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23.10.2006 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Milieus - eine praxisorientierte Forschungsperspektive

Wieso entstehen soziale Milieus?

Wieso entstehen, bestehen und vergehen soziale Milieus? Mehrere Theorien versuchen, diese Frage zu beantworten. Sie enthalten "Antwortvermutungen". Nur durch empirische Überprüfung lässt sich entscheiden, inwieweit diese zutreffen.

Generell besagen Theorien sozialer Milieus, dass das Denken und Verhalten der Menschen weder ausschließlich von äußeren Daseinsbedingungen abhängt noch völlig in das Belieben der Menschen gestellt ist. Milieutheorien sind weder deterministisch noch intentional. Soziale Milieus werden vielmehr als Gruppierungen handlungsfähiger Menschen gesehen, die in der praktischen Auseinandersetzung mit aktuellen Lebensbedingungen und historischen Hinterlassenschaften bestimmte gemeinsame Mentalitäten entwickeln. Freilich stehen die einzelnen Milieutheorien den beiden Polen des (unbewussten) Determinismus und der (bewussten) Intentionalität unterschiedlich nahe. Dies zeigen auch die im Folgenden skizzierten Erklärungsansätze.

Besonders häufig liegt Milieustudien die Habitustheorie Pierre Bourdieus[8] zu Grunde. Diese besagt im Kern, dass soziale Milieus durch Anpassungsprozesse an die Lebensbedingungen sozialer Klassen und Klassenfraktionen zustande kommen. Bourdieu geht von der ungleichen Verteilung dreier Ressourcenarten aus: dem ökonomischen Kapital, dem Bildungskapital und dem "sozialen Kapital" (in Gestalt sozialer Beziehungen). Je nach Ausmaß ihres Kapitalbesitzes insgesamt gehören die Menschen der Arbeiterklasse, dem Kleinbürgertum oder der Bourgeoisie an (vertikaler Aspekt). Und je nach Zusammensetzung bzw. Zukunftsaussichten ihres Kapitalbesitzes werden sie den Klassenfraktionen der Besitz- oder der Bildungsbourgeoisie sowie dem alten, dem neuen oder dem "exekutiven" Kleinbürgertum zugerechnet (horizontaler Aspekt).

Wenn Menschen innerhalb der jeweiligen Lebensbedingungen ihrer sozialen Klasse aufwachsen, entstehen nach Bourdieu weitgehend unbewusst klassenspezifische Habitusformen. Hierunter versteht er latente Denk-, Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster, die einerseits die Möglichkeiten alltäglichen Handelns begrenzen, andererseits Handlungen hervorbringen. So entstehe der Habitus der Arbeiterklasse in einer Lage harter Notwendigkeiten, die Nützlichkeitsdenken und eine "Kultur des Mangels" nach sich ziehe. Käufe werden nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten, sondern nach Preis und Haltbarkeit vorgenommen. Während also der Habitus der Arbeiterklasse ein "Sich-Einrichten" in gegebenen Verhältnissen nahe lege, sei der Habitus des Kleinbürgertums - seiner Mittellage entsprechend - auf sozialen Aufstieg, auf die ehrgeizige, teils ängstliche, teils plakative Erfüllung vorgegebener kultureller Normen ausgerichtet, auch in Fragen der Bildung und des Geschmacks. Der Habitus des Kleinbürgertums bedeute angestrengtes Bemühen, das "Richtige" zu tun. Der Habitus der Bourgeoisie hingegen ermögliche es, sich in Kenntnis der "richtigen" Standards über diese zu erheben, einen eigenen Stil zu entwickeln, diesen unter Umständen als gesellschaftliche Norm zu propagieren und durchzusetzen. Das Kleinbürgertum sei wiederum darauf angewiesen, dieser neuen "Orthodoxie" gerecht zu werden. Die Arbeiterklasse verharre in ihrer Kultur des Mangels. Somit reproduziere sich die Herrschaft der Bourgeoisie auf kulturelle Weise.

