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6.11.2006 | Von:
Joachim Hösler

Sloweniens historische Bürde

Neubewertung seit 1991

Von 1982 an erschien in Ljubljana die Monatszeitschrift "Nova Revija", die rasch zum wichtigsten Sprachrohr der Regimekritiker wurde.[27] In Ausgabe 57 vom Februar 1987 forderten verschiedene Autorinnen und Autoren vor dem Hintergrund der Umgestaltung in der UdSSR auch für Slowenien demokratische, "europäische" Verhältnisse unter Berücksichtigung "slowenischer nationaler Interessen". Spomenka Hribar erinnerte an das Schicksal der Domobranci und mahnte die nationale Versöhnung an.[28] Doch erst 1991 wurden die Sperrgebiete im Kocevski rog freigegeben. Die Debatte mündete in einen Prozess der Umschreibung der Geschichte, in dem sich heute zwei gegensätzliche Versionen gegenüberstehen.[29] Die "Partisanen-Version" besagt: Die Befreiungsfront leistete legitimerweise bewaffneten Widerstand gegen die Okkupanten und deren Helfershelfer. Diese lösten, indem sie sich von den Besatzern bewaffnen ließen und gegen Partisanen und Alliierte kämpften, den slowenischen Bürgerkrieg aus. Allein die Befreiungsfront kämpfte für die slowenischen Interessen. Die "Domobranci-Version" hält dagegen: Die Befreiungsfront war ein Instrument der Kommunisten zur Vorbereitung der Revolution. Sie bekämpfte die Okkupanten nicht, sondern provozierte sie zu exzessiver Gewalt gegen die Zivilbevölkerung. Sie eröffnete schon im Herbst 1941 den Bürgerkrieg, indem sie den Kampf gegen die slowenische Vorkriegselite begann. Die Domobranci haben nicht kollaboriert, sondern die Interessen der Nation verteidigt. Umfragen zeigen, dass ein knappes Viertel der Bevölkerung der Domobranci-Version zustimmt, knapp zwei Drittel der Partisanen-Version.[30]

Es ist wichtig, dass öffentliche, kontroverse Diskussionen geführt werden, damit Veteranen und Nachkommen der Domobranci an neuen Gedenkstätten ihre Opfer betrauern können. Problematisch erscheint die Verbissenheit, mit der der Kampf um die Ressourcen der Geschichtsinterpretation bisweilen geführt wird. Er hat Züge eines kulturellen "Bürgerkriegs" angenommen und eskaliert unter der konservativen Regierung des Ministerpräsidenten Janez Jansa, die seit November 2004 im Amt ist. Die Aufarbeitung der Geschichte wird von den Lobbyisten der Domobranci[31] und der katholischen Kirche zu einer Umcodierung der Erinnerung genutzt, die für ehemalige Partisanen und alle, die sich ihnen verbunden fühlen, eine Provokation darstellen muss, und die auch vor dem Hintergrund, dass in Slowenien eine demokratische, pluralistische Gesellschaft etabliert werden soll, kritikwürdig ist. Oto Luthar, Direktor des Wissenschafts- und Forschungszentrums der Slowenischen Akademie der Wissenschaften und Künste, spricht von einer "Kontaminierung der Vergangenheitsinterpretation".[32] Diese besteht im Wesentlichen in der Negation der Kollaboration, der Legitimierung einer "funktionalen Kollaboration" und der Umdeutung des Widerstands der Partisanen zu "Rassismus" und "Terror" der Kommunisten zum Zweck der Revolution.[33] Aus Kollaborateuren werden nationalbewusste Kämpfer gegen den ultimativen Feind, den Kommunismus. Alle Formen des Widerstands im Umfeld der OF, die den Menschen bemerkenswerte Ausdrucksmöglichkeiten resistenten Denkens gegeben haben,[34] werden als Rekrutierungstricks der Befreiungsfront denunziert. Der Kommunismus wird als Sache von "Parteirassisten" und "Geisteskranken" pathologisiert und als der slowenischen Nation wesensfremd dargestellt.[35]

