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13.11.2006 | Von:
Susanne Rippl
Klaus Boehnke

Europas Jugend: Protagonisten für Integration oder Nationalismus?

Jugendliche unterscheiden sich in der Akzeptanz des Projekts Europa kaum von anderen Altersgruppen. Allerdings ist unter Jüngeren ein - eigentlich in dieser Altersgruppe gering verbreiteter – anti-europäischer Nationalismus anzutreffen.

Einleitung

Die Integration Europas jenseits von Wirtschaftsgemeinschaften, wie sie die Nachkriegsgeschichte dominierten, und über den vormaligen Eisernen Vorhang hinweg ist ein langfristiges Projekt. Insbesondere die heutige Jugend bestimmt deshalb die Zukunft und Erfolg dieses Projektes. Über die Haltung junger Menschen zu Europa weiß man allerdings recht wenig. Ist Europa insgesamt und die EU-Osterweiterung im Besonderen eher ein Schreckgespenst, das einen kompensativen Nationalismus befördert, oder fungieren junge Menschen als Motor der europäischen Integration? Die Autorinnen und Autoren bisher vorliegender Analysen befassen sich eher allgemein mit den Problemen, die der Integrationsprozess in der Gesamtbevölkerung mit sich bringt, und fokussieren kaum auf junge Menschen.

Die so genannte EU-(Ost)Erweiterung wurde am 1. Mai 2004 formell vollzogen - zehn neue Mitgliedsstaaten aus Osteuropa und dem Mittelmeerraum wurden Teil des Projektes "Europäische Integration". Die EU zählt seitdem etwa 450 Millionen Bürgerinnen und Bürger aus 25 Ländern. Der Prozess der Erweiterung ist nicht abgeschlossen. Rumänien und Bulgarien werden im Jahre 2007 beitreten, Kroatien und vermutlich auch die Türkei zu einem späteren Zeitpunkt. Weitere Länder des Balkans und auch die Ukraine haben Beitrittsambitionen.

Immer wieder wird allerdings gefragt, ob das Projekt der europäischen Integration in der Bevölkerung insbesondere der angestammten EU-Länder (Italien, Frankreich, Deutschland und Benelux) auch angenommen wird oder ob es - in der Form, in der es aktuell betrieben wird - eher neuem Nationalismus Vorschub leistet. Die europäische Integration wird bisher gern als ein auf politischer, rechtlicher oder wirtschaftlicher Ebene vollzogenes Unterfangen betrachtet, das von Eliten getragen wird und in der Bevölkerung nicht oder noch nicht angekommen ist. Während die Systemintegration voranschreitet, verläuft die Sozialintegration deutlich langsamer.[1] Als deren rechtlicher Rahmen wurde 1996 in Maastricht eine Unionsbürgerschaft - ausgestattet mit bürgerlichen Grundrechten - in das europäische Vertragswerk integriert.

Allerdings ist der Bekanntheitsgrad dieses Sachverhaltes unter den Bürgern sehr gering.[2] Als weiteres Symptom mangelnder Integration werten Winand Gellner und Armin Glatzmeier in einer früheren Ausgabe von Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ) die rückläufige Wahlbeteiligung bei den Europawahlen von 63 Prozent 1979 auf 45,7 Prozent im Jahr 2004.[3] Auch kontroverse Debatten um eine europäische Verfassung und die zum Teil ernüchternden Ergebnisse von Referenden bestätigen die "unfertige" Situation der EU im Sinne der Entwicklung eines Europas der Bürger. Es wird daher zunehmend darauf ankommen, die Bevölkerung für das Projekt zu begeistern und auch auf individueller und sozialer Ebene Integrationsprozesse in Gang zu setzen. Wie Richard Münch hervorhebt, benötigt eine positive Integration auf sozialer Ebene die Mobilisierung von Gefühlen der Zusammengehörigkeit und Solidarität.[4] Zugehörigkeit mit der Möglichkeit der Teilhabe und Identifikation ist ein zentraler Aspekt der Sozialintegration.

