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28.9.2006 | Von:
Klaus Dörre

Prekäre Arbeit und soziale Desintegration

Unterschiede zwischen flexibler und prekärer Arbeit

Ein bekannter Einwand gegen die Desintegrationshypothese lautet, Prekarität stelle allenfalls eine Facette flexibler Beschäftigung dar, einer Flexibilität, die im Großen und Ganzen der Interessenlage vieler Beschäftigter entgegenkomme.[13] Und in der Tat, "manche Gruppen von Arbeitnehmern profitieren zweifellos" von einem Arbeitsmanagement, das sie "zur Freiheit verdammt". Sie "maximieren ihre Chancen, bauen ihr Potenzial aus, entdecken an sich ungeahnte unternehmerische Fähigkeiten, die unter bürokratischen Zwängen und strengen Regelungen bisher verkümmerten".[14] Doch der Lobgesang auf positive Seiten der Flexibilisierung ignoriert die neuen "Trennlinien", die Arbeitswelt und Gesellschaft durchziehen.

Diese Trennlinien werden in unserer Typologie abgebildet. So unterscheidet sich die Selbstwahrnehmung der prekär Beschäftigten gravierend von den subjektiven Verarbeitungsformen flexibler Beschäftigung, wie sie sich in der "Zone der Integration" finden. Das zeigt sich besonders deutlich bei den "Selbstmanagern" (Typ 2), zu denen in unserer Untersuchung unter anderem Freelancer aus der IT-Industrie und Werbefachleute zählen. Für diese Befragten wird das Sicherheitsrisiko, das in den Beschäftigungsverhältnissen angelegt ist, subjektiv durch den Freiheitsgewinn kompensiert, den sie mit der Abwesenheit hierarchischer Zwänge verbinden. Zudem vertrauen sie auf ihre Qualifikation und ihre materiellen Ressourcen, mit denen sie Phasen der Beschäftigungsunsicherheit einigermaßen gut überbrücken können. Integrationsstiftend wirkt in diesen Gruppen die Identifikation mit der eigenen Tätigkeit, das Streben nach Professionalität. Das ist bei den prekär Beschäftigten grundsätzlich anders. Hier kann die Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse kaum positiv erlebt werden.

Damit ist nicht gesagt, dass eine individuelle Positionierung in der "Zone der Integration" mit Problemfreiheit gleichzusetzen sei. Selbst in Segmenten "immaterieller" Angestellten- und Informationsarbeit können massive Desintegrationseffekte auftreten. Letztere werden allerdings nicht primär durch unsichere Beschäftigungsverhältnisse verursacht. Sie resultieren ganz im Gegenteil aus einer Identifikation mit der Arbeitstätigkeit, die mit Arbeitswut, Leistungsdruck, Stress, Beeinträchtigung des Privatlebens, Entspannungsunfähigkeit, blockierten Aufstiegsmöglichkeiten und Diskontinuitätserfahrungen bei der Projektarbeit einhergeht. Solche Desintegrationseffekte können sich dramatisch zuspitzen und eine zuvor stabile Beschäftigung in ein heikles Arbeitsverhältnis verwandeln - ein Prozess, der dann wegen der "Fallhöhe" subjektiv als besonders schmerzlich empfunden wird.

Dennoch sind flexible und prekäre Beschäftigungsverhältnisse nicht identisch. Manche Formen flexibler Beschäftigung können mit gesicherter Integration einhergehen. Das gilt zum Beispiel für verschiedene Varianten von Projektarbeit, die Luc Boltanski und Ève Chiapello[15] zum Charakteristikum eines "neuen kapitalistischen Geistes" stilisieren. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse sind stets flexibel; doch längst nicht alle Formen flexibler Beschäftigung erweisen sich zugleich als prekär. Die "Selbstmanager" (Typ 2) agieren allesamt oberhalb einer "Schwelle der Berechenbarkeit", welche von der Verfügung über Einkünfte und Ressourcen abhängt, die von der "Sorge um die Subsistenz dauerhaft entlasten".[16] Bei den prekär Beschäftigten, die sich an der Schwelle der Respektabilität, gekennzeichnet durch eine feste Arbeitsstelle und ein regelmäßiges Einkommen, bewegen, ist das so nicht der Fall.

Fußnoten

13.
Vgl. M. Kronauer/G. Linne (Anm.8).
14.
Vgl. R. Castel (Anm. 3), S. 63f.
15.
Vgl. Luc Boltanski/Ève Chiapello, Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz 2003 (Französisch: Le nouvel Ésprit du Capitalisme, Paris 1999).
16.
P. Bourdieu (Anm. 10), S. 92.