Zum 60. Jahrestag des Sieges über den Faschismus legte die Regierung (gemeinsam mit dem Staatspräsidenten) die Siegesfeier erstmals mit dem Gedenken an die Opfer der Rachemorde zusammen.[36] Es scheint, als sollten die "guten, reinen" Partisanen in den Kreis der Nation aufgenommen werden. Im September 2005 erinnerte in Portoroz eine Veranstaltung der Regierung mit Ministerpräsident Jansa als Hauptredner an das Inkrafttreten des Friedensvertrages am 15. September 1947. Damit erhielt Slowenien große Teile des Küstenlandes zurück, das nach dem Ersten Weltkrieg an Italien abgetreten werden musste. Der 15. September soll Nationalfeiertag werden.[37] Doch der Tag lässt die Befreiung Triests durch das IX. Korps der Volksbefreiungsarmee im Mai 1945 vergessen; dies liegt auf der Linie von Joze Dezman, der die Rückgewinnung des Küstenlandes nicht den Partisanen, sondern der slowenischen "Republik im zweiten Jugoslawien" zuschreibt.[38] Hinzu kommt, dass die zahlreichen, seit Anfang der 1990er Jahre auf Friedhöfen und an Kirchen errichteten Denkmäler und Gedenktafeln zu Ehren der Domobranci die unterschiedliche historische Rolle der OF und der Landeswehr nicht thematisieren. Sie heben den allgemeinen Verlust hervor, sind dominiert von christlichem Symbolismus, der mit nationalen Formeln verbunden wird. Die Beschwörung von "Gott - Volk - Heimat" soll die "funktionale Kollaboration" legitimieren; dieser Diskurs droht eine neue "Spirale des Schweigens" hervorzubringen. Ohne eine Reflexion der Geschichtsbilder würden eine neue Interpretation der Geschichte des Zweiten Weltkrieges und eine neue Sinnkonstruktion der slowenischen Nationalgeschichte dominant werden.[39]

Geschichtswissenschaft degeneriert zur Geschichtspolitik, wenn sie sich von Legitimationsinteressen und Trostbedürfnissen dirigieren lässt. "Aufarbeitung der Geschichte" heißt nach Theodor W. Adorno, den Bann der Vergangenheit durch "helles Bewusstsein" zu brechen.[40] Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Slowenien, die sich einem solchen Anspruch verpflichtet fühlen, setzen sich - derzeit gegen den Strom schwimmend - für eine "ganzheitliche historische Erinnerung" (M. Mikeln) ein: eine Erinnerung, die bewusst macht, wer das Land widerrechtlich angegriffen, aufgeteilt und besetzt, wer die Bevölkerung einer rassistischen Musterung, Deportationen und Geiselerschießungen ausgesetzt hat; die nicht vergisst, dass der Aggressor, und nicht etwa derjenige, der sich gegen die Aggression wehrt, völkerrechtlich verantwortlich ist für die Besatzungspolitik einschließlich der "Partisanenausrottung". Dabei wäre herauszuarbeiten, wer sich von italienischen und deutschen Besatzern hat finanzieren, bewaffnen und instrumentalisieren lassen zum Kampf gegen die Befreiungsfront und die Alliierten. Nicht zu übersehen sind die Verbindungen zwischen katholischer Kirche und Domobranci, auch nicht der Antisemitismus und Antikommunismus, den beide Institutionen damals mit den Besatzern teilten. Eine ganzheitliche Erinnerung hat den Widerspruch auszuhalten, dass dieselbe Befreiungsfront, die dank ihrer Disziplin und Entschlossenheit zur Befreiung und Vereinigung Sloweniens beigetragen hat, mit eben dieser Härte seit Herbst 1941 und vor allem nach Kriegsende einen mörderischen Kampf gegen ihre innenpolitischen Gegner geführt hat. Den Autoritarismus und die Gewaltbereitschaft der OF an Kriterien einer bürgerlich-parlamentarischen Demokratie zu Friedenszeiten zu messen und auf "Kommunismus" zurückzuführen, wäre ahistorisch. Auch die bürgerlichen Organisationen, die konspirativ arbeiteten, waren autoritär strukturiert. Wer die Tötungsmoral von Tätergruppen untersuchen will, wird den Bellizismus der Vorkriegsgesellschaft und die Kriegsbedingungen in Betracht ziehen und diese Phänomene im europäischen Maßstab analysieren müssen.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Nationalismus für Partisanen und Domobranci zur Überlebensideologie. Heute fungiert er als Versöhnungsideologie. Dabei sind "nationale Einheit" und "kollektive Identität" von Intellektuellen und Politikern genährte Illusionen über die Wirklichkeit. Demokratische und pluralistische Gesellschaften können und brauchen nicht zum "Wir" (zu) werden. Viel ist gewonnen, wenn Interessenkonflikte offen kommuniziert und zivilisiert ausgetragen werden.

