APUZ Dossier Bild

23.10.2006 | Von:
Stefan Hradil

Soziale Milieus - eine praxisorientierte Forschungsperspektive

Wozu dienen Milieustudien?

Vieles spricht dafür, dass sich die Mitglieder moderner Dienstleistungsgesellschaften nicht mehr so vorrangig wie die Menschen in typischen Industriegesellschaften in Abhängigkeit ihrer Berufs- und Schichtzugehörigkeit definieren. Vielmehr bestimmen die Angehörigen postindustrieller Gesellschaften ihren gesellschaftlichen Ort nicht zuletzt auch durch ihre Milieuzugehörigkeit und ihren Lebensstil. Oft symbolisieren sie dies mit Kleidung, Musikgeschmack etc. und tragen so ihre Zugehörigkeit nach außen.

Die Menschen, die einem bestimmten sozialen Milieu angehören, denken und verhalten sich in der Praxis relativ ähnlich; Menschen die verschiedenen sozialen Milieus angehören, denken und handeln oft unterschiedlich - und sie tun dies in weiten Bereichen: Sie kaufen gleichartige bzw. andersartige Konsumgüter, wählen ähnliche bzw. verschiedene Parteien, erziehen ihre Kinder gleich bzw. anders usw. Milieugliederungen dienen daher Marketinganalysten, um Zielgruppen zu definieren, Wahlkampfstrategen, um Wählerpotenziale zu erschließen, Sozialisationsforschern, um typische Lernstrategien zu lokalisieren und zu erklären.

Weil die Zugehörigkeit zu sozialen Milieus die jeweilige Selbstdefinition und Alltagspraxis der Menschen beeinflusst, wurden Milieustudien in den letzten beiden Jahrzehnten in zunehmendem Maße zur Erklärung von Verhaltensunterschieden und so auch zur Lösung praktischer Probleme eingesetzt. Dies geschah im Rahmen der akademischen Forschung (vor allem in der soziologischen Sozialstrukturanalyse, der politischen Soziologie, der Jugend- und Sozialisationsforschung), mehr aber noch in Bereich der angewandten Sozialforschung. Vor allem im Marketing haben Milieuansätze (und Lebensstilstudien) die herkömmlichen sozioökonomischen bzw. soziodemographischen Ansätze ein gutes Stück weit verdrängt.[17]

Die folgende, durchaus unvollständige Aufzählung soll verdeutlichen, wie viele alltägliche Verhaltensunterschiede und praktische Problemstellungen allein in den letzten Jahren in Forschungsprojekten in Verbindung mit der Milieuzugehörigkeit der Menschen gebracht wurden: Soziale Milieus sollten Aufschluss geben über Unterschiede des Ressourcenverbrauchs und des ökologischen Bewusstseins; der Vorstellungen über die Kirchen und der Kirchenmitgliedschaft; in der Altenpflege in der Familie; des Umgangs mit Geld; des Informationsverhaltens und der Zeitschriftenwahl; der gewerkschaftlichen Arbeit; des Wahlverhaltens; der Erwachsenen- und der Weiterbildung; des Studierendenverhaltens; der Bildungschancen; der Elitenrekrutierung; der journalistischen Arbeit; usw.

Milieustudien versuchen die Nutzung bestimmter Medien, den Kauf bestimmter Konsumgüter, die Neigung zu bestimmten Parteien etc. primär auf Grund der Werthaltungen und Zielsetzungen von Menschen zu erklären. Ist die Milieuzugehörigkeit eines Menschen bekannt, so weiß man viel darüber, welche Sehnsüchte, welche Interpretationen, Motive und Nutzenerwartungen er aufweisen wird. Auf diese Weise hofft man voraussagen zu können, warum eine bestimmte Person eine bestimmte Zeitschrift lesen, eher eine bestimmte Partei wählen oder auf eine bestimmte Art studieren wird. Und umgekehrt will man so aufzeigen, welche Inhalte Zeitschriftenartikel, Werbebotschaften oder Parteiprogramme etc. aufweisen müssen, um den Motiven und Werthaltungen bestimmter Menschen zu entsprechen.

Sozioökonomischen Schichtungsansätzen ist eine andere Erklärungsstrategie zu Eigen. Die jeweilige Mediennutzung, Konsumentscheidung etc. soll durch die Ressourcen erklärt werden, die den Einzelnen zur Verfügung stehen, um ihre Ziele zu erreichen und ihren Werthaltungen zu genügen.

Milieustudien sind mittlerweile weit verbreitet, vor allem in der angewandten Sozialforschung. Angesichts der Tatsache, dass diese auf praktische Bewährung unmittelbarer angewiesen ist als die akademische Forschung, erstaunt es, dass exakte soziologische Prüfungen zum Ergebnis kamen, dass sich die empirisch nachweisbare Erklärungskraft so mancher Milieuuntersuchung in Grenzen hält. So ermittelte etwa Gunnar Otte, dass nach Kontrolle anderer relevanter Variablen die Milieuzugehörigkeit fast nichts zur Erklärung konkreter Wahlentscheidungen beiträgt.

Wohl aber gibt die Milieuzugehörigkeit Auskunft über Unterschiede der generellen politischen Einstellung und Parteineigung. Milieustudien eignen sich daher mehr zur Abschätzung von Wählerpotenzialen als für Wahlprognosen.[18]

Fußnoten

17.
Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Carsten Ascheberg in dieser Ausgabe.
18.
Vgl. Gunnar Otte, Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen, Wiesbaden 2004, S. 344ff.