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6.11.2006 | Von:
Joachim Hösler

Sloweniens historische Bürde

Widerstand und Kollaboration

Für die Entfaltung eines alle politischen Lager umfassenden Widerstands in Slowenien gab es aus mehreren Gründen keine Chance.[15] Erstens lehnten die Repräsentanten der bürgerlichen Vorkriegsregierung und -parteien jede Zusammenarbeit mit der Kommunistischen Partei Sloweniens (KPS) unter Hinweis auf deren Illegalität im Königreich Jugoslawien grundsätzlich ab. Zweitens war keine Einigung über die Frage der Rechtskontinuität des Königreichs zu erzielen. Die Bürgerlichen hielten an diesem Prinzip fest, die KPS negierte es. Drittens sprachen die Vorkriegseliten dem italienischen Kaiser Victor Emanuel III. und Benito Mussolini Anfang Mai 1941 ihre Loyalität aus und arbeiteten mit der Besatzungsmacht zusammen. Dies verurteilte die KPS als Verrat an den nationalen Interessen Sloweniens. Viertens wiederum vertraten die Kommunisten beim Aufbau der Partisanenbewegung einen Führungsanspruch, der für die antikommunistischen Politiker inakzeptabel war. Nichtkommunistische Widerstandsgruppen wurden so zwischen Besatzungsmacht und Partisanen zerrieben.

Zwar entstand Ende April 1941 unter der Führung der KPS ein "antiimperialistisches" Widerstandsbündnis mit linksbürgerlichen Kräften, dieses wurde jedoch nie aktiv. Vor dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war die KPS unfähig, Widerstand gegen Deutschland zu betreiben. Erst am 11. Juli trat zum ersten Mal die Osvobodilna fronta (OF), die "Befreiungsfront", in Erscheinung. Aufgrund ihrer Erfahrung in der Illegalität, ihrer Organisationskraft und Entschlossenheit dominierten die Kommunisten die Befreiungsfront von Anfang an. Der organisatorische Aufbau vollzog sich rasch. Innerhalb eines Jahres entstanden Organe für die politische und militärische Leitung, für eine Gerichtsbarkeit, für Spionage, Sabotage und die Liquidierung von "Feinden des slowenischen Volkes". Ende 1942 schloss sich die OF der gesamtjugoslawischen Partisanenbewegung unter der Führung von Josip Broz Tito an. Als diese im Juni 1944 von den Alliierten anerkannt wurde, genoss auch die slowenische Befreiungsfront internationale Anerkennung und begann, Maßnahmen zum Aufbau einer neuen slowenischen Macht innerhalb eines föderativen Jugoslawien zu ergreifen.

Wer sich den Partisanen anschloss, ging "in den Wald".[16] Der Wald wurde zum Symbol der Partisanen. Aus Sicht der Besatzer galt er als "bandenverseucht"; für die Widerständler war der Wald, vor allem der Kocevski rog, Rückzugsgebiet und Versammlungsort. Hier errichteten sie konspirativ ihre Infrastruktur, ihre politischen und militärischen Kommandozentralen, Schulen und Spitäler. Neben feindlichen Truppen und Denunzianten war der Mangel an Lebensnotwendigem der Hauptfeind der jugoslawischen Partisanen. Daher verordneten sie sich harte Regeln: 1. gnadenloser Kampf gegen die Okkupanten, 2. Ablehnung nationaler Gegensätze, 3. bedingungslose Fürsorge für Verletzte und Kranke sowie Einhaltung der Hygiene, 4. Verbot erotischer und sexueller Beziehungen in den Einheiten (diese vierte Regel galt in der OF nicht). Anfang 1944 gab es etwa 40 000 Partisanen. Worin lagen die Gründe für den großen Zulauf? Erstens trieb die Empörung über die Brutalität der Besatzer, die durch rassistische Musterung, Zwangsdeportationen und -rekrutierungen[17] sowie Geiselerschießungen erfahrene Pein viele Slowenen "in den Wald". Zweitens stammten etliche Partisanen aus Familien im Küstengebiet, das nach dem Ersten Weltkrieg Italien zugeschlagen und einer massiven Italianisierung ausgesetzt worden war.[18] Sie verstanden sich als Opfer und gingen hochmotiviert in den Kampf. Drittens kam die nationalistische Programmatik und Symbolik der OF der eher konservativ geprägten Bevölkerung entgegen. Mit ihrer Forderung nach "Befreiung und Vereinigung Sloweniens" knüpfte die Befreiungsfront an die nationalpolitischen Positionen an, denen auch die nichtkommunistischen Kräfte verpflichtet waren. Dies kam im Eid der Partisanen, in ihren Schulungsmaterialien, Gedenk- und Feiertagen (die zugleich Protesttage waren) sowie der slowenischen Trikolore mit Rotem Stern zum Ausdruck.

