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28.9.2006 | Von:
Klaus Dörre

Prekäre Arbeit und soziale Desintegration

Sekundäre oder kompensatorische Integration

Allerdings, das bleibt in der Castelschen Hypothese unterbelichtet, nehmen selbst Langzeitarbeitslose soziale Desintegration nicht passiv hin. Unter Bedingungen, die sie zu struktureller Benachteiligung verdammen, entwickeln Ausgegrenzte und prekär Beschäftigte eigene Überlebensstrategien. Das ist der Grund, weshalb es nicht zu sich beständig verstärkenden, letztlich die Systemreproduktion gefährdenden Desintegrationsprozessen kommt.

In der Zone der Prekarität und der Zone der Entkoppelung erfolgt Einbindung allerdings nicht mehr über primäre (reproduktive und qualitative), sondern über tradierte oder neu erzeugte sekundäre, häufig kompensatorische Integrationspotenziale. Von sekundären Integrationspotenzialen kann gesprochen werden, wenn junge Leiharbeiter ihr prekäres Beschäftigungsverhältnis als Sprungbrett in eine Normbeschäftigung betrachten und dabei auf den "Klebeffekt" ihrer Tätigkeit hoffen (Typ 5). Um sekundäre Integration handelt es sich bei älteren Leiharbeitern, die sich pragmatisch mit ihrer Lage arrangieren, indem sie beständig zwischen Arbeitslosigkeit und Leiharbeit pendeln (Typ 6). Sekundäre Integrationspotenziale verschaffen sich auch Geltung, wenn sich etwa Verkäuferinnen scheinbar vorbehaltlos in ihre Rolle als mehr oder minder zufriedene Zuverdienerinnen (Typ 7) fügen und damit eine stabile Partnerschaft und ein Existenz sicherndes Einkommen des Lebenspartners zur stillen Voraussetzung ihres Arrangements machen. Und selbst bei den "Abgehängten" (Typ 9) zeigt sich die Wirksamkeit sekundärer Integrationsmechanismen, wenn sich jugendliche Erwerbslose als "arbeitende Arbeitslose" definieren, weil sie ihr Einkommen in der Schattenwirtschaft verdienen und dabei auf die informellen Netze von Familie, Nachbarn und Freunden setzen. Die Orientierung auf Teilhabe an regulärer Erwerbsarbeit haben die Betroffenen aufgegeben. Sie richten sich auf ein Leben in Subgesellschaften mit eigenen informellen Strukturen und Integrationsmechanismen ein. Ausgegrenzte Jugendliche etwa setzen alles daran, ihre verbliebenen sozialen Kontakte zu stabilisieren, um so zumindest ein Minimum an Selbstbestätigung zu erfahren. Häufig ist ihnen das Risiko, diese Kontakte wegen der vagen Aussicht auf einen unsicheren Job aufzugeben, einfach zu hoch. Daher tendieren subgesellschaftliche Orientierungen, die sich im Osten Deutschlands gerade erst herauszubilden beginnen, zur Selbstreproduktion.

Schon aus diesem Grund nimmt die Wirksamkeit sekundärer Integrationspotenziale Prekarisierungserfahrungen nichts von ihrer Brisanz. Im Grunde handelt es sich um schwache, kompensatorische Formen der Integration, die entweder auf Fiktion, auf der Hoffnung, irgendwann doch noch Anschluss an die Normalität regulärer Beschäftigung zu finden, oder auf einer Mobilisierung quasi-ständischer Zugehörigkeiten und Ressourcen beruhen. Sofern dies in Handlungsstrategien mündet, die ein Überleben in prekären Verhältnissen sicherstellen sollen, ist Integration in normativer Hinsicht gerade kein "Erfolgsbegriff"[11]. Dass sekundäre Integrationspotenziale überhaupt wirksam werden können, hängt wesentlich mit der disziplinierenden Wirkung von Arbeitsmarktrisiken zusammen. Die Disziplin des Marktes kann zum Beispiel dazu führen, dass tradierte Formen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung revitalisiert werden. So definieren sich etwa Verkäuferinnen mitunter auch dann als Zuverdienerinnen, wenn ihr Einkommen aufgrund der Arbeitslosigkeit des Lebenspartners längst den Lebensunterhalt der Familie sichert (Typ 7). Als verinnerlichtes Selbstverständnis über ihre Erzeugungsbedingungen hinaus wirksam(Hysteresis-Effekte), illustrieren derartige Haltungen die Verfestigung einer sozialen Lage, die sich über eine dauerhafte Betätigung in prekären Beschäftigungsverhältnissen konstituiert. Zufrieden sind diese Befragten nur insofern, als sie sich als Teilzeitarbeiterinnen gesellschaftlich durchaus integriert fühlen. Diese Zufriedenheit ändert nichts daran, dass die Betreffenden ihre Berufstätigkeit überaus kritisch beurteilen. Teilweise werden sie in Interessenvertretungen und Gewerkschaften aktiv, um ihre Arbeitsbedingungen zu verbessern. In diesen Fällen handelt es sich um eine Variante der Integration durch "Streit",[12] die allerdings an der grundsätzlichen Akzeptanz des Zuverdienerinnenstatus nichts ändert.

Fußnoten

11.
Bernhard Peters, Die Integration der modernen Gesellschaft, Frankfurt/M. 1993, S. 92.
12.
Vgl. G. Simmel (Anm.8).