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23.10.2006 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Milieus - eine praxisorientierte Forschungsperspektive

Struktur sozialer Milieus in Deutschland

Die verfügbaren empirischen Befunde zeigen, dass das Gefüge sozialer Milieus in Deutschland zu einem guten Teil von der Schichtstruktur abhängig ist. Es gibt typische Unterschicht-, Mittelschicht- und Oberschicht- Milieus. Welche Werthaltungen und Mentalitäten ein Mensch aufweist, ist also auch eine Frage seiner Einkommenshöhe, seines Bildungsgrades und seiner beruflichen Stellung. Hierbei können Milieuunterschiede Schichten im Alltag trennen. "Die Grenze der Distinktion trennt die oberen von den mittleren Milieus. Die Grenze der Respektabilität trennt die mittleren von den unteren."[13]

Aber die Schichtzugehörigkeit gibt keineswegs zureichend über die Milieuzugehörigkeit Auskunft. In der Regel finden sich innerhalb der einzelnen Schichten mehrere Milieus "nebeneinander". Bestimmte soziale Milieus erstrecken sich auch "senkrecht" über Schichtgrenzen hinweg.

Neben der Schichtzugehörigkeit lenkt u.a. auch die Kohortenzugehörigkeit die Menschen in bestimmte Milieus: Ältere Menschen, die in Zeiten des materiellen Mangels und autoritärer Ordnung aufgewachsen sind, haben sich meist andere Mentalitäten bewahrt als Menschen im mittleren Alter, die im Wohlstand und in der 1968er Zeit ihre wichtigsten Prägungen erfahren haben.[14]

"Horizontal" unterscheiden sich soziale Milieus[15] vor allem nach dem Grade ihrer Traditionsverhaftung bzw. ihrer Modernität. Denn die einzelnen Milieus sind in unterschiedlichem Maße vom Wertewandel erfasst (weg von "alten" Pflicht-, hin zu "neuen" Selbstentfaltungswerten). So weisen die Angehörigen des "Traditionsverwurzelten", des "DDR-nostalgischen" und des "Konservativen" Milieus Mentalitäten auf, die dem Bewahren, den Pflichten der Menschen und ihrer Eingebundenheit in Regeln großes Gewicht geben. Auf der anderen Seite stehen die "modernen" Milieus der "Hedonisten", der "Experimentalisten" und "modernen Performer", in denen die Menschen dem jeweils Neuen nachstreben und sich als Einzelne relativ losgelöst von Bindungen und Zugehörigkeiten empfinden. In diesen Milieus finden sich zwar Gemeinsamkeiten des individuellen Bewusstseins und Verhaltens, aber kaum das Bewusstsein der Gemeinsamkeit mit anderen Milieuzugehörigen.

In Wirklichkeit sind die Grenzen zwischen sozialen Milieus fließend. Viele Menschen stehen am Rand eines Milieus, zwischen Milieus bzw. sind zwei oder mehr Milieus zugleich zuzuordnen. Denn soziale Milieus stellen zwar relativ kohärente Binnenkulturen einer Gesellschaft, aber keine gesellschaftlichen Gruppen mit allgemein bekannten Namen und symbolisch klar verdeutlichten Grenzen dar. Es handelt sich vielmehr um von Sozialwissenschaftlern "künstlich" abgegrenzte und benannte Gruppierungen. Dies ist notwendig in modernen Gesellschaften, in deren Sozialstruktur kaum noch klar definierte Gruppierungen existieren, wie dies früher einmal der Adel, das Großbürgertum und in Teilen auch die Industriearbeiterschaft waren.

Soziale Milieus verändern sich im Laufe der Zeit. Sie werden größer oder kleiner. Neue Milieus bilden sich heraus, alte verschwinden oder teilen sich. Allein seit den achtziger Jahren hat sich der Bevölkerungsanteil traditioneller Milieus fast halbiert.[16] Dies geschah wohl seltener, weil Menschen ihre Milieuzugehörigkeit wechselten. Vielmehr sind die Menschen in den genannten Milieus häufig schon alt. Diese Milieus sterben langsam aus.

Fußnoten

13.
Michael Vester u.a., Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel. Zwischen Integration und Ausgrenzung, Frankfurt/M. 2001, S. 26. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag des Autors in dieser Ausgabe.
14.
Vgl. Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, Frankfurt/M.-New York 1992.
15.
Redaktionelle Anmerkung: Das Modell der Sozialen Milieus in Deutschland 2006 ist zu finden unter www.sinus-sociovision.de (15.8. 2006)
16.
Vgl. Stefan Hradil, Soziale Ungleichheit in Deutschland, Opladen 20018, S. 434; vgl. M. Vester u.a. (Anm. 13), S. 48f.