Nur eine parallele Entwicklung von System- und Sozialintegration wird langfristig das Projekt Europa festigen.[5] Insbesondere eine Weiterentwicklung der EU, die den transnationalen Kompetenzbereich erhöhen und größere Umverteilungsprozesse mit sich bringen wird, verlangt nach verstärktem Solidarverhalten.[6] Sylke Nissen bezweifelt - ebenfalls in einer früheren Ausgabe von APuZ -, dass allein affektive Aspekte die Sozialintegration befördern.[7] Sie sieht affektive und utilitaristische Komponenten einer europäischen Identität und betont damit die Notwendigkeit der Berücksichtigung nutzenorientierter Aspekte der Identifikation mit Europa. Nur wenn die Bürger eines Landes für sich oder ihr Land Vorteile sehen, kann Bereitschaft zur Solidarität wachsen. Anderenfalls ist eher eine kompensative Hinwendung zu alten, neuen Nationalismen zu befürchten.[8]

Wie Melanie Morisse-Schilbach und Katja Schröder hervorheben, stellt die stetige Veränderung des Objektes der Identitätsbildung durch die Erweiterungsschritte eine besondere Schwierigkeit der Entwicklung von europäischer Identität unter EU-Bürgerinnen und -Bürgern dar.[9] Durch die EU-(Ost)Erweiterung erhöhte sich die Heterogenität der EU; es traten Staaten bei, deren ökonomischer Status sich deutlich von dem der Altmitglieder unterscheidet. Neben wirtschaftlichen Unterschieden finden sich auch auf kultureller Ebene Differenzen, gespeist unter anderem aus der sozialistischen Vergangenheit von acht der zehn Beitrittsländer. Jürgen Gerhards und Michael Hölscher belegen deutliche Unterschiede in den kulturellen Orientierungen (z.B. Haltungen zu Staat, Kirche, Wirtschaft und Familie) zwischen den Alt- und den Neumitgliedern.[10] Zwar teilen die EU-15-Länder grundlegende Vorstellungen über Staat, Kirche, Wirtschaft und Familie, in den Beitrittsländern zeigen sich jedoch zum Teil deutliche Differenzen zu diesen Positionen. Jan Delhey sieht die Expansion der EU durch die heterogenisierende Wirkung der jüngsten Erweiterungsschritte mit steigenden Kosten der Sozialintegration verbunden.[11] Gellner und Glatzmeier konstatieren: "Während Europa als Wertegemeinschaft der Eliten seinen Ausdruck überwiegend in normativen Forderungen findet, bleibt es als Wertegemeinschaft der Bürger aus empirischer Sicht höchst uneinheitlich."[12]

Ein Gefühl der Identität muss sich auf Grundlage dieser Unterschiedlichkeit weniger auf das Vorhandensein von Ähnlichkeit gründen als vielmehr auf den gemeinsamen Willen zum Erfolg des Projektes Europa. Thomas Meyer spricht hier von einer "Projektidentität", die sich weniger am Status quo als an den Zielen des Projektes der Integration orientiert.[13] Münch betont, dass eine "EU-Gesellschaft" neue Formen der Solidarisierung benötigt.[14] Delhey glaubt, dass Vertrauen zwischen den europäischen Völkern eine Bindekraft entwickeln könnte. Vertrauen ruht aber letztlich auf der Existenz fundamentaler Gemeinsamkeiten. Während Delhey für die EU-15 eine relativ solide Vertrauensbasis konstatiert, kommt er anhand seiner Analysen der Eurobarometerdaten zu dem Schluss, "dass die Osterweiterung das durchschnittliche transnationale Vertrauen in der EU verringert". Aufgrund der räumlichen Nähe und des Wohlstandniveaus sieht er Deutschland als eines der "zentralen Laboratorien", in denen "das Experiment Osterweiterung auf seine Alltagstauglichkeit getestet werden wird".[15]

Der Prozess des Zusammenwachsens Europas wird vorrangig von den - jetzt - jüngeren Altersgruppen zu leisten sein. Delhey bewertet diesen Sachverhalt positiv; er glaubt an ein wachsendes Sozialkapital in Gestalt von Vertrauen in die EU, da insbesondere die jüngeren Altersgruppen mehr Vertrauen in Bürger der (neuen) Mitgliedsländer zeigten als die älteren.