Meinem Vater, zum 76. Geburtstag.

Fußnoten

27.
Vgl. Mira Miladinovic' Zalaznik (Hrsg.), Begegnungen, Ljubljana 1995.
28.
Spomenka Hribar, Avantgardno sovrastvo in sprava [Avantgardistischer Hass und Aussöhnung], in: Nova Revija, 6 (1987) 57, S. 74 - 103.
29.
Siehe Milos Mikeln, Za celovit zgodovinski spomin [Für eine ganzheitliche historische Erinnerung], in: Sodobnost (2004) 4, S. 337 - 350.
30.
Vgl. ebd., S. 338.
31.
Zu denken ist hier vor allem an den "Neuen Slowenischen Bund" (Nova Slovenska Zaveza). Siehe www.zaveza.org.
32.
Oto Luthar, Die Schlacht um die Vergangenheit - Teil zwei? Historischer Revisionismus in Slowenien nach 1991, S. 1 (ich danke Prof. Luthar herzlich für die Überlassung dieses Papiers aus dem Jahr 2005 und anderer unveröffentlichter Manuskripte). Vgl. Breda Luthar/Oto Luthar, Kolonizacija spomina. Politika in tekstualnost domobranskih spomenikov po letu 1991 [Kolonisation der Erinnerung. Politik und Textualität der Landeswehr-Denkmäler nach 1991], in: Oto Luthar/Jurij Perovsek (Hrsg.), Zbornik Janka Pleterskega [Festschrift Janko Pleterski], Ljubljana 2003, S. 647 - 662.
33.
Am deutlichsten nachzulesen bei T. Griesser-Pecar (Anm. 8) und Joze Dezman, Moc prezivetja. Sprava z umorjenimi starsi [Die Macht des Überlebens. Aussöhnung mit den ermordeten Eltern], Celovec-Ljubljana-Dunaj (2004).
34.
Vgl. Niko Lukez (Hrsg.), Slovenska narodna pomoè v okupirani Ljubljani 1941 - 1945 [Die slowenische nationale Hilfe im okkupierten Ljubljana], Ljubljana 1995; Natasa Urbanc, Partisan Puppet Theatre, in: Marko Stepec (Hrsg.), The Making of Slovenia, Ljubljana 2006, S. 131f.
35.
J. Dezman (Anm. 33), S. 246 - 251, stützt sich auf den Psychoanalytiker Horst E. Richter.
36.
B. Luthar/O. Luthar (Anm. 32), S. 4f.
37.
Slovenia Remembering Return of Primorsko, Slovene Press Agency 09/16/2005, in: www.uvi.gov.si/eng/slovenia/news/id/index.print.html (20.10.2005).
38.
Zit. nach O. Luthar (Anm. 32), S. 5f.
39.
Oto Luthar, Erinnerung aus Stein (unveröff. Ms. 2002).
40.
Theodor W. Adorno, Eingriffe. Neun kritische Modelle, Frankfurt/M. 1963, S. 125 - 146.