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23.10.2006 | Von:
Michael Vester

Soziale Milieus und Gesellschaftspolitik

Soziale Milieus

Das Berufsfeld ist nur das erste Glied einer Vermittlungskette, an deren Ende die Parteiwahl steht. Um zu einer differenzierteren Landkarte der gesellschaftspolitischen Vorstellungen zu gelangen, müssen wir uns dem dazwischen liegenden Feld zuwenden: den Alltagsmilieus. Hier bilden sich die Vorstellungen heraus, nach denen die Gesellschaft im Alltag wie aus politischer Sicht geordnet sein soll. Dies geschieht nicht unabhängig von der beruflichen Stellung, aber doch relativ autonom, durch viele eigene Instanzen der Sozialisation und Erfahrung hindurch. Soziale Milieus sind nicht beliebig gewählte Lebensstilgemeinschaften, sondern Teil einer sozialen Gesamtgliederung. Entsprechend werden sie, schon bei Émile Durkheim, doppelt definiert: ,objektiv` als Zusammenhang von Beziehungen (der Verwandtschaft, Gemeinde oder Berufsgruppe) und ,subjektiv` durch die Herausbildung eines gemeinsamen "Korpus moralischer Regeln" und deren Verinnerlichung in einem gemeinsamen "Habitus".[3]

Im Alltagsleben sind also äußere Lebensstellung und innerer Habitus relativ eng "verkoppelte" Elemente einer "Lebensführung" (Max Weber) oder "Lebensweise" (Raymond Williams), durch welche die Milieus, Schichten oder Klassen sich voneinander abgrenzen und innerlich zusammenhängen. In großen empirischen Studien[4] ist für Frankreich wie für die Bundesrepublik nachgewiesen worden, dass der Habitustyp immer noch eng auf das jeweilige Berufsfeld abgestimmt ist, allerdings auf dynamische und flexible Weise, gleichsam über ein Gummiband. Die Vermittlung zwischen beidem erfolgt durch die im Habitus angelegten Schemata des Geschmacks und der Alltagspraxis und durch milieueigene "Strategien", welche die nachwachsenden Generationen auf bestimmte Bildungs- und Berufswege führen und die nicht nur zur "Reproduktion" der Klassenstellung, sondern auch zu "Umstellungen" taugen. Diese werden notwendig, wenn das angestammte Berufsfeld eines Milieus sich wandelt und beispielsweise zur bloßen Erhaltung der sozialen Stellung höhere Bildungsanforderungen stellt.