Die hier vorgelegte Analyse wirft einen komparativen Blick auf diese These und kontrastiert sie mit der These, dass die (Ost)Erweiterung der EU eher Quell eines kompensativen - Besorgnisse um negative Konsequenzen der Erweiterung verarbeitenden - Nationalismus ist. Es wird danach gefragt, ob es Unterschiede in verschiedenen Altersgruppen in der Haltung zu Europa und dem Projekt der europäischen Integration gibt. Dabei wird zwischen dem Altmitglied Deutschland und den Neumitgliedern Polen und Tschechische Republik verglichen und erarbeitet, inwieweit sich in den Erweiterungsländern ein anderes Stimmungsbild zeigt als in Deutschland.

Die Daten

Datengrundlage der folgenden Analysen ist eine Repräsentativstichprobe für die gesamte deutsche Wohnbevölkerung ab 14 Jahren (N = 1 008), ergänzt durch drei repräsentative Stichproben der Grenzregionen Deutschlands (N = 513), Polens (N = 397) und der Tschechischen Republik (N = 409). Als Grenzregion wurde ein 50 Kilometer breiter Streifen beiderseits der Grenze definiert. Es wurden jeweils nur Personen deutscher, polnischer bzw. tschechischer Staatsangehörigkeit befragt.

Befragungszeitraum war in allen Gebieten der Juni 2003, die Erhebungen fanden also etwa ein Jahr vor dem faktischen Vollzug der EU-(Ost)Erweiterung statt. Es kam ein vollstandardisierter Fragebogen zur Anwendung, der nach dem Ansatz der Translation-Back-Translation ins Polnische und Tschechische übersetzt wurde.[16] In Deutschland wurden Telefoninterviews durchgeführt, in den Grenzregionen Polens und der Tschechischen Republik wurden aufgrund der noch zu geringen Telefondichte persönliche, so genannte Face-to-Face-Interviews durchgeführt.

Verbundenheit mit Europa - Aspekte der Sozialintegration

Ein Mangel an Sozialintegration in der Europäischen Union wird von verschiedenen Autoren thematisiert. Münch betont, dass die emotionale Verbundenheit ein wichtiger Baustein für eine Integration auf der sozialen Ebene ist.[17] Sozialintegration ist allerdings ein sehr abstrakter Begriff, der empirisch nicht leicht zu fassen ist. Im Zusammenhang mit Sozialintegration wird immer auch von affektiver Bindung, Zusammengehörigkeitsgefühlen, kollektiver Identität, Solidarität, Vertrauen oder Legitimität gesprochen.[18] In der folgenden Analyse sollen einige dieser Aspekte genauer betrachtet werden - im Zentrum steht dabei die Frage nach der Haltung der "jungen Menschen" im Vergleich zu anderen Altersgruppen. Anhand der jüngsten Altersgruppe können Entwicklungstendenzen zumindest als Annäherungen für zukünftige Entwicklungen in den Blick genommen werden. Aspekte der Sozialintegration wurden in den vier Stichproben durch die Verbundenheit mit Europa, die Sympathie für die Nachbarvölker und die Haltung zu den politischen Projekten Europäische Union und EU-Osterweiterung erfasst. Einer Sozialintegration stehen Bedrohungsgefühle und Nationalismus in den jeweiligen Ländern entgegen.

Insgesamt wird erwartet, dass die soziale Integration der jüngeren Altersgruppen stärker ist, da historische Konflikterfahrungen hier weitaus geringere Bedeutung haben sollten, und dass kompensativer Nationalismus eben kein Jugendphänomen, sondern ein Reaktionsmuster der Älteren ist.

Zuerst sei ein Blick auf die gefühlsmäßige Bindung an Europa geworfen: Diese wurde auf eine sehr direkte Weise mit der Frage nach der Verbundenheit mit Europa erfasst. Insgesamt finden sich in allen Altersgruppen und Regionen relativ starke Verbundenheitsgefühle: 75 bis 90 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland und den Grenzregionen geben an, sich mit Europa eher oder sogar sehr verbunden zu fühlen. Diese Gefühle sind in der jüngsten Altersgruppe allerdings in allen Regionen etwas geringer ausgeprägt als bei älteren Befragten. Die Verbundenheitsgefühle erreichen aber dennoch auch bei den Jungen ein relativ hohes Niveau, so dass junge Menschen im Lichte dieser ersten Analysen weder als Avantgarde des integrierten Europas noch als Protagonisten eines kompensativen Nationalismus anzusehen wären (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version).

