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28.9.2006 | Von:
Klaus Dörre

Prekäre Arbeit und soziale Desintegration

Prekarisierung von Erwerbsarbeit gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es wird gezeigt, dass die Ausbreitung unsicherer Beschäftigungsverhältnisse zunehmend auch geschützte Stammbelegschaften diszipliniert und dass Prekarisierungsprozesse eine wichtige Ursache rechtspopulistischer Orientierungen sind.

Einleitung

Dass Erwerbsarbeit eine Institution darstellt, die gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert, ist alles andere als selbstverständlich. Für Karl Marx war Lohnarbeit - weil unsicher und unstet - grundsätzlich prekär. Was Marx nicht voraussah, war ein säkularer Prozess der sozialstaatlichen Einhegung von Lohnarbeit, der während der Jahrzehnte nach 1945 seinen vorläufigen Höhepunkt erlebte. Begünstigt durch die außergewöhnlich lange Nachkriegsprosperität ging die gesellschaftliche Ausweitung von Lohnarbeit mit einer Tendenz zur sozialen und politischen Einhegung von Einkommens-, Armuts- und Beschäftigungsrisiken einher. Lohnarbeit wurde zu einer Institution, gekoppelt mit "sozialem Eigentum" - einem Eigentum zur Existenz- und Statussicherung, das sich unter anderem in garantierten Rentenansprüchen, Mitbestimmungsrechten oder in verbindlichen tariflichen Normen manifestierte. Erst die enge Koppelung mit sozialem Eigentum verwandelte Lohnarbeit in ein zentrales gesellschaftliches Integrationsmedium. Geschützte, halbwegs sichere Lohnarbeit war die Basis für einen Bürgerstatus, der - gleichsam als Klammer zwischen System- und Sozialintegration - zuvor besitzlosen Klassen und Gruppen trotz fortbestehender Ungleichheiten zu einem respektierten Status in der Gesellschaft verhalf.






Wenn nicht alles täuscht, so erleben wir seit den achtziger Jahren eine Umkehrung dieser Entwicklung. Dafür gibt es vor allem zwei Ursachen: Erstens drängen die neuen Formen von "immaterieller" Dienstleistungs- und Informationsarbeit nach einem flexibleren Arbeitsmanagement, das in einem Spannungsverhältnis zu Regelungsformen des fordistischen Nachkriegskapitalismus steht.[1] Zweitens - und das ist für den hier interessierenden Kontext entscheidend - kommt es unter dem Druck eines internationalisierten Finanzmarktkapitalismus[2] zur Ausweitung prekärer Beschäftigung und damit zu einer "Rückkehr der Unsicherheit" in die - historisch gesehen - reichen und überaus sicheren Gesellschaften des Westens.[3] Obwohl "diese Gesellschaften von Sicherungssystemen umgeben und durchzogen sind", bleibt die Sorge "um die Sicherheit allgegenwärtig"; sie "beschäftigt weite Teile der Bevölkerung"[4]. Robert Castel hat diese Diagnose auf die französische Lohnarbeitsgesellschaft bezogen. Darüber, ob sie auf Deutschland übertragbar ist, wird in den Sozialwissenschaften gestritten.[5]

Meine These lautet, dass ein Empfinden sozialer Unsicherheit, welches sich wesentlich aus prekären Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen speist, auch hierzulande nicht trotz, sondern wegen der noch immer hohen Sicherheitsstandards zu massiven gesellschaftlichen Desintegrationsprozessen führt. Zur Begründung dieser Sichtweise will ich auf Ergebnisse einer eigenen empirischen Studie[6] zurückgreifen, die sich mit der Ausbreitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse und deren subjektiver Verarbeitung befasst. Als heuristische Folie dient die Castelsche Zentralhypothese.[7] Danach spalten sich dieLohnarbeitsgesellschaften in drei große "Zonen": Die Zone der Entkoppelung umfasst die von regulärer Erwerbsarbeit dauerhaft Ausgeschlossenen. Die oberen und mittleren Ränge der Arbeitsgesellschaft sind noch immer in einer - allerdings schrumpfenden - Zone der Integration mit formal gesicherten Normbeschäftigungsverhältnissen angesiedelt. Dazwischen expandiert eine Zone der Prekarität mit heterogenen Beschäftigungsformen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie oberhalb eines kulturellen Minimums nicht dauerhaft Existenz sichernd sind. Dazu gehören Leih- und Zeitarbeit, niedrig entlohnte Beschäftigung, erzwungene Teilzeitarbeit und befristete Stellen ebenso wie Mini- und Midi-Jobs, abhängige Selbstständigkeit oder sozialpolitisch geförderte Arbeitsgelegenheiten. Wie sich die Ausbreitung unsicherer Beschäftigungsformen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt auswirkt, lässt sich angemessen nur erfassen, wenn man die subjektiven Verarbeitungsformen von Prekarisierungsprozessen in die Analyse einbezieht.

Fußnoten

1.
Vgl. Manuel Castells, The rise on the network society (The information age: economy, society and culture; Vol.1) Cambridge 1996.
2.
Vgl. Paul Windolf (Hrsg.), Finanzmarkt-Kapitalismus. Analysen zum Wandel von Produktionsregimen, Wiesbaden 2005.
3.
Vgl. Robert Castel, Die Stärkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat, Hamburg 2005, S. 54ff.
4.
Ebd., S. 8.
5.
Ulrich Brinkmann/Klaus Dörre/Silke Röbenack, Prekäre Arbeit. Ursachen, Ausmaß, soziale Folgen undpolitische Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigungsverhältnisse. Eine Expertise, Bonn 2006; Ulrich Bröckling/Susanne Krasmann/Thomas Lemke (Hrsg.), Gouvernementalität der Gegenwart. Studien zur Ökonomisierung des Sozialen, Frankfurt/M. 2000.
6.
Es handelt sich um das Projekt "Prekäre Beschäftigung - Ursache von sozialer Desintegration und Rechtsextremismus", das ich gemeinsam mit Klaus Kraemer und Frederic Speidel durchgeführt habe. DasVorhaben ist Teil des vom Bundesministerium fürBildung und Forschung (BMBF) geförderten Forschungsverbunds "Integrationspotentiale moderner Gesellschaften" (Leitung: Wilhelm Heitmeyer/Universität Bielefeld). Es basiert auf knapp 100 halbstrukturierten Interviews, Gruppenbefragungen und mehr als 30 Expertengesprächen, die anhand ausgewählter Problemkonstellationen quer durch die "Zonen" der Arbeitsgesellschaft geführt wurden.
7.
Vgl. Robert Castel, Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit, Konstanz 2000.