Von Anfang an arbeitete die Befreiungsfront zweigleisig.[19] Sie bekämpfte nicht nur die Besatzer, sondern seit Herbst 1941 politisch und mit der Waffe auch die innenpolitischen Gegner der KPS, die Vorkriegseliten, die nach Ansicht der Kommunisten nie mehr an die Macht gelangen sollten. Allein bis Ende 1941 wurden bis zu hundert Menschen ermordet, ausschließlich slowenische Führungspersönlichkeiten, nicht etwa Repräsentanten der Besatzungsmacht. Politisch brach die OF mit ihrem Alleinvertretungsanspruch die Brücken zu den Bürgerlichen ab. Neben der Befreiungsfront konnten keine anderen Widerstandsgruppen erstarken. Wer Widerstand leisten, den Führungsanspruch der KPS aber nicht anerkennen wollte, hatte keinen Platz in der OF und sah sich dem Verdacht der Kollaboration ausgesetzt.

Die Kollaboration im Sinne einer eigennützigen Zusammenarbeit mit den Besatzern[20] wurde durch drei Faktoren begünstigt. Erstens blieb in der Provincia di Lubiana die slowenische Infrastruktur weitgehend intakt. "Weiche Formen der administrativen und kulturellen Kollaboration"[21] waren damit strukturell vorgegeben. Eine zweite Quelle stellte die Not vieler Dörfer dar, die in Gebieten lagen, die von italienischen Truppen und Partisanen umkämpft waren. Beide Seiten warfen den Dorfbewohnern die Unterstützung der anderen vor, plünderten und erschossen Geiseln. Zum Zweck der Selbstverteidigung entstanden "Dorfwehren", die sich jedoch als zu schwach erwiesen, um ihre Funktion zu erfüllen. Sie ließen sich von den Italienern bewaffnen und zu einer "Freiwilligen Antikommunistischen Miliz" zusammenstellen, die im Sommer 1943 über bis zu 10 000 Mann verfügte. Für diese Entwicklung ist als dritter Faktor die "Theorie des kleineren Übels" verantwortlich zu machen, die von Dorfgeistlichen und städtischem Bürgertum in Ljubljana vertreten wurde. In den Attentaten der OF sahen sie eine Bestätigung ihrer Weltanschauung, nach der der Kommunismus eine größere Gefahr als der Faschismus darstelle und daher mit Hilfe des letzteren bekämpft werden müsse. Pfarrer waren während der Anfangsphase des Krieges in der Regel die Initiatoren der Dorfwehren.

Nach der Kapitulation Italiens im September 1943 waren es vor allem die bürgerlichen Kräfte in Ljubljana, die mit Unterstützung der deutschen Besatzungsmacht die Slowenische Landeswehr (Slovensko domobranstvo bzw. Domobranci) aufbauten. Ausgestattet und geführt wurden die Domobranci von der SS, welche die Landeswehr als Hilfstruppe gegen die Partisanen instrumentalisierte. Mit bis zu 13 000 Mann stellten die Domobranci eine relevante militärische Größe dar. Symbolträchtig leisteten sie am 20. April 1944 und am 31. Januar 1945 den Eid, gemeinsam mit SS und Wehrmacht unter Hitlers Oberbefehl den Kommunismus und seine Verbündeten (die Westalliierten) zu bekämpfen. Zu vergegenwärtigen ist, dass sich Ende 1943 die alliierte Anerkennung der jugoslawischen Volksbefreiungsbewegung abzeichnete. Im Juni 1944 wurde sie offiziell bestätigt. Die britische Regierung forderte daraufhin die Führung der Slowenischen Landeswehr auf, den Kampf gegen Partisanen und Alliierte an der Seite der Deutschen einzustellen. Dies wurde jedoch abgelehnt.[22]

Fußnoten

15.
Zum Folgenden vgl. T. Griesser-Pecar (Anm. 8), S. 41 - 204, und meine Rezension in http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006 - 1-215 (31.3.2006).
16.
Zum Folgenden vgl. R. Wörsdörfer (Anm. 7), S. 332 - 350, S. 362 - 380; T. Griesser-Pecar (Anm. 8), S. 346 - 355.
17.
Über 150 000 Slowenen und Sloweninnen (rund 13 % der Vorkriegsbevölkerung) wurden in die Wehrmacht und paramilitärische Formationen zwangsrekrutiert. Vgl. Marjan Znidaric/Joze Dezman/Ludvik Puklavec (Hrsg.), Nemska mobilizacija Slovencev v drugi svetovni vojni [Deutsche Mobilisierung der Slowenen im Zweiten Weltkrieg], Celje 2001.
18.
Vgl. Joze Pirjevec, Teror na Primorskem [Der Terror im Küstenland] 1918 - 1945, in: Monika Kokalj Kocevar (Hrsg.), Kolo nasilja [Das Rad der Gewalt], Ljubljana 2004, S. 49 - 55.
19.
Vgl. T. Griesser-Pecar (Anm. 8), S. 355 - 410.
20.
Vgl. Hans Lemberg, Kollaboration in Europa mit dem Dritten Reich um das Jahr 1941, in: Karl Bosl (Hrsg.), Das Jahr 1941 in der europäischen Politik, München-Wien 1972, S. 143 - 162.
21.
Boris Mlakar, Slovensko domobranstvo 1943 - 1945. Ustanovitev, organizacija, idejno ozadje [Die slowenische Heimwehr. Gründung, Organisation, ideeller Hintergrund], Ljubljana 2003.
22.
Vgl. T. Griesser-Pecar (Anm. 8), S. 257 - 330; Janko Prunk, Slowenien, Ljubljana 1996, S. 134f.