Eine Frau benutzt einen Notrufknopf, den sie am Handgelenk trägt.

9.8.2019 | Von:
Marie-Kristin Döbler

Mehr als nur Pflege. Care in Alten(pflege)heimen

Pflege im Alter wird vielfach damit in Verbindung gebracht, dass jemand "gut aufgehoben" ist, was in alltäglichen wie massenmedialen Diskussionen oft auf "Waschen, Wickeln, Drehen, Füttern" reduziert wird. Doch auch ohne solch einen negativ-bewertenden Ton ist häufig eine Verkürzung auf Grund- und Behandlungspflege[1] zu rekonstruieren, die mit der Vernachlässigung vieler anderer Formen von Zuwendung, Fürsorge und Ähnlichem einhergeht. Um den Blick auf das gesamte Spektrum an Tätigkeiten und Praktiken zu lenken, die für das Wohlbefinden im Alter in Heimen notwendig erscheinen, bietet sich der Sammelbegriff "Care" an. Dieser wurde bereits breit theoretisch rezipiert, wird aber ambivalent gebraucht und ist nicht unumstritten. So betonen verschiedene, an der Care-Debatte beteiligte Disziplinen jeweils andere Aspekte und nutzen den Begriff für unterschiedliche Ziele. Philosophisch betrachtet, geht es um universelle anthropologische Rechte und Pflichten, pflegewissenschaftlich orientiert um Pflegeethiken oder Berufsethos, politischen, kapitalismuskritischen oder feministischen DenkerInnen um die Sichtbarmachung von Ungleichheiten, Ausbeutungen und Intersektionalität sowie um Positionierungen in Kämpfen um Gleichberechtigung.[2]

Trotz dieser Ambivalenz und der den verschiedenen Konzeptualisierungen entgegengebrachten Kritik[3] erweist sich der Begriff als hilfreich: Mit "Care" können sprachliche Verengungen und negative Assoziationen vermieden werden, die mit Alternativen wie Sorge (z.B. Angst) oder Pflege (z.B. Last, Mühe, Pflicht) verbunden sind, weil damit alles von Haushaltstätigkeiten über die händische Pflege von (kranken) Alten sowie emotionale und finanzielle Unterstützungsleistungen bis hin zu Formen der Selbstsorge angesprochen wird. Mit dieser Arbeitsdefinition von Care setze ich mich im Folgenden empirisch auseinander. Im Fokus stehen dabei die vielfach vernachlässigte Perspektive von HeimbewohnerInnen und die Frage: Was erwarten und brauchen HeimbewohnerInnen, um "gut aufgehoben" zu sein beziehungsweise damit ihre Care-Bedürfnisse erfüllt werden, und in welchem Verhältnis steht das zu der Care, die Heimpersonal leisten kann und will?

Zur Bearbeitung dieser Frage wird Material aus dem Projekt "Lebensqualität in bayerischen Alten(pflege)heimen" herangezogen.[4] Dem Prinzip des strukturierten Samplings folgend wurden in zwölf bayerischen Heimen unterschiedlicher Größe (30 bis 150 Betten), variierender Trägerschaft (privat/gemeinnützig/konfessionell) und geografischer Lage (Stadt/Land) mit jeweils acht bis zwölf BewohnerInnen halbstandardisierte Interviews geführt. Gesprochen wurde über das Leben im Heim, das Erleben von Pflege und Fürsorge sowie Erwartungen und Wünsche unter anderem hinsichtlich verschiedener Arten von Zuwendung. Ergänzend wurden die Heim- und/oder Pflegedienstleitungen der zwölf besuchten Einrichtungen als ExpertInnen für die Heimorganisation und die institutionellen Abläufe interviewt und unstrukturierte, aber dokumentierte Gespräche mit dem Personal geführt. Die Auswertung erfolgte nach qualitativ-inhaltsanalytischen (Grobanalyse) und hermeneutischen (Feinanalyse) Verfahren.[5]

Hinsichtlich der Reichweite und Gültigkeit der im Folgenden präsentierten Befunde ist die Freiwilligkeit der Teilnahme an der Studie und die eingeschränkte Befragbarkeit von Personen mit erheblichen kognitiven, aber auch körperlichen Einschränkungen zu berücksichtigen, weshalb Selektionen auf Ebene der BewohnerInnen und der Heime vorhanden sind. Es können daher keine empirisch fundierten Aussagen über das Care-Verständnis entsprechender BewohnerInnen, insbesondere von Menschen mit fortgeschrittener Demenz, getroffen werden. Bei befragten BewohnerInnen kann aber ein relativ klares Verständnis für das festgestellt werden, was aus analytischer Perspektive als "Care" bezeichnet wird, sowie eine recht genaue Vorstellung davon rekonstruiert werden, was an Care in Heimen nötig und möglich ist.

Fußnoten

1.
Grundpflege umfasst regelmäßig, wiederholt auszuführende Tätigkeiten, die insbesondere die Körperpflege und die Ernährung, aber auch die Mobilisierung betreffen. Behandlungspflege wiederum bezeichnet Praktiken wie Medikamentengabe, Wundversorgung, Verbandwechsel oder Blutzuckermessung. Vgl. Ilka Köther, Altenpflege, Stuttgart u.a. 2016.
2.
Vgl. z.B. Ilona Ostner, Care – eine Schlüsselkategorie sozialwissenschaftlicher Forschung?, in: Adalbert Evers et al. (Hrsg.), Handbuch Soziale Dienste, Wiesbaden 2011, S. 461–481.
3.
Kritisiert wird etwa, dass die theoretisch entwickelten oder diskutierten Begriffe zu formalisierte Prozedere vorsehen, das Menschliche (Emotionalität, Betroffenheit, persönliche Involvierung etc.) genauso wie die Relevanz von Beziehungen vernachlässigen und zu idealisierte Prädispositionen (Gerichtetheit, Resonanzfähigkeit, bestimmte Formen von Empathie, Selbstaufgabe) bei Care-GeberInnen und -EmpfängerInnen voraussetzen würden. Vgl. z.B. Michael May, Auf dem Weg zu einem dialektisch-materialistischen Care-Begriff, in: Widersprüche: Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich 34/2014, S. 11–51; Helen Kohlen/Christel Kumbruck, Care-(Ethik) und das Ethos fürsorglicher Praxis (Literaturstudie), Bremen 2008.
4.
Teilprojekt des Forschungsverbunds ForGenderCare (http://www.forgendercare.de«), gefördert durch das Bayrische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.
5.
Vgl. Philipp Mayring, Qualitative Inhaltsanalyse, Weinheim 2010; Uwe Flick, Qualitative Sozialforschung, Reinbek 2017; Rainer Diaz-Bone/Christoph Weischer, Methoden-Lexikon für die Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2015.
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Autor: Marie-Kristin Döbler für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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