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6.11.2006 | Von:
Joachim Hösler

Sloweniens historische Bürde

Abrechnung und Verdrängung

Am 21. November 1944 erließ die provisorische Regierung unter Tito eine Amnestie, die sich auch auf die Mitglieder der Landeswehr erstreckte. Die angesprochenen Personen wurden aufgefordert, sich bis zum 15. Januar 1945 zu stellen. Dieses Angebot scheint jedoch kaum wahrgenommen worden zu sein. Danach zeigte sich die "dunkle Seite des Mondes".[23] Am 26. Mai 1945 sprach Tito in Ljubljana zu einer großen Menschenmenge auf dem Kongressplatz. Er hob die große Zahl der Opfer des Faschismus hervor und erklärte, dass jegliche Verräter, so sie die "Rachehand unseres Volkes" noch nicht erreicht habe, Berge und Felder des Landes nicht mehr erblicken würden. Der Schriftsteller Tone Seliskar wurde am selben Tag in einem Leitartikel deutlicher: Er nannte die Rache "Programm"; es würden alle Bedenken überwunden, denn die Opfer müssten gerächt werden, "und zwar so, dass diese Rache bis an die tiefsten Wurzeln reicht".[24] Zum Symbol der Vergeltung wurde das "Drama von Viktring" bei Klagenfurt.[25] Dort hatten britische Truppen nach den letzten Kämpfen noch am 15. Mai 1945 über 70 000 Menschen festgesetzt, darunter rund 11 000 Domobranci und 6000 Zivilisten aus Slowenien, ferner Tito-Gegner aus Kroatien und Serbien, die mit den Deutschen seit Anfang Mai Richtung Norden geflohen waren. Eine Woche später entschied die britische Militärführung, die Kriegsgefangenen jugoslawischer Staatsangehörigkeit den Truppen Titos zu übergeben. Sogar im Lager organisierten die Oberhäupter der Landeswehr ihre Einheiten militärisch, sprachen Beförderungen aus und rekrutierten neue Kräfte. Den Verantwortlichen auf britischer Seite war nachweislich nicht wohl bei der Auslieferung. Sie ließen die Kriegsgefangenen im Unklaren über die Zielbestimmung der Züge. Abgesehen von den Minderjährigen exekutierten Einheiten der slowenischen und jugoslawischen Partisanen die von den Briten ausgelieferten Domobranci und kroatischen Kämpfer ohne Prozess, soweit diese nicht flüchten konnten: insgesamt rund 30 000 Kroaten und bis zu 18 000 Domobranci (u.a. die aus Viktring Ausgelieferten).

In einer Untersuchung der Jahre 2002 bis 2004 wurden 410 Gräber erfasst. Spezialisten gehen davon aus, dass es weitere Massengräber gibt. Die hingerichteten Landeswehrmänner, so sie nicht schon auf dem Rückweg aus Kärnten umgebracht wurden, fanden ihr Ende vor allem in den Schlünden des Kocevski rog, den Bergwerksspalten von Stari Hrastnik und in den Stollen des Bergwerks Hl. Barbara bei Lasko.[26] Bis zu Beginn der 1950er Jahre fanden Prozesse gegen Domobranci und andere statt, denen Kollaboration vorgeworfen wurde. Dabei ging es immer weniger um die Ahndung von Kriegsverbrechen, sondern um die Ausschaltung tatsächlicher und vermeintlicher politischer Gegner und vor allem um Abschreckung. Die Menschen akzeptierten, dass öffentlich zur Vergeltung aufgerufen worden war - sei es, weil sie ihrer Opfer gedachten und die Rache für mehr oder weniger gerechtfertigt hielten, sei es, weil sie sich in ihr privates Glück flüchteten - und wurden so zu Mitwissern. Indem jede Aussprache über Verbrechen und Fehler der OF in der Öffentlichkeit und auch in der Geschichtswissenschaft sowie jede Solidarisierung mit den Opfern der Rache unterbunden wurden, verfestigten sich Angst und Schweigen.

Im Slowenischen Institut für Zeitgeschichte geht man von etwa 90 000 Sloweninnen und Slowenen aus, die von April 1941 bis Februar 1946 ums Leben kamen: 40 000 in Folge des Krieges und der Okkupation, 50 000 in Folge der innerslowenischen Abrechnung nach Kriegsende. Bis Anfang der 1960er Jahre emigrierten über 30 000 Menschen aus der jugoslawischen Teilrepublik Slowenien, vorwiegend aus politischen Motiven, darunter ehemalige Partisanen. Hinzu kommt seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre eine vornehmlich ökonomisch motivierte Auswanderung, die über 70 000 Sloweninnen und Slowenen außer Landes führte. Innerhalb von gut vier Jahrzehnten ist ein Bevölkerungsverlust von über 190 000 Menschen zu verzeichnen, rund zehn Prozent der heutigen Einwohnerzahl Sloweniens. Dieser Aderlass verursacht neben den existenziellen Bedrohungserfahrungen während der Zwischenkriegszeit und des Zweiten Weltkriegs die Ängste vor dem Aussterben des Volkes, der Assimilation, dem Ausverkauf des Landes und der Diffusion der slowenischen Sprache, die sich in aktuellen Identitätsdiskursen immer wieder äußern.

Fußnoten

23.
Zum Folgenden siehe Drago Jancar, Die dunkle Seite des Mondes oder die Frage des Vergessens, in: Kommune, 19 (2001) 5, S. 6 - 11; Josip Broz Tito, Sabrana djela [Gesammelte Werke], Bd. 28, Beograd 1988, S. 76 - 79.
24.
Tone Seliskar, Mascevanje je strasna beseda! [Rache ist ein schreckliches Wort], in: Slovenski porocevalec vom 26.5.1945, S. 1.
25.
Vgl. T. Griesser-Pecar (Anm. 8), S. 480 - 516; B.Mlakar (Anm. 21), S. 489 - 526.
26.
Vgl. Mitja Ferenc, Prikrito in ocem zakrito. Prikrita grobisca 60 let po koncu druge svetovne vojne [Versteckt und den Augen verborgen. Versteckte Gräber 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs], Celje 2005.