Betrachtet man im Vergleich dazu die Verbundenheit mit dem eigenen Land, relativiert sich dieses Bild der Altersdifferenziertheit. Für die Bezugsgröße "eigenes Land" zeigt sich eine weitaus deutlichere Altersdifferenzierung, die dafür spricht, dass bei jüngeren Menschen insgesamt die Tendenz, sich mit staatlichen oder kollektiven Größen zu identifizieren, abnimmt bzw. geringer ausgeprägt ist. In Deutschland (Gesamt) liegt die Verbundenheit mit dem eigenen Land in den jüngeren Kohorten sogar noch niedriger als jene mit Europa. Auffällig ist zudem, dass in der deutschen Grenzregion im Unterschied zu Gesamtdeutschland die Identifikation mit Deutschland stärker ausgeprägt ist und die Verbundenheit mit Europa schwächer (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).

Dieser Befund alarmiert in gewisser Weise, da gerade die Grenzregionen als "Laboratorien" der Integration gesehen werden können.[19] Die Nähe der Grenze und der Nachbarn fördert aber offenbar gerade nicht die Verbundenheit mit einer gemeinsamen - europäischen - Identität. Dies zeigt sich, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau, bei allen Altersgruppen. Die Differenzen zwischen der Verbundenheit zu Europa und zum eigenen Land fallen allerdings bei den Jüngsten am geringsten aus. Wirft man nun einen genaueren Blick darauf, ob die Verbundenheit mit dem eigenen Land als kompensativer Nationalismus verstanden werden muss - ob also eine besonders hohe Verbundenheit mit dem eigenen Land mit einer besonders geringen Verbundenheit mit Europa einhergeht -, so wird deutlich, dass entgegen einer derartigen spontanen Erwartung in keiner der Stichproben und in keiner Altersgruppe ein negativer Zusammenhang zwischen beiden Arten der Verbundenheit besteht. Wer sich stark mit dem eigenen Land verbunden fühlt, berichtet auch eine relativ stärkere Verbundenheit mit Europa. Es geht also bei der Frage nach der Verbundenheit mit der eigenen Nation und mit der supranationalen Einheit Europa nicht um antagonistische Gefühle. Vielmehr besteht zwischen beiden Arten der Verbundenheit ein positiver Zusammenhang. Ausgedrückt in Korrelationen - Zusammenhangskoeffizienten können die Werte von -1 bis +1 annehmen - bedeutet dies, dass wir es mit Werten zwischen r = +0,26 für die jüngsten und r = +0,34 für die ältesten Befragten zu tun haben.

Betrachtet man nationalistische Orientierungen unmittelbarer, indem man etwa nach der Zustimmung zu Statements wie dem folgenden fragt, "Die Werte unseres Nationalstaates werden zu wenig geschützt", so zeigt sich auch hier, dass nationalistische Einstellungen in den Grenzregionen, also in grenznahen Gegenden von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Bayern, stärker ausgeprägt sind als im restlichen Deutschland. Gleichzeitig gibt es nun klare Altersunterschiede: Ältere stimmen solchen Aussagen signifikant stärker zu als Jüngere. Diese Tendenz findet sich - auf deutlich höherem Niveau - auch in den polnischen und tschechischen Grenzregionen. Allerdings stehen nationalistische Gefühle nur in Deutschland in einem negativen Verhältnis zu einer Verbundenheit zu Europa (r = -0,16), wohingegen es in Polen und der Tschechischen Republik tendenziell positive, aber statistisch nicht signifikante Zusammenhänge gibt (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version).

