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23.10.2006 | Von:
Michael Vester

Soziale Milieus und Gesellschaftspolitik

Gesellschaftspolitische Lager

Welches sind nun die Ordnungsmodelle, an denen sich die Bevölkerung orientiert? Schon die klassische Wahlforschung von Paul Lazarsfeld u.a. geht von sozialen "Cleavages" oder Trennlinien aus, die sich über die Generationen vererben. Ihre Nachfolger[12] haben aber festgestellt, dass diese Trennlinien kein unmittelbares Abbild der ökonomischen Trennlinien zwischen oben und unten sind. In den parteipolitischen Lagern überschneiden sich vielmehr wirtschaftliche, konfessionelle, regionale und sozialmoralische Trennlinien. Dass die politischen Lager nicht direkt aus den ökonomischen Klassenteilungen abgeleitet werden können, ist nicht etwa die Folge einer "Entkoppelung" von sozialer Lage und politischem Bewusstsein, wie die "Erosionsthese" annimmt. Es ist der historische Normalfall. Dieser beruht auf den Eigenheiten des politischen Feldes, das sich meist in Koalitionen gliedert, die Milieugrenzen überschneiden. Die Führungsgruppen sind eher in anderen, höheren Milieus, die mit den Regeln des Kampfes, des Repräsentierens und des Diskurses besser vertraut sind, angesiedelt als die Klientelgruppen.

In detaillierten Befragungen konnte festgestellt werden, dass diese "Cleavages" durchaus bis heute fortbestehen, auch wenn viele intermediäre, kohäsionsstiftende Institutionen nicht mehr direkt an die Lager gebunden sind.[13] Trotz gewisser Verschiebungen entsprechen sie noch den klassischen konservativen, liberalen, sozialdemokratischen, rechtspopulistischen und heute auch postmaterialistischen Vorstellungen der Sozialordnung. Unterschieden werden können sechs grundlegende "Lager" mit je eigenen "Ordnungsmodellen". Unsere - wieder stark vereinfachende - Abbildung 2 zeigt, dass sie sich schwerpunktmäßig im Raum der Milieus verorten lassen. Allerdings überschneiden sich, wie erwartet, Milieugrenzen. Abbildung 2: Die gesellschaftpolitischen Lager im Raum der Milieus Im rechten Teil des sozialen Raums liegt eine noch relativ intakte Formation von zwei konservativen Lagern, die Hochburgen der CDU/CSU und des rechten Flügels der SPD sind. Nach dem konservativen Modell sozialer Gerechtigkeit können alle sozialen Gruppen Solidarität beanspruchen, aber nicht in gleichem Maße, sondern hierarchisch abgestuft nach Besitz, Bildung, Geschlecht und Ethnie. Das Modell folgt dem Patron-Klient-Muster: Loyalität muss durch paternalistische Fürsorge vergolten werden. Das Lager der Gemäßigt Konservativen, mit Schwerpunkt bei den kleinbürgerlichen Arbeitnehmern, legt das Modell eher arbeitnehmerisch aus. Verletzt etwa der Patron seine Fürorgepflicht, so sind unter anderem auch gewerkschaftliche Kampfmittel berechtigt. Auch hat sich ein Drittel dieses Lagers moderneren und toleranteren Lebensstilen zugewandt. Dies übt Druck aus auf das Lager der Traditionell-Konservativen, das in der Rolle des ,Patrons` ist. Im linken Teil des sozialen Raums finden sich zwei arbeitnehmerische Lager, die Hochburgen der SPD und des sozialen Flügels der CDU/CSU sind. Das Lager der Sozialintegrativen tritt für gleiche Rechte aller sozialer Gruppen ein, das heißt sowohl für die "materielle" Verteilungsgerechtigkeit für Arbeitnehmer und Unterprivilegierte als auch für die "postmateriellen" Rechte der Zivilgesellschaft, der Frauen, Ausländer, der Natur usw. Das Lager stützt sich auf die moderne Reformintelligenz, die nicht nur oben, sondern auch in den mittleren Milieus der Sozialberufe, der Gewerkschaften und der Kirchen verankert ist. Damit ist es räumlich und moralisch einem anderen Lager nahe, den Skeptisch Distanzierten, die vor allem aus den Volksmilieus der Facharbeit kommen und ein Modell der Solidarität auf Gegenseitigkeit vertreten. Wer zu Produktivität und Sozialstaat beiträgt (und wer unverschuldet in Not ist), soll auch daran teilhaben. - Beide Lager sind in ihren Vorstellungen von Solidarität von der Politik der Volksparteien stark enttäuscht. Ein drittes Paar von komplementären Lagern entspricht dem ideologischen Gegensatz von "Elite" und "Masse" oder "ideell" und "materiell". Das Lager der Radikaldemokraten, links oben im sozialen Raum, vertritt die postmateriellen Ideale, während es für materielle Ungleichheiten eher unsensibel ist. Wirtschaftsliberale Akzente sind hier stärker als sozialliberale. Das Lager ist daher Hochburg der "Grünen" und eines gewissen progressiven Neoliberalismus. Dass es kaum Anhänger unterhalb der oberen Milieus hat, liegt offensichtlich an einer elitistischen Ideologie, die die eigene höhere Position mit einer puritanischen Arbeitsethik rechtfertigt, die den Volksmilieus abgesprochen wird. Ihm entgegengesetzt ist das Lager der Enttäuscht Autoritären, mit beklemmenden 27 %. Es vereint Verlierer der ökonomischen Modernisierung, insbesondere ältere, aber teilweise auch jüngere Milieus mit wenig Bildungskapital und unsicheren Zukunftsperspektiven. Sie verarbeiten ihre Ausgrenzung - anders als die demokratische Mitte - nach autoritärem Muster, mit Ressentiments gegen Ausländer, alles Moderne und die Politiker, die ihre Fürsorgepflichten vernachlässigen. Aus Realismus wählen sie meist CDU/CSU und SPD. Regionalwahlen zeigen aber, dass - wie in anderen Ländern Europas - rechtspopulistische Parteien bis zu 20 % Proteststimmen gewinnen können.

Fußnoten

12.
Vgl. Seymour Martin Lipset/Stein Rokkan (Eds.), Party Systems and Voter Alignments, New York 1967; Rainer Lepsius (1993 [1966]), Parteiensystem und Sozialstruktur, in: ders., Demokratie in Deutschland, Göttingen, S. 25 - 50.
13.
Die Ordnungsmodelle sind, für Westdeutschland, 1991 zum ersten Mal auf der Grundlage einer großen repräsentativen Stichprobe empirisch gewonnen worden (differenziert dargestellt in: M. Vester u.a. (Anm. 4), S. 58 - 64, 249 f., 427 - 491). Nachfolgende Befragungen haben, auch für Ostdeutschland, bestätigt, dass es sich um lang anhaltende Grundüberzeugungen handelt; vgl. u.a. Michael Vester, Milieus und soziale Gerechtigkeit, in: Karl-Rudolf Korte/Werner Weidenfeld (Hrsg.), Deutschland-Trend-Buch, Opladen 2001 S. 160 - 171.