Entgegen den Klagen über die Trägheit der Menschen mangelt es diesen keineswegs an der Bereitschaft zu Umstellungen und zur Übernahme von Eigenverantwortung. Allerdings wird erwartet, dass Risiken, welche die Ressourcen und Planungen der Familien überfordern, durch staatliche Ordnungspolitik flankiert werden. Den Milieus stehen sehr verschiedene äußere Ressourcen und innere Dispositionen zur Verfügung. Dies ist empirisch detailliert untersucht worden.[5] Die beigefügte "Landkarte" der Milieus (Abbildung1) haben wir aufgrund detaillierter eigener Forschungen entwickelt, die seit den siebziger Jahren angeregt worden waren durch die Konzepte der Milieus und Alltagskultur bei Émile Durkheim, Pierre Bourdieu und den frühen ,Cultural Studies`, sowie den empirischen Neuentwicklungen von Jörg Ueltzhöffer und Berthold Bodo Flaig für das ,Sinus`-Institut. Die Landkarte gibt einen - die Forschungsergebnisse stark vereinfachenden - Überblick. Sie zeigt eine räumliche Gliederung, in der sich die "Arbeitsteilungen" der Milieus ausdrücken. Vertikal ist die Gesellschaft ständisch dreigeteilt in eine privilegierte, eine nichtprivilegierte und eine unterprivilegierte Schichtungsstufe. Horizontal teilt sie sich auf jeder Stufe nach "Klassenfraktionen". Rechts sind die Milieus zugeordnet, die an Einordnung in traditionelle Autoritätshierarchien orientiert sind, links die Milieus, die auf eigene Arbeitsleistung, Bildungskapital und Autonomie setzen. Diese Raumgliederung (Abbildung1) hat eine erstaunlich verfestigte Form (und ähnelt darin frappierend der Gliederung anderer fortgeschrittener Gesellschaften[6]). Die Gesellschaft teilt sich in hauptsächlich fünf Milieu-Großgruppen (fett umrandet), die ihren Platz im sozialen Raum schon seit Generationen weitergeben[7] und daher als "Traditionslinien" gelten können. Gleichwohl gibt es gewisse Bewegungen, in kleinem Umfang zwischen und in beachtlichem Umfang innerhalb diesen Traditionslinien. Diese Bewegungen sind vor allem Ausdruck der beruflichen Umstellungen und des vermehrten Bildungserwerbs der jüngeren Generationen und drängen - ähnlich einer sich häutenden Schlange - auch gegen die äußeren Schranken, durch die sich andere Traditionslinien gegenüber Neuzugängen "abschließen". Die hierarchische ständische Ordnung steht jedoch im Konflikt mit dem zunehmenden, Gleichberechtigung einfordernden Kompetenzerwerb in den Volksmilieus. Die oval eingerahmten Bildungskennziffern in der Abbildung zeigen auch in der Mitte eine dynamische Bildungsbeteiligung, die aber nach oben "ausgebremst" wird. Obere bürgerliche Milieus: Oben grenzt sich eine nach allen Standards privilegierte bürgerliche "Oberschicht" (um 20 %) durch distinktive Lebensstile ab. Bis auf das kleine "gehobene Dienstleistungsmilieu", in dem sich die Aufsteiger der technischen Expertenberufe und der sozialen Dienstleistungen finden, hat sie ihre soziale Stellung seit Generationen gegen Neuzugänge gesichert. Auch die kulturelle Avantgarde (außen links) ist überwiegend Domäne jüngerer Oberschichtangehöriger. Über die Generationen verfestigt hat sich zudem die horizontale Teilung in eine Traditionslinie von Macht und Besitz (rechts) und eine Traditionslinie der akademischen Intelligenz (oben links). Doch beide Traditionslinien haben sich seit 1945 innerlich erheblich verändert, durch Anpassung an höhere Bildungsstandards und modernere Lebensstile. Respektable Volks- und Arbeitermilieus: Die Volksmilieus der Mitte (knapp 70 %) grenzen sich durch eine respektable Lebensführung und eine sichere und geachtete Berufsstellung nach unten ab. Sie grenzen sich auch nach oben ab, als Arbeitnehmer und "kleine Leute", die es durch eigene Leistung zu etwas gebracht haben. Sie sind daher sensibel gegenüber Privilegierungen, welche die Grundsätze der Leistungsgerechtigkeit und Statussicherung verletzen, wie dies etwa bei der Absenkung des Arbeitslosengeldes auf Sozialhilfenivau ("Hartz IV") geschieht. Horizontal sind zwei verfestigte Traditionslinien zu unterscheiden. Die kleinbürgerliche Traditionslinie (rechts) trägt ständisch-konservative Züge. Denn viele Angehörige stammen aus Familien von Kleinbesitzenden, die sich auf Arbeitnehmerberufe umstellen mussten, aber ihre Sicherheit immer noch von der Einordnung in Hierarchien erwarten. Die moderne Traditionslinie (links) setzt dagegen auf Autonomie, erworben durch eine planvolle Lebensführung, gute fachliche Arbeit, Ausbildung und Leistung sowie gegenseitige Hilfe. Ein Mensch soll nach seinen Werken beurteilt werden und nicht nach seiner Zugehörigkeit zu bestimmten Geschlechts-, Alters- oder Volksgruppen. Räumlich weiter links findet sich eine "erlebnisorientierte" Milieufraktion, die sich jugendspezifisch gegen die Pflicht- oder Arbeitsethik der beiden großen Traditionslinien, das heißt ihrer Eltern, abgrenzt, aber gleichwohl auch arbeitnehmerisch orientiert ist. In der großen Mitte ist die horizontale Bildungs-, Berufs- und Lebensstildynamik besonders ausgeprägt. In beiden Traditionslinien sind junge Milieufraktionen der so genannten "modernen Arbeitnehmer" rasch gewachsen. Sie besetzen die konventionellen Dienstleistungen ("Modernes Kleinbürgerliches Arbeitnehmermilieu") und die moderneren Dienstleistungen ("Modernes Arbeitnehmermilieu") mit mittlerem Qualifikationsniveau. Letztere Gruppe hat eine hohe Abiturquote erreicht, die aber mehr für Fachschulbesuch als für Aufstieg in akademische Berufe genutzt wird. Die Volksmilieus sind nicht mehr bildungsfern, sondern zur Hälfte über die Hauptschule hinausgelangt, allerdings auf dem weiteren Weg in die höhere Bildung abgebremst worden. Die andere, "untere" Hälfte freilich ist von sozialen Schieflagen bedroht. Unterprivilegierte Volksmilieus: In den unterprivilegierten Volksmilieus (gut 10 %) hat sich seit Generationen die Erfahrung sozialer Ohnmacht verfestigt. Entsprechend setzen die Angehörigen dieser Gruppierung weniger auf planmäßige Lebensführung als auf die flexible Nutzung von Gelegenheiten und die Anlehnung an Stärkere. Diese Milieus, für die lange ungelernte und unstetige Beschäftigungen typisch waren, hatten in der alten Bundesrepublik wie auch in der DDR erstmals dauerhafte, wenn auch körperlich belastende, Beschäftigungen finden können. Heute werden viele dieser Arbeitsplätze in andere Länder verlagert. Als gering Qualifizierte finden die Angehörigen des Milieus schwer neue Jobs. Viele sind dauerarbeitslos bzw. stärker in prekären Wirtschaftszweigen aktiv.

Fußnoten

3.
Émile Durkheim, Über soziale Arbeitsteilung, Frankfurt/M.1988 [1893/1902], S.44-56; 245-260.
4.
Vgl. Pierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede, Frankfurt/M. 1982 [1979]; Michael Vester/Peter von Oertzen/Heiko Geiling u.a., Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel, Frankfurt/M. 20012 [1993].
5.
Vgl. M. Vester u.a. (Anm. 4); Wolfgang Vögele/Helmut Bremer/Michael Vester (Hrsg.), Soziale Milieus und Kirche, Würzburg 2002, S. 267 - 409.
6.
Vgl. M. Vester u.a. (Anm. 4), S. 48 - 54.
7.
Vgl. W. Vögele u.a. (Anm. 5).