Da der Begriff Europäische Union in der Frageformulierung ("Wie verbunden fühlen Sie sich mit Europa?") gar nicht genannt wurde, muss das politische Projekt EU von den Befragten auch nicht unbedingt assoziiert werden. Insgesamt zeigt sich allerdings bei einer konkreten Erwähnung der EU-Osterweiterung wiederum eine sehr positive - regional etwas unterschiedliche - Haltung: Während in Deutschland knapp 70 Prozent der EU-Osterweiterung zustimmen (67,9 Prozent Grenzregion/69,9 Prozent Gesamt), sind es in Polen 76,8 Prozent und in der Tschechischen Republik 84,6 Prozent. Betrachtet man die Altersdifferenzierung, so zeigt sich in Deutschland und den beiden Beitrittsländern ein unterschiedlicher Trend. In Deutschland überwiegt eine positive Haltung bei den ältesten Befragten, gefolgt von den jüngsten, bei einer deutlich skeptischeren Haltung bei den 30- bis 64-Jährigen. In Polen und in der Tschechischen Republik sind es regelmäßig die jüngsten Befragten, die sich der EU-Osterweiterung gegenüber besonders aufgeschlossen zeigen, während mit zunehmendem Alter wachsende Skepsis zu konstatieren ist (vgl. Abbildung 4 der PDF-Version).

Dieser Trend betrifft im Übrigen nicht nur die EU-Osterweiterung, sondern auch die EU im Allgemeinen (vgl. Abbildung 5 der PDF-Version).

Die etwas größere Distanz der jüngeren Deutschen hatte sich bereits bei der Frage nach der Verbundenheit mit Europa gezeigt. Auch hier zeigten die Jungen sich etwas distanzierter als die Älteren. Dies könnte mit einer allgemein größeren Distanz zu kollektiven Identifikationsobjekten zusammenhängen.

Delhey sieht im Vertrauen gegenüber unseren Nachbarn eine wichtige Quelle für Bindekraft zwischen den Völkern.[20] Da diese Kategorie nicht direkt erfasst wurde, wird hier die Sympathie für die Nachbarvölker dargestellt; eine Frage, die auch als sozusagen inverser Nationalismus-Indikator gesehen werden kann. Betrachtet man hier die Unterschiede zwischen Altersgruppen, so zeigt sich, dass die jüngsten Befragten in Deutschland eine etwas größere Distanz zur Bevölkerung der Beitrittsländer haben. Das diesbezügliche Ergebnis fällt zwar nicht besonders deutlich aus, überrascht aber dennoch, zeigen doch verschiedene Studien zur Fremdenfeindlichkeit, dass es eigentlich immer die Älteren sind, die größere Distanz zu Fremden zeigen.[21] Dies ist umso bedeutsamer, als sich in den Beitrittsländern ein umgekehrter Trend zeigt: Die Sympathie für den deutschen Nachbarn ist umso höher, je jünger eine Befragter ist. Insgesamt sollte allerdings hervorgehoben werden, dass eine positive Bewertung der jeweiligen Nachbarn in allen Altersgruppen die Regel ist. Die Mehrheit der Befragten nehmen diese als sympathisch wahr (vgl. Abbildung 6 der PDF-Version).

Auch wenn mangelnde Sozialintegration von vielen Autoren als Haupthindernis für eine positive Entwicklung in Europa gesehen wird, lässt sich ein solcher Mangel zumindest auf der Ebene affektiver Gefühle und Haltungen zu Europa, der EU oder deren Osterweiterung in den von uns betrachteten Regionen nicht ohne weiteres feststellen. Es gibt ein relativ hohes Maß an Zustimmung quer durch alle Altersgruppen zu Europa und zum politischen Projekt EU. Natürlich beziehen sich die Äußerungen nur auf eine sehr allgemeine und grundsätzliche Haltung, die anhand von Detailfragen und bei Belastungen auf ihre Nachhaltigkeit geprüft werden müssen. Ein negatives Klima für Europa lässt sich jedenfalls im Jahre 2003 in Erwartung der großen Erweiterungsrunde nicht ausmachen. Die These, dass die jüngeren Altersgruppen positivere Haltungen zeigen, kann jedoch für Deutschland ebenfalls nicht belegt werden. Es zeigen sich insgesamt relativ geringe Altersdifferenzen, wobei positivere Einstellungen - wenn es denn einmal Altersunterschiede gibt - eher bei Älteren zu finden sind. In den Beitrittsländern zeigt sich - wie zu erwarten - insgesamt eine etwas "euphorischere" Haltung, die dort auch eher von den Jüngeren getragen wird.

