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21.9.2006 | Von:
Lothar Probst

Hannah Arendt und Uwe Johnson

Respekt und gedankliche Übereinstimmungen waren die Basis von Arendts und Johnsons Freundschaft. Während Johnson die Schuld "der" Deutschen am Holocaust literarisch verarbeitet, differenziert Arendt zwischen Schuld und Verantwortung.

Einleitung

Dass die Begriffe Schuld und Verantwortung in Deutschland unauflösbar mit Nationalsozialismus und Holocaust verbunden sind, hat das späte Bekenntnis von Günter Grass zu seiner SS-Vergangenheit noch einmal auf eindrucksvolle Weise bestätigt. Gerade weil für Teile der literarischen Intelligenz der Nachkriegszeit die von Deutschen und im Namen der Deutschen begangenen Verbrechen zum prägenden Symbol einer Negativgeschichte der Nation wurden, rührt der Fall Grass noch einmal an der Schuldfrage, ihrer Verdrängung und ihrer Verleugnung.






Wie unterschiedlich man mit der Frage von Schuld und Verantwortung im Kontext politisch motivierter Verbrechen umgehen kann, soll im Folgenden am Beispiel von Hannah Arendt und Uwe Johnson gezeigt werden. Dazu gehe ich zunächst auf das Verhältnis zwischen Arendt und Johnson, die freundschaftlich miteinander verbunden waren, ein, bevor die unterschiedlichen Positionen der deutsch-jüdischen politischen Denkerin und des deutsch-deutschen Schriftstellers zur Frage von Schuld und Verantwortung charakterisiert werden.

Schon bei ihrer ersten Begegnung 1965 in New York entwickelte sich eine wenn auch zunächst vorsichtige und tastende Beziehung zwischen Arendt und Johnson[1], die langsam in eine Freundschaft hineinwuchs, insbesondere, als Johnson zwei Jahre lang in unmittelbarer Nachbarschaft von Arendt am Riverside Drive in New York wohnte und später ihre Gastfreundschaft in ihrer Wohnung in Anspruch nahm. Die private Korrespondenz[2] wirft einerseits ein erhellendes Licht auf diese Freundschaft[3] und offenbart andererseits doch etwas von dem Heideggerschen "Aneinander-Vorbeigehen". Distanz und Nähe bleiben in einem ausgewogenen Verhältnis und überschreiten zu keinem Zeitpunkt den Rahmen eines von wechselseitiger Achtung geprägten Verhältnisses. Einmal schreibt Arendt: "Ihr Brief - sehr entzückend, sehr charmant, aber dann doch, als ob einer mit geschlossenen Lippen spricht."[4]

Johnsons Beziehung zu Arendt war nicht nur von tiefem Respekt und Verehrung geprägt, sondern er sah in ihr auch eine philosophische "Lehrerin". In seinem Nachruf auf Arendt räsoniert er über die Zeit, die er in ihrer Wohnung verbrachte: "Ich bekam Seminare in Philosophiegeschichte, zeitgenössischer Politik, Zeitgeschichte, je nach Wunsch."[5] Die distanzierte Bewunderung lässt erkennen, dass Johnson sich darüber bewusst war, dass sein Verhältnis zu Arendt allenfalls das des begabten jüngeren Schriftstellers war, der sich ihres Interesses und ihrer Anteilnahme sicher sein durfte. Tatsächlich hat Arendt nicht mit Lob über Johnsons literarisches Werk, welches sie aufmerksam verfolgt hat, gespart. In einem Brief an Johnson schreibt sie über die "Jahrestage": "Ich bin nun der monatelang wohl erwogenen Meinung (...), dass dies wahrhaftig ein Meisterwerk ist. (...) Dies ist ein Dokument, und zwar ein gültiges für diese ganze Nach-Hitler-Zeit. Diese Vergangenheit haben Sie in der Tat haltbar gemacht, und was vielleicht viel unwahrscheinlicher ist, Sie haben sie überzeugend gemacht. Wie es da bei Euch war und ist, das weiß ich jetzt gleichsam bis in dieSpitze des kleinen Zehs. Die Langsamkeit und dies ständige Sich-Besinnen, das ich ja schon sehr an dem Jakob-Buch liebte, ist hier zu dem langen Atem - auch in der Satzbildung - geworden, dem nichts bloß charmierend Dialektisches mehr anhaftet, weil ihm hier das Sujet ganz entspricht. Nur so - von Urahne, Großmutter, Mutter und Kind - im Zusammenspiel der Generationen und in zwei Kontinenten kann man scheint's angemessen sprechen und denken."[6]

Fußnoten

1.
Dieser Beitrag geht zurück auf meine Veröffentlichung "Mutmaßungen über Hannah Arendt und Uwe Johnson", in: Heinz-Peter Preußer/Matthias Wilde (Hrsg.), Kulturphilosophen als Leser. Porträts literarischer Lektüren, Göttingen 2006.

Obwohl Uwe Johnson bei seinem Besuch in den USA ganz im Schatten von Günter Grass stand, war schon die erste Begegnung von Arendt und Johnson im Mai 1965 im New Yorker Goethe-House von Neugier und Sympathie geprägt; vgl. Eberhard Fahlke/Thomas Wild (Hrsg.), Hannah Arendt - Uwe Johnson. Der Briefwechsel 1967 - 1975, Frankfurt/M. 2004, S. 303f.
2.
Vgl. ebd.
3.
Soweit es Hannah Arendt betrifft, kann man fast von einem fürsorglichen, ja mütterlichen Verhältnis zu Uwe Johnson sprechen - was sich nicht zuletzt durch den Altersunterschied von fast 30 Jahren erklären lässt. So bot sie ihm u.a. des Öfteren Geld an, um ihm Reisen zu ermöglichen - Angebote, die Johnson dankbar ablehnte.
4.
E. Fahlke/T. Wild (Anm. 1), S. 157.
5.
Ebd., S. 163.
6.
Ebd., S. 66f.