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Trauma und Versöhnung - Lehren aus Südafrika


9.10.2006
Die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission versuchte nach dem Ende des Apartheidregimes, durch Dialog und Versöhnung zwischen Tätern und Opfern die während dieser Zeit erlittenen kollektiven und individuellen Traumata zu bewältigen.

Einleitung



Grundlage dieses Artikels bildet meine Ansicht, dass Versöhnung entscheidend dazu beitragen kann, Gesellschaften, deren jüngste Geschichte von massiven Traumata geprägt ist, langfristig Frieden und Heilung zu bringen. Für meine Arbeit mit Gruppen und Einzelnen, deren Vergangenheit von gewaltsamen Konflikten bestimmt war, waren folgende Fragen handlungsleitend: Wie können wir den Teufelskreis aus Hass und Gewalt überwinden, der in der Geschichte immer wiederkehrt? Wie können wir verhindern, dass die Opfer von heute die Täter von morgen werden? Wie können wir über das Unrecht der Vergangenheit richten und doch zum Dialog einladen, damit dieser Bestandteil des öffentlichen Lebens wird? Meine Arbeit wurde von Einsichten, die ich als Mitglied des Menschenrechtsausschusses der Wahrheits- und Versöhnungskommission (Truth and Reconciliation Commission, TRC) gewann, ebenso beeinflusst wie von psychologischen Studien über die Auswirkungen massiver Traumata und ihrer Folgen für Individuen und Gesellschaft. Um die Bedeutung von Vergeben und Versöhnung zu verdeutlichen, beziehe ich mich vor allem auf die Erfahrungen in Südafrika.[1]




Die südafrikanische Wahrheits- und Versöhnungskommission wurde durch einen Parlamentsbeschluss, den National Unity and Reconciliation Act von 1995, ins Leben gerufen. Sie wurde eingesetzt, um Formen und Muster von Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren, die während der Apartheid begangen wurden - im Wortlaut des Beschlusses: "Um ein möglichst vollständiges Bild des Ausmaßes und der Ursachen schwerer Menschenrechtsverletzungen in Südafrika zwischen 1960 und 1994 zusammenzustellen". Der Gründungsgedanke der Wahrheits- und Versöhnungskommission lag in der öffentlichen Bezeugung und Anerkennung der früheren Verbrechen. Die Kommission setzte ihre Aufgabe mittels zweier Ausschüsse um: mit dem Menschenrechtsausschuss, zuständig für Petitionen der Opfer und öffentliche Anhörungen, und dem Amnestieausschuss. Letzterer war befugt, den Tätern im Austausch gegen die vollständige Enthüllung der von ihnen begangenen Menschenrechtsverbrechen Amnestie zu gewähren. Die Gewährung von Amnestie durch die TRC war eine einmalige südafrikanische Innovation, ein wesentliches Abrücken vom Muster der General- oder Selbstamnestien, wie sie für lateinamerikanische Länder typisch sind.

Kontroversen begleiteten die TRC, seit sie in den öffentlichen Post-Apartheid-Diskurs Einzug hielt. Der Oberste Gerichtshof (Supreme Court) - gerade die Instanz, welche die TRC meiden wollte - wurde zum Schlachtfeld, auf dem die Kommission angegriffen wurde: Einige Angehörige von Opfern fochten die Amnestiegesetze der TRC an und forderten ihr Recht, den Tätern im Gerichtssaal gegenüberzutreten; frühere Sicherheitsoffiziere und Generäle der Apartheid versuchten die Opfer ihrer Gewalttaten zum Schweigen zu bringen, um der öffentlichen Bloßstellung durch die Gerichte zu entgehen; und der frühere Präsident Pieter W. Botha, der die Apartheidregierung während ihrer schrecklichsten Phase führte, die er den "total onslaught" - den totalen Krieg - nannte, bemühte ein ordentliches Gerichtsverfahren, um der öffentlichen Anklage zu entgehen. Und schließlich kam es zum öffentlichen Aufschrei gegen die TRC: Sie würde "Wunden öffnen"; uns in der Vergangenheit festhalten, obwohl es an der Zeit sei, nach vorne zu schauen und nicht in der Vergangenheit zu verharren; oder, die TRC sei ein listiges Instrument des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), um es "den Weißen heimzuzahlen". Diese Ansicht war in gewissen Kreisen der südafrikanischen Bevölkerung verbreitet, die leugneten, dass einige unserer weißen Landsleute von ihrem privilegierten bürgerlichen Status und ihrer bevorzugten Behandlung während der Apartheid profitiert hatten.

Die Tätigkeit der TRC wirft eine ganze Reihe komplexer Fragen auf. Die heftige Debatte darüber, ob die Kommission den Demokratisierungsprozess Südafrikas unterstützte, bestimmt weiterhin die Überlegungen zu Südafrikas nunmehr zwölfjähriger Demokratie. Zugegebenermaßen war die Arbeit der TRC ein unvollständiger Prozess. Einige Angehörige von Opfern fühlen sich durch die Amnestieregelung noch heute ihres Rechtes beraubt, den Tätern in den südafrikanischen Gerichtssälen gegenüberzutreten. Obwohl die TRC Einigkeit und Versöhnung fördern sollte, gibt es Schwarze, die an der Versöhnung mit den Weißen nicht interessiert sind. Sie verurteilen die Weißen und glauben, dass es ohne die Anerkennung des Unrechts durch die Weißen, die aufgrund ihres privilegierten Status während der Apartheid von der Unterdrückung der Schwarzen profitierten, keine Versöhnung geben könne. Genauso gibt es Weiße, die unbeirrt an ihrem Hass gegenüber den Schwarzen festhalten. Die Präsenz von Schwarzen an Orten, die vormals den Weißen vorbehalten waren, wird von diesen als eine Invasion auf ihr Eigentum betrachtet, für das sie hart gearbeitet haben: ihr ganzer Stolz, ihr vaderland. Diese Haltungen führten zu Verbitterung und einer Zunahme des Hasses zwischen Weißen und Schwarzen in Teilen der südafrikanischen Gesellschaft. Zugleich gibt es jedoch auch Schwarze und Weiße, die verstehen, dass eine der größten Herausforderungen angesichts einer jungen Demokratie darin besteht, einen Weg des friedlichen Zusammenlebens zu finden und eine Gesellschaft wiederaufzubauen, die vorher durch Rassenhass gespalten war.

Eine der wichtigsten Lektionen der TRC ist die Erkenntnis, dass der komplexe Prozess der "Vergangenheitsbewältigung" nicht durch universelle Anwendung der Strafgesetzgebung vollbracht werden kann, indem man alle Täter, die systematisch Verbrechen begangen haben, hinter Gitter bringt - gerade weil für viele von ihnen diese Verbrechen Teil einer langjährigen Politik des Terrors waren, die von der Mehrheit der Wähler unterstützt wurde. Die Herausforderung des Zusammenlebens nach einer derart problematischen und schrecklichen Vergangenheit erfordert wesentlich mehr als die rigide Anwendung des "Rechts". Die Frage ist, wie die schwierige Gratwanderung zwischen Gerechtigkeit und Mitgefühl so vollzogen werden kann, dass genug Raum bleibt für jene Hoffnung und Zuversicht, die Postkonfliktgesellschaften benötigen, um auf dem neuen Weg in die angestrebte Demokratie zu sich zu finden.


Fußnoten

1.
Übersetzung aus dem Englischen: Anna Schnitzer, Halle/Saale. Vgl. als weiterführende Literatur Pumla Gobodo-Madikizela, Das Erbe der Apartheid - Trauma, Erinnerung, Versöhnung, Opladen 2006.