Ursachen für eine Identifikation mit Europa

Im folgenden Abschnitt wird ein Blick auf mögliche Gründe für eine positive Identifikation mit Europa geworfen. Sylke Nissen betont, dass die Identifikation mit Europa nicht allein emotional zu mobilisieren ist, sondern dass nutzenorientierte Aspekte hier eine Rolle spielen.[22] Ihre These lautet, dass nur derjenige, welcher einen Vorteil für sich oder sein Land in der Zugehörigkeit zu Europa sehen kann, auch bereit ist, sich mit Europa zu identifizieren.

Nimmt man Sorgen und Hoffnungen im Zusammenhang mit der EU-Erweiterung als Indikatoren für erwartete Kosten bzw. erwarteten Nutzen, so zeigt sich bezüglich der Hoffnungen, dass sie in Deutschland kaum altersspezifisch differenziert sind. In den polnischen und tschechischen Grenzregionen hingegen zeigen sich die Jüngeren deutlich hoffnungsfroher als die Älteren (vgl. Abbildung 7 der PDF-Version).

Betrachtet man die Sorgen im Zusammenhang mit der EU-Osterweiterung, so zeigt sich mit Ausnahme der polnischen Grenzregion ein klarer Alterseffekt - die Älteren machen sich eher Sorgen als die Jüngeren (vgl. Abbildung 8 der PDF-Version).

Betrachtet man weiter den Zusammenhang zwischen emotionaler Verbundenheit und den Kosten- und Nutzenerwartungen, den Nissen postuliert,[23] so ergeben sich zwar die erwarteten Zusammenhänge: Geringere Kosten- und höhere Nutzenerwartungen korrespondieren mit einer stärkeren emotionalen Verbundenheit mit Europa. Allerdings fallen diese bestenfalls mittelstark aus; berechnet man Korrelationen, so liegen sie beim Zusammenhang zwischen Sorgen und der Verbundenheit mit Europa für die verschiedenen Altersgruppen zwischen r = -0,16 und r = -0,25. Bei den Hoffnungen finden sich positive Korrelationen zwischen r = +0,19 und r = +0,35. Große Altersunterschiede gibt es somit nicht; wenn Zusammenhänge einmal etwas größer sind, dann ist dies bei den Älteren der Fall. Kosten- und Nutzenerwartungen der Bürger können zwar als positive Rahmenbedingungen für eine Verbundenheit mit Europa fungieren, sie reichen aber bei weitem nicht aus, um eine europäische Identifikation zu mobilisieren. Gleiches gilt letztlich auch umgekehrt: Große Sorgen um die EU-Osterweiterung leisten einem kompensativen Nationalismus zwar einen gewissen Vorschub, können aber in keiner Weise als Ursache für eine politische Rechtsdrift ausgemacht werden.

Um abschließend ein umfassenderes Bild der Ursachen für die Entwicklung von Gefühlen der Verbundenheit mit Europa im Kontext der EU-Osterweiterung zu bekommen, stellen wir noch eine komplexere statistische Analyse vor. Mit Hilfe der so genannten multiplen Regression lässt sich ein simultaner Blick auf alle in Betracht gezogenen Einflussfaktoren werfen und eine Bewertung dieser in ihrem je eigenen Anteil an Verbundenheitsgefühlen mit Europa im Kontext der EU-Osterweiterung vornehmen. Auch diese Auswertung wurde wieder nach Altersgruppen getrennt durchgeführt, diesmal jedoch nur für die (gesamt-)deutsche Repräsentativstichprobe.[24] Abbildung 9 der PDF-Version zeigt den Beitrag, den die verschiedenen von Sozialwissenschaftlern als Prädiktoren bezeichneten Variablen zur Erklärung einer hohen Akzeptanz der EU-Osterweiterung und damit zu einer Befürwortung der Weiterführung des Projekts Europa leisten.

