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28.9.2006 | Von:
Klaus Dörre

Prekäre Arbeit und soziale Desintegration

Typische Verarbeitungsformen unsicherer Beschäftigung

Anhand von empirischem Material, das ausgewählte Problemkonstellationen aus allen Zonen der Arbeitsgesellschaft erfasst, können wir neun typische Formen der (Des-)Integration unterscheiden (vgl. Schaubild der PDF-Version).

Schaubild 1: (Des-)Integrationspotenziale von Erwerbsarbeit - eine Typologie


    Zone der Integration
    1. Gesicherte Integration ("Die Gesicherten")
    2. Atypische Integration ("Die Unkonventionellen" oder "Selbstmanager")
    3. Unsichere Integration ("Die Verunsicherten")
    4. Gefährdete Integration ("Die Abstiegsbedrohten")


    Zone der Prekarität
    5. Prekäre Beschäftigung als Chance / temporäre Integration ("Die Hoffenden")
    6. Prekäre Beschäftigung als dauerhaftes Arrangement ("Die Realisten")
    7. Entschärfte Prekarität ("Die Zufriedenen")


    Zone der Entkoppelung
    8. Überwindbare Ausgrenzung ("Die Veränderungswilligen")
    9. Kontrollierte Ausgrenzung / inszenierte Integration ("Die Abgehängten")
Quelle: Eigene Darstellung.


Arbeitskraft- (reproduktive Dimension) und Tätigkeitsperspektive (arbeitsinhaltliche, professionsbedingte Ansprüche) beinhalten die primären Inegrationspotenziale einer Erwerbstätigkeit.

In der Zone der Integration bilden drei Typen (1, 3, 4) die Integration in formal gesicherte Normbeschäftigung ab. Im Fall der "Selbstmanager" dominiert das Integrationspotenzial der Tätigkeitsperspektive (inhaltliches Interesse an der Tätigkeit, Streben nach Professionalität) über den unsicheren Beschäftigungsstatus.

In der Zone der Prekarität sind unstete Beschäftigungsverhältnisse angesiedelt, die jedoch subjektiv höchst unterschiedlich bewertet werden.

In der Zone der Entkoppelung befinden sich Erwerbs- und Langzeitarbeitslose mit ebenfalls divergierenden subjektiven Orientierungen.

Unsicherheitsempfinden kann insbesondere bei den "Abstiegsbedrohten" (Typ 4) deutlicher ausgeprägt sein als bei Befragten, die aufgrund der Struktur ihres Beschäftigungsverhältnisses der Zone der Prekarität zuzurechnen sind (Typ 5, 7). Selbst bei den Veränderungswilligen (Typ 8) in der Zone der Entkoppelung besteht noch die Hoffnung, die eigene Lage über kurz oder lang deutlich verbessern zu können. Im Falle der "Abstiegsbedrohten" (Typ 4) erscheinen Brüche in der beruflichen Biographie und sozialer Abstieg hingegen fast schon als Gewissheit. Der Neigungswinkel individueller Biographien zeigt bei dieser Gruppe nach unten, und es sind nicht genügend Ressourcen vorhanden, um diese Abwärtsbewegung grundlegend korrigieren zu können. Daher nehmen Bedrohungsgefühle nicht linear zu, je weiter man in der Hierarchie der Typen nach unten steigt. Vielmehr sind Abstiegsängste bei jenen Gruppen besonders präsent, die noch etwas zu verlieren haben. Die Angst vor Statusverlust ist ein wichtiger Ursachenherd für Prekarisierungsängste und soziale Desintegration, der innerhalb der "Zone der Normarbeit" angesiedelt ist.