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28.9.2006 | Von:
Klaus Dörre

Prekäre Arbeit und soziale Desintegration

Politische Verarbeitungsformen von Prekarisierung

Diese Feststellung ist auch für die Frage nach den politischen Verarbeitungsformen sozialer Unsicherheit bedeutsam. Prekarisierung korrespondiert offenbar mit unterschiedlichen Formen des Selbstregierens und der Selbstdisziplinierung. Die Übersetzung entsprechender Erfahrungen in ausgrenzende Integrationsvorstellungen und deren Aktivierung in einer bipolaren Logik, die sich gegen stigmatisierte Outsidergruppen wendet, stellt ein zentrales Bindeglied zu rechtspopulistischen Orientierungen dar. Wir haben solche Orientierungen bei mehr als einem Drittel unserer Befragten aus allen Zonen der Arbeitsgesellschaft festgestellt. Unweigerlich drängen sich Parallelen zur klassischen Autoritarismus-These Erich Fromms[20] und Theodor W. Adornos[21] auf. Der neue Autoritarismus lässt sich indessen wohl kaum auf eine Ich-Schwäche zurückführen, die in Defiziten frühkindlicher Sozialisation wurzelt. Vielmehr werden Überanpassung und Autoritätshörigkeit durch Mechanismen und Erfahrungen mit erzeugt, die auf direkten oder indirekten Wirkungen von Prekarisierungsprozessen beruhen. Aber auch dort, wo moderne, partizipative Arbeitsformen existieren, gibt es offenbar einen Zusammenhang zwischen der zunehmenden Marktsteuerung von Arbeit, Formen des "Selbstregierens"[22] und einer Art Selbstinstrumentalisierung, die nicht nur Leidensdruck erzeugt, sondern auch nach "Druckventilen" sucht. Marktförmige Steuerungsmechanismen generieren offenkundig einen Zwang zum Selbstzwang, der tendenziell auf die gesamte Persönlichkeit ausstrahlt. In unterschiedlicher Weise bringt dieser Modus der Selbstzuschreibung in allen Zonen der Arbeitsgesellschaft Formen der Überanpassung hervor, die - wenn auch nicht zwangsläufig - in rechtspopulistische Orientierungen einmünden können. Je nach Position in der Arbeitswelt besitzen diese Orientierungen eine "konformistische", eine "konservierende" oder eine "rebellische" Ausprägung.[23] Gemeinsam ist ihnen indessen, dass sie eine Form der "imaginären Integration" in die Gesellschaft darstellen, die auf Kosten von Anderen, Schwächeren, Ausländern, eben von Outsidergruppen vollzogen werden soll.

Mit diesem Befund wird die Castelsche Befürchtung, derzufolge Gruppen im sozialen Abstieg ihre eigene soziale Position zu verteidigen suchen, indem sie Ressentiments als Triebfeder "gesellschaftlicher und politischer Aktion" nutzen,[24] im Grunde noch überboten. Denn offenkundig ist das Ressentiment auch ein Mittel, das integrierte Gruppen nutzen können, um Wohlfahrtsansprüche der "Prekarier" und "Entkoppelten" zu delegitimieren. Allerdings gibt es auch Gegentendenzen. Sofern Prekarisierung aktiv-partizipatorisch bearbeitet wird, wächst die Chance, einen durch schwindendes "soziales Eigentum" gefährdeten Bürgerstatus zu revitalisieren.

In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass partizipative und ressentimentgeleitete Verarbeitungsformen von Prekarität häufig dicht beieinander liegen. Dieselben Leiharbeiter, die sich in heftigen ausländerfeindlichen Attacken ergehen, gründen gleichzeitig eine Tarifkommission und erkämpfen einen Tarifvertrag, sobald sie eine realistische Möglichkeit zur kollektiven Verbesserung ihrer Situation sehen. Um partizipatorische Verarbeitungsformen zu fördern, bedürfte es indessen einer mutigen "Politik der Entprekarisierung", die neue Sicherheiten (zum Beispiel gesetzlicher Mindestlohn, Grundsicherung) mit einer konsequenten Förderung von Selbstorganisation der "Prekarier"[25] und Ansätzen einer "solidarischen Ökonomie"[26] zu kombinieren hätte.

Aus Sicht vieler der von uns Befragten sind solche Ansätze seitens der politischen Parteien und Gewerkschaften jedoch allenfalls schwach entwickelt. Aktuell dominiert vielmehr eine Grammatik sozialer Auseinandersetzungen, die eine Überlagerung klassenspezifischer Verteilungskonflikte durch entsolidarisierende Konkurrenzen um das "Drinnen" und "Draußen" verursacht. Diese Konflikte sind, wie gezeigt, durchaus mit Formen einer partikularen Sozialintegration vereinbar. Um "gehegte Konflikte",[27] die gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern könnten, handelt es sich bei diesen Gruppenkonkurrenzen jedoch nicht. Einstweilen scheinen Prekarisierungsprozesse die systemische Reproduktion westlicher Arbeitsgesellschaften nicht zu gefährden; dass die Sozialintegration intakt sei, wird man indessen kaum behaupten können.

Fußnoten

20.
Vgl. Erich Fromm, Arbeiter und Angestellte am Vorabend des dritten Reiches, Frankfurt/M. 1983.
21.
Vgl. Theodor W. Adorno u.a., The Authoritarian Personality, New York 1973 (Original 1950).
22.
Michel Foucault, Die Gouvernementalität, in: U.Bröckling u.a. (Anm. 5), S. 41 - 67.
23.
Vgl. Klaus Dörre, The increasing precariousness of the employment society - driving force for a new right-wing populism? Paper prepared for presentation at the 15th Conference of Europeanists, Chicago, March 30 - April 2, 2006.
24.
R. Castel (Anm. 3), S. 67f.
25.
Vgl. U. Brinkmann u. a. (Anm. 5), Kapitel 7.
26.
Elmar Altvater, Solidarische Ökonomie, in: Widerspruch 50, Zürich 2006, S. 5 - 16.
27.
Helmut Dubiel, Gehegte Konflikte, in: Merkur, (1995) 12, S. 1095 - 1106.