Was verrät uns Abbildung 9 der PDF-Version über die Gründe für eine hohe Akzeptanz des Projekts EU-Erweiterung? Sie zeigt zunächst einmal deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen. Das subjektive Gefühl geringer Kosten (bei den jüngeren Befragtengruppen) und großen Nutzens (bei den älteren Befragten) ist der wichtigste Grund für eine Befürwortung der Erweiterung der EU. Vorgefertigte Haltungen leisten jedoch einen ebenfalls recht beträchtlichen Beitrag zur Erklärung, warum jemand das Projekt EU-Erweiterung befürwortet bzw. warum nicht. Und gerade hier gibt es große Altersdifferenzen. Bei jungen Menschen ist die nationalistische Grundeinstellung der wichtigste Hemmschuh für eine Unterstützung des Projekts EU-Erweiterung. Bei Älteren hingegen spielt es keine Rolle, ob jemand nationalistische Einstellungen favorisiert; wichtig ist vielmehr die allgemeine Sympathie für Polen und Tschechen.

Fazit

Kommen wir zur eingangs aufgeworfenen Frage zurück, ob Jugendliche im Kontext der EU-Osterweiterung eher als Motor der Integration Europas oder als Protagonisten eines kompensativen Nationalismus fungieren, so fällt eine eindeutige Antwort schwer. Besonders große Unterschiede in den Einstellungen zum Projekt Europa zwischen Menschen verschiedenen Alters sind in Deutschland nicht auszumachen; es gibt solche Unterschiede eher in den Beitrittsländern. Junge Menschen sind dabei in keiner der betrachteten Regionen ausgeprägt nationalistischer als andere Altersgruppen; typischerweise sind es nach wie vor ältere Bevölkerungsgruppen, die nationalistische Einstellungen favorisieren.

Dennoch gibt es eher Grund zur Sorge denn zur Beruhigung: Nur bei jungen Menschen gibt es einen gegen Europa und dessen Erweiterung gerichteten Abwehrnationalismus. Wer jung und nationalistisch eingestellt ist, lehnt das Projekt Europa in der Regel ab; noch verstärkt ist dies in den Grenzregionen zu Polen und zur Tschechischen Republik der Fall. Will man die Akzeptanz des Projekts Europa erhöhen, so scheint es eine in allen Altersgruppen viel versprechende Strategie zu sein, den je individuellen Nutzen und die eher geringen Kosten des Projekts EU-Erweiterung verstärkt herauszustreichen. Gezielt bei jungen Menschen - auch und vor allem in Grenzregionen - gilt es hingegen zusätzlich aktiv den Gefahren nationalistischer Orientierungen entgegenzuwirken.
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Fußnoten

