlen mit Europa im Kontext der EU-Osterweiterung vornehmen. Auch diese Auswertung wurde wieder nach Altersgruppen getrennt durchgeführt, diesmal jedoch nur für die (gesamt-)deutsche Repräsentativstichprobe.[24] Abbildung 9 der PDF-Version zeigt den Beitrag, den die verschiedenen von Sozialwissenschaftlern als Prädiktoren bezeichneten Variablen zur Erklärung einer hohen Akzeptanz der EU-Osterweiterung und damit zu einer Befürwortung der Weiterführung des Projekts Europa leisten.

Was verrät uns Abbildung 9 der PDF-Version über die Gründe für eine hohe Akzeptanz des Projekts EU-Erweiterung? Sie zeigt zunächst einmal deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Das subjektive Gefühl geringer Kosten (bei den jüngeren Befragtengruppen) und großen Nutzens (bei den älteren Befragten) ist der wichtigste Grund für eine Befürwortung der Erweiterung der EU. Vorgefertigte Haltungen leisten jedoch einen ebenfalls recht beträchtlichen Beitrag zur Erklärung, warum jemand das Projekt EU-Erweiterung befürwortet bzw. warum nicht. Und gerade hier gibt es große Altersdifferenzen. Bei jungen Menschen ist die nationalistische Grundeinstellung der wichtigste Hemmschuh für eine Unterstützung des Projekts EU-Erweiterung. Bei Älteren hingegen spielt es keine Rolle, ob jemand nationalistische Einstellungen favorisiert; wichtig ist vielmehr die allgemeine Sympathie für Polen und Tschechen.

Fußnoten

22.
Vgl. S. Nissen (Anm. 7).
23.
Vgl. ebd.
24.
Ihre Durchführung erfordert größere Stichprobenumfänge, die in den Grenzregionen-Stichproben nicht gegeben sind. Berichtet werden so genannte ß-Koeffizienten, die als - um mögliche Einflüsse anderer Prädiktoren bereinigte - Korrelationskoeffizienten aufgefasst werden können.