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11.9.2006 | Von:
Achim Baum

Pressefreiheit durch Selbstkontrolle

Bedrohungen für die Pressefreiheit

Der Einfluss der Massenmedien als quasi "vierte Gewalt" im Staat wird oft als unzulässige Macht der Medien interpretiert, die ihrer Aufgabe moralisch nicht gewachsen seien. Immer wieder greifen staatliche Stellen unberechtigt in die Freiheit der Presse ein. Und in scheinbar zunehmendem Maße missbrauchen tatsächlich viele Medien ihre Privilegien zugunsten eines rein ökonomischen Kalküls.

Die schärfer werdende Konkurrenz der Medien hat so vor allem in den vergangenen zwei Jahrzehnten den Journalismus in Misskredit gebracht: Die gefälschten Hitler-Tagebücher, die Affäre um den Tod von Uwe Barschel, das Gladbecker Geiseldrama, die Auswüchse des so genannten "Borderline-Journalismus" von Michael Born und Tom Kummer, die Berichterstattung über den Concorde-Absturz von Paris sowie über den angeblichen Mord in Sebnitz und die Terroranschläge vom 11. September 2001 - all das scheinen erschreckende Belege dafür zu sein, dass der Journalismus nur noch den schnellen Erfolg sucht und offenbar nicht in der Lage ist, der ihm übertragenen Verantwortung für die Kommunikation der Gesellschaft gerecht zu werden. Nicht zuletzt die Unterstellung, Medienaussagen übten eine große Wirkung auf ihr Publikum aus, veranlasst diejenigen zur Journalistenschelte, die von ihrem öffentlichen Image abhängig sind und die Medien vor allem zur Beschaffung von Massenloyalität benötigen. Der Journalismus wird heute gewissermaßen von zwei Seiten zugleich eingeengt: Einerseits wird ihm vorgeworfen, er ließe die notwendige Objektivität vermissen, durch eine eingeschränkte Themenwahl werde die Wirklichkeit verzerrt dargestellt. Andererseits versorgen nahezu alle Organisationen und Unternehmen mithilfe raffinierter Techniken und Instrumente den Journalismus mit ihrer einseitigen Sicht der Dinge. Öffentlichkeitsarbeit ist auf dem Weg zur fünften Gewalt. Denn in einer immer unübersichtlicher werdenden, global vernetzten Gesellschaft werden PR-Mitteilungen und -Inszenierungen zu einer wesentlichen Quelle des Journalismus.[1] Wirklich bedrohlich für die Unabhängigkeit des Journalismus wird dieser Spagat zwischen Objektivitätsansinnen und PR-Offensive aber erst durch die wirtschaftliche Misere der Medien selbst. Speziell die Presse muss sich heute in einem Markt behaupten, der zunehmend durch massenattraktive Angebote der elektronischen Medien geprägt ist. Die Reichweite, das Tempo und die visuellen Anreize von Fernsehen und Internet sorgen dafür, dass auch Zeitungen und Zeitschriften ihr Gesicht verändern. Denn ökonomisch betrachtet sind Massenmedien eben vor allem Werbeträger, die sich in möglichst hoher Auflage verkaufen müssen, Produkte, die im Marktwettbewerb bestehen müssen. Mit dieser "eingebauten Schizophrenie" des Mediensystems ist eines der wesentlichen Konfliktfelder der publizistischen Ethik umrissen.[2] Dieser Widerspruch zwischen dem Marktwettbewerb als Grundlage und der Meinungsvielfalt als Ergebnis publizistischen Handelns muss im redaktionellen Alltag von Verlegern und Journalisten immer wieder neu in die Balance gebracht werden.

Doch wie schützen sich diejenigen, die im Sinne der Allgemeinheit von ihren publizistischen Privilegien Gebrauch machen, vor den schwarzen Schafen in den eigenen Reihen? Die Antwort ist denkbar einfach und äußerst konsequent: Wer im Namen der Öffentlichkeit auftritt, muss seine Arbeit auch im Licht genau dieser Öffentlichkeit überprüfen und rechtfertigen können. Das ist die Idee der freiwilligen publizistischen Selbstkontrolle. In den Publizistischen Grundsätzen, dem Kodex des Deutschen Presserats und seiner kontinuierlichen Arbeit wurde dieser Gedanke verwirklicht. Gegenwärtig wird die publizistische Selbstkontrolle von einer Reihe weiterer, für unterschiedliche Medienbereiche zuständiger Organe (z.B. Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia (FSM), Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), Deutscher Werberat und Deutscher Rat für Public Relations) ausgeübt.[3] Sie schaffen Transparenz vor allem über die Fehlleistungen, die in ihrer jeweiligen Branche bekannt werden. Denn mit der Gewährleistung der Pressefreiheit entsteht zugleich die Gefahr, diese Freiheit auch zu missbrauchen.

Fußnoten

1.
Vgl. die Studie von Thomas Schnedler zum Verhältnis von PR und Journalismus: http://www.netzwerk recherche.de/docs/nr-studie_pr_und_journalismus_ lang.pdf; sowie Klaus-Dieter Altmeppen/Ulrike Röttger/Günter Bentele (Hrsg.), Schwierige Verhältnisse. Interdependenzen zwischen Journalismus und PR, Wiesbaden 2004.
2.
Vgl. Siegfried Weischenberg, Das neue Mediensystem. Ökonomische und publizistische Aspekte der aktuellen Entwicklung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1990) 26, S. 29ff. Vgl. Rüdiger Funiok, Medienethik. Der Wertediskurs über Medien ist unverzichtbar, in: APuZ, (2000) 41 - 42, S. 11 - 18.
3.
Vgl. Achim Baum/Wolfgang R. Langenbucher/Horst Pöttker/Christian Schicha (Hrsg.), Handbuch Medienselbstkontrolle, Wiesbaden 2005.