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23.10.2006 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Milieus - eine praxisorientierte Forschungsperspektive

Die Entstehung der Milieuperspektive

Das Milieukonzept hat eine Tradition, die bis weit vor die Etablierung der Soziologie als eigenständige Disziplin zurückreicht. Schon in der französischen Aufklärung, als man sich nach dem Vorbild der Naturwissenschaften bemühte, die wesentlichen Einwirkungskräfte auf die menschliche Existenz rational zu erfassen, gingen viele Überlegungen davon aus, dass nicht nur in ererbten Anlagen, sondern auch in äußeren Einflüssen wesentliche Prägekräfte des menschlichen Daseins zu suchen seien.

Als eigentlicher Begründer des sozialwissenschaftlichen Milieubegriffs gilt Hippolyte Taine (1823 - 1893). Bei ihm findet sich das erste Milieukonzept, das eine Verschmelzung zahlreicher sachlicher und menschlicher, äußerer Wirkungsfaktoren als ursächlich für alltägliche Lebensweisen der Menschen vorsieht.

Der Milieubegriff wurde im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts häufig verwendet. Unter "Milieus" verstand man damals neben den sachlichen Gegebenheiten immer mehr auch die jeweiligen Mitmenschen und sogar die eigenen Sichtweisen der Menschen selbst. So stellte für Max Scheler (1874 - 1928) ein Milieu "das Insgesamt dessen dar, was vom Einzelwesen als auf es wirksam erlebt wird".[1] Diese Ausweitung im Sinne einer Soziologisierung und Subjektivierung des Milieubegriffs folgte dem Vordringen von Modernisierung und Industrialisierung in traditionale Lebenswelten. Das Erleben und das Umgehen mit der neuen Industriewelt gestalteten sich sehr unterschiedlich, je nachdem welcher Arbeitswelt, Wohnumgebung, Konfession, Region etc. die Menschen angehörten.

Typisch hierfür ist das berühmte Milieuverständnis von M. Rainer Lepsius. Er wies darauf hin, dass Parteiorganisation und parteipolitische Konflikte in Deutschland noch bis in die zwanziger Jahre hinein von vier "sozialmoralischen Milieus" geprägt waren: vom Katholischen Milieu (Zentrum), vom protestantisch-liberalen Milieu, vom protestantisch-konservativen Milieu sowie vom Arbeitermilieu (Sozialdemokratie).[2]

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der Milieubegriff mit der vollen Durchsetzung der Industriegesellschaft in den Hintergrund. Es wurde mehr und mehr unterstellt, dass vor allem anderen die moderne Erwerbssphäre und die industrielle Arbeitswelt (und damit die Klassen- und Schichtzugehörigkeit) die Lage und das Leben der Menschen prägten. In den sechziger und siebziger Jahren gingen Sozialwissenschaftler davon aus, dass Denken und Verhalten der Menschen von ihrer Klassen- bzw. Schichtzugehörigkeit geprägt seien. In Soziologie, Politikwissenschaft, Publizistik etc. war dies die Zeit der "schichtspezifischen" Sozialisation, Sprache usw. Milieubegriffe "passten" nicht gut in die Realität und noch weniger in die damaligen Vorstellungen, die eine ökonomisierte, standardisierte, materiell determinierte Industriegesellschaft zu erkennen glaubten. So wurde der Milieubegriff von der Nachkriegszeit bis in die siebziger Jahre hinein wenig benutzt.

Im Laufe der achtziger Jahre kamen dann, angestoßen von Praktikern aus Schule, Marketing und Politik, immer mehr Zweifel an dieser Vorstellung auf. Mit Wohlstand, Bildung und sozialer Sicherheit schienen auch die Freiheiten und die Unterschiede der Lebensgestaltung gewachsen zu sein. Das Denken und das Verhalten der Menschen wurden nicht (mehr) so weitgehend als Folge der Schichtzugehörigkeit - und damit der Berufsstellung, der Einkommensstufe und des Bildungsgrads - angesehen wie bisher. Damit schienen auch die gesellschaftlichen Unterschiede im Denken und Verhalten nicht (mehr) vorrangig vertikal gegliedert zu sein. Vor dem Hintergrund dieser Eindrücke kam es zu einem Boom von Milieu-(und Lebensstil)studien. Die Aufmerksamkeit konzentrierte sich hierbei auf Freizeit und Konsum, das heißt, auf Muster des Denkens und Verhaltens, die der Erwerbsarbeit eher fern stehen. Thesen einer "Entkoppelung" des Denkens und Verhaltens von der Schichtzugehörigkeit wurden zum Teil so weit getrieben, dass Bildung, Beruf und Einkommen kaum noch Einfluss auf Mentalität und Lebensführung der Einzelnen zugesprochen wurde. Die sozialen Milieus und Lebensstilgruppierungen - weniger die Klassen und Schichten, denen die Menschen angehörten - wurden zur Erklärung für Konsum, Wahlentscheidungen, Jugendproteste, Sozialisation von Kindern, Mediennutzung etc. herangezogen.

Der Aufschwung (und der Überschwang) der Milieuperspektive in den achtziger Jahren wird verständlich durch die lange anhaltende Wohlstandsmehrung in Deutschland und die weit verbreitete Illusion "immerwährender Prosperität".[3]

Im Laufe der neunziger Jahre wurden die Einschätzungen wieder realistischer. Die Ergebnisse zahlreicher empirischer Studien zeigten, dass soziale Milieus nur teilweise unabhängig, ein gutes Stück aber doch abhängig von der Berufs-, Einkommens- und Bildungshierarchie bestehen und nur dementsprechende Erklärungen des alltäglichen Verhaltens der Menschen leisten können. Diese realistischeren Einschätzungen vollzogen sich vor dem Hintergrund der ökonomischen Stagnation in Deutschland. Wie immer in Zeiten der Rezession rückten wirtschaftliche Umstände als Prägefaktoren der Mentalität in den Vordergrund. In der "Modernisierungspause"[4] bzw. in der "Modernisierung im Zeitlupentempo"[5] erwies es sich, dass es voreilig war, die berufliche Stellung, das Einkommen und den Bildungsgrad als Prägefaktoren für das Alltagsleben der Menschen aufs Abstellgleis zu schieben.

Fußnoten

1.
Ronald Hitzler/Anne Honer, Lebenswelt - Milieu - Situation. Terminologische Vorschläge zur theoretischen Verständigung, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 36 (1984), S. 61.
2.
Vgl. M. Rainer Lepsius, Parteiensystem und Sozialstruktur: Zum Problem der Demokratisierung der deutschen Gesellschaft, in: Wilhelm Abel u.a. (Hrsg.), Wirtschaft, Gesellschaft und Wirtschaftsgeschichte. Festschrift zum 65. Geburtstag von Friedrich Lütge, Stuttgart 1966, S. 371 - 393.
3.
Vgl. Burkart Lutz, Der kurze Traum immerwährender Prosperität, Frankfurt/M. 1989.
4.
Vgl. Stefan Hradil, Die "objektive" und die "subjektive" Modernisierung. Der Wandel der westdeutschen Sozialstruktur und die Wiedervereinigung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1992) 29 - 30, S. 3 - 14.
5.
Vgl. ders., Zur Sozialstrukturentwicklung der neunziger Jahre, in: Werner Süß (Hrsg.), Deutschland in den neunziger Jahren. Politik und Gesellschaft zwischen Wiedervereinigung und Globalisierung, Opladen 2002, S. 227 - 250.