Die Konsequenzen dieser Habitusformen zeigen sich Bourdieu zufolge in unterschiedlichen alltäglichen Lebensstilen der Menschen. Zu diesen gehören die jeweils bevorzugten Wohnungseinrichtungen und Speisen, Sänger und Musikwerke, Maler, Museen und Komponisten. Hierbei stellt Bourdieu eine hohe Übereinstimmung von Klassen(fraktions)zugehörigkeit, Habitusform und praktischen Verhaltensweisen fest.

Identitätstheorien betonen dagegen, dass soziale Milieus durch das Bemühen zustande kommen, die eigene soziale Identität zu entwickeln und zu dokumentieren. Mittels Stilisierung der eigenen Wertehaltungen und Lebensweisen werden einerseits Selbstzuordnung und Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppierung möglich gemacht, andererseits Absetzung und Distanz zu anderen Gruppierungen sichergestellt.[9] Identitätstheorien finden sich in unterschiedlichen Varianten. Von einigen Autoren[10] wird die Entstehung von sozialen Milieus und Lebensstilgruppierungen primär aus den Integrationsbemühungen von Menschen erklärt. Andere[11] sehen die Erklärung eher in Konflikten, in der Herstellung von Differenzen und in Abgrenzungsprozessen von sozialen "Territorien".

Die Individualisierungstheorie geht davon aus, dass Modernisierung einhergeht mit der Zunahme persönlicher Ressourcen, Freiheiten und Sicherheiten. Damit verbunden ist eine Herauslösung der Einzelnen aus vielfältigen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Bindungen. Dies bedeutet für die Menschen Verluste von Vertrautheit und Sicherheit in Gemeinschaften einerseits, Gewinne an individueller Handlungsfähigkeit und Entfaltungsmöglichkeit andererseits.

Allerdings hatte sich, Ulrich Beck[12] zufolge, bis zum Beginn der sechziger Jahre in Deutschland die Modernisierung und Individualisierung erst unvollkommen durchgesetzt. Zwar waren traditionale Bindungen, etwa der Dorfgemeinschaft und der Religion, schwächer geworden. Aber in der emotionalisierten Kleinfamilie verstärkten sich gemeinschaftliche Bindungen noch, vor allem für Frauen. Und in die industriegesellschaftlichen Schichten waren Männer unvermindert eingebunden.

Spätestens seit Beginn der sechziger Jahre vollzieht sich nach Ansicht Becks eine zweite Stufe gesellschaftlicher Modernisierung und Individualisierung. Sie steht vor allem im Zusammenhang mit verschärfter Arbeitsmarktkonkurrenz und Mobilität, aber auch mit gesteigertem Wohlstand, höherem Bildungsniveau auch der Frauen, besserer sozialer Absicherung, Ausweitung der Freizeit etc. Im Rahmen dieses erneuten Individualisierungsschubs lösen sich die Individuen aus ihrer Einbindung in Klassen und Schichten und aus "Familienbanden". Dies gilt auch und gerade für Frauen. Die Menschen sind nun in der Lage, aber auch darauf angewiesen, Zuschnitt und Verlauf ihres Lebens selbst zu entwickeln. Allgemeingültige Vorbilder hierfür gibt es immer weniger. Gerade deswegen schließen sie sich an soziale Milieus an, freilich im Unterschied zu den lebenslangen traditionalen Milieus (beispielsweise der Arbeiterschaft oder des Katholizismus) freiwillig, auf Zeit und auf Widerruf.

Fußnoten

8.
Vgl. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt/M. 1982.
9.
Vgl. Karl H. Hörning/Matthias Michailow, Lebensstil als Vergesellschaftungsform. Zum Wandel von Sozialstruktur und sozialer Integration, in: Peter A. Berger/Stefan Hradil (Hrsg.), Lebenslagen, Lebensstile, Lebensläufe. Sonderband 7 der Zeitschrift SOZIALE WELT, Göttingen 1990, S. 502.
10.
Vgl. ebd., S. 501 - 521.
11.
Vgl. Helmuth Berking/Sighard Neckel, Die Politik der Lebensstile in einem Berliner Bezirk, in: P. A. Berger/St. Hradil (Anm. 9), S. 481 - 500.
12.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.