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23.10.2006 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Milieus - eine praxisorientierte Forschungsperspektive

Was sind soziale Milieus?

In der neueren Forschung werden unter "sozialen Milieus" üblicherweise Gruppen Gleichgesinnter verstanden, die jeweils ähnliche Werthaltungen, Prinzipien der Lebensgestaltung, Beziehungen zu Mitmenschen und Mentalitäten aufweisen.[6] Im Kern werden sie also durch "psychologisch tief sitzende" psychische Dispositionen definiert. Diejenigen, die dem gleichen sozialen Milieu angehören, interpretieren und gestalten ihre Umwelt folglich in ähnlicher Weise und unterscheiden sich dadurch von anderen sozialen Milieus.

Kleinere Milieus, zum Beispiel Organisations-, Stadtviertel- oder Berufsmilieus (wie das Journalistenmilieu) weisen darüber hinaus häufig einen inneren Zusammenhang auf, der sich in einem gewissen Wir-Gefühl und in verstärkten Binnenkontakten äußert.[7]

Gelegentlich wird neben Mentalitäten auch das typische Umfeld (Beruf, Wohnen, Einkommen etc.) als Definitionsmerkmal sozialer Milieus herangezogen. In manchen Milieudefinitionen ist zusätzlich das Alltagsverhalten der Menschen eingeschlossen, insoweit es Folge milieuspezifischer Mentalitäten ist. Es lassen sich also mehr oder minder komplexe Definitionen des Milieubegriffes unterscheiden.

Wie sie auch immer definiert sind: Milieubegriffe weisen Eigenschaften auf, die sie von Schichtbegriffen klar unterscheiden. Milieubegriffe betonen erstens die "subjektive" Seite der Gesellschaft. Sie bezeichnen Gruppierungen gleicher Mentalitäten. Schichtbegriffe konzentrieren sich dagegen auf die "objektiven" Faktoren der Berufsstellung, des Einkommens und des Bildungsabschlusses. Zweitens lässt das Milieukonzept die Entstehung von Mentalitäten bewusst offen. Sie können berufliche, religiöse, regionale, lebensweisebedingte, politische, moralische etc. Ursachen haben. Das Schichtkonzept geht hingegen davon aus, dass mit dem Berufs-, Einkommens- und Bildungsstatus bestimmte, schichtspezifische Mentalitäten einhergehen. Schließlich ist drittens das Milieukonzept synthetisch angelegt. Es bündelt zahlreiche Dimensionen und Aspekte. Dies führt in der empirischen Forschungspraxis zu erheblichem Aufwand. Das Schichtkonzept verfährt analytischer und ist in empirischen Studien einfacher umzusetzen.

Sucht man in der Literatur nach den Unterschieden zwischen dem Milieu- und dem Lebensstilbegriff, so wird man feststellen, dass sich die einschlägigen Definitionen nicht selten überschneiden und dass sie manchmal sogar fast deckungsgleich sind. Dennoch setzt der Milieubegriff andere Schwerpunkte als der Lebensstilbegriff. Hebt Ersterer hauptsächlich auf die relativ "tief" verankerten und vergleichsweise beständigen Werthaltungen und Grundeinstellungen von Menschen ab, bezieht sich der Lebensstilbegriff vor allem auf die äußerlich beobachtbaren Verhaltensroutinen der Menschen.

Die oben angeführte Definition impliziert, dass soziale Milieus nicht einfach gewechselt werden können. Werthaltungen, Grundeinstellungen und diesbezügliche Milieueinbindungen lassen sich gewöhnlich nur im Falle massiver Lebenskrisen und völlig neuer Einflüsse verändern. Dagegen können sich Verhaltensroutinen (wie etwa Mediennutzung, Freizeitbetätigung, Kleidungsstil) und entsprechende Lebensstile schon dann ändern, wenn neue Kontakte geknüpft werden, wenn eine Familie gegründet wird oder wenn Menschen älter werden.

Fußnoten

6.
Vgl. ders., Die Sozialstruktur Deutschland im internationalen Vergleich, Wiesbaden 2006(2), S. 278.
7.
Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart, Frankfurt/M.-New York 1992, S. 746.