1.
Die Differenzierung in System- und Sozialintegration bezieht sich auf eine Unterscheidung, die Lookwood 1964 vorgenommen hat: David Lockwood, Soziale Integration und Systemintegration, in: Wolfgang Zapf (Hrsg.), Theorien des sozialen Wandels, Köln 1971. Systemintegration meint das Ausmaß der Abstimmung der einzelnen Systeme einer Gesellschaft, wohingegen Sozialintegration auf die Inklusion und Teilhabe einzelner Individuen einer Gesellschaft abhebt.
2.
Vgl. Eurobarometer 133, in http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl133_de.pdf (20.8. 2006).
3.
Vgl. Winand Gellner/Armin Glatzmeier, Die Suche nach der europäischen Zivilgesellschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (2005) 36, S. 8 - 15.
4.
Vgl. Richard Münch, Strukturwandel der Sozialintegration durch Europäisierung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 40 (2005), S. 205 - 225.
5.
Vgl. Jürgen Habermas, Solidarität jenseits des Nationalstaats. Notizen zu einer Diskussion, in: Jens Beckert et al. (Hrsg.), Transnationale Solidarität. Chancen und Grenzen, Frankfurt/M. 2004; Dirk Baier/Susanne Rippl/Angela Kindervater/Klaus Boehnke, Die Osterweiterung der Europäischen Union - Das Meinungsbild in Deutschland, der Tschechischen Republik und Polen und die möglichen Folgen, in: Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, 53 (2004) 3, S. 311 - 324.
6.
Vgl. Martin Kohli, Die Entstehung einer europäischen Identität: Konflikte und Potentiale, in: Hartmut Kaelble/Martin Kirsch/Alexander Schmidt-Gernig (Hrsg.), Transnationale Öffentlichkeiten und Identitäten im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 2002.
7.
Vgl. Sylke Nissen, Europäische Identität und die Zukunft Europas, in: APuZ, (2004) 38, S. 21 - 29.
8.
So jedenfalls lautet die zentrale These des von den Autoren verantworteten und im Rahmen eines von Wilhelm Heitmeyer geleiteten und vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft geförderten Forschungsprogramms an der Universität Bielefeld, aus dem hier berichtet wird.
9.
Vgl. Melanie Morisse-Schilbach/Katja Schröder, Europäische Identität: Was verändert die Osterweiterung? Erfolgsaussichten von Identitätsbildung in einer Gemeinschaft im Wandel, Friedrich-Ebert-Stiftung, Online Akademie, in: http://www.fes-online-akademie.de/send_file.php/download/pdf/ morisseschilbach_schroeder.pdf (20.8. 2006).
10.
Vgl. Jürgen Gerhards/Michael Hölscher, Kulturelle Unterschiede in der Europäischen Union. Ein Vergleich zwischen Mitgliedsländern, Beitrittskandidaten und der Türkei, Wiesbaden 2005.
11.
Vgl. Jan Delhey, Nationales und transnationales Vertrauen in der Europäischen Union, in: Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaften, 32 (2004) 1, S. 15 - 45.
12.
W. Gellner/A. Glatzmeier (Anm. 3), S. 12.
13.
Vgl. Thomas Meyer, Die Identität Europas, Frankfurt/M. 2004.
14.
Vgl. R. Münch (Anm. 4).
15.
Jan Delhey, EU: Identität und Integration. Nationales und transnationales Vertrauen in Europa, in: WZB-Mitteilungen, (2004) 103, S. 7 - 11, hier: S. 10.
16.
Der auf Deutsch erarbeitete Fragebogen wird zunächst von einer bilingualen Person in die Fremdsprache übersetzt, dann von einer weiteren bilingualen Person zurück ins Deutsche. Dann werden beide Versionen verglichen und Unstimmigkeiten (für die Differenzen zwischen der deutschen Ausgangsversion und der rückübersetzten deutschen Version stehen) soweit möglich ausgeräumt. Fragen, für die dies nach längeren Diskussionen des bilingualen Übersetzungsteams nicht möglich erscheint, werden eliminiert.
17.
Vgl. R. Münch (Anm. 4).
18.
Vgl. Dirk Baier, Bedrohungsgefühle, interkulturelle Beziehungen und nationalistische Einstellungen im Kontext der EU-Osterweiterung - Vergleichende Befunde aus Umfragen im sächsisch-tschechischen und bayerisch-tschechischen Grenzraum, in: Wolfgang Aschauer/Ingrid Hudabiunigg (Hrsg.), Alteritätsdiskurse im sächsisch-tschechischen Grenzraum, Chemnitz 2005; Peter Imbusch/Dieter Rucht, Integration und Desintegration in modernen Gesellschaften, in: Wilhelm Heitmeyer/Peter Imbusch (Hrsg.), Integrationspotentiale einer modernen Gesellschaft, Wiesbaden 2005.
19.
Vgl. J. Delhey (Anm. 15).
20.
Vgl. J. Delhey (Anm. 15).
21.
Vgl. Susanne Rippl, Eltern-Kind Transmission. Einflussfaktoren zur Erklärung von Fremdenfeindlichkeit im Vergleich, in: Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation, 24 (2004) 1, S. 17 - 32.
22.
Vgl. S. Nissen (Anm. 7).
23.
Vgl. ebd.
24.
Ihre Durchführung erfordert größere Stichprobenumfänge, die in den Grenzregionen-Stichproben nicht gegeben sind. Berichtet werden so genannte ß-Koeffizienten, die als - um mögliche Einflüsse anderer Prädiktoren bereinigte - Korrelationskoeffizienten aufgefasst werden können.