APUZ Dossier Bild

11.9.2006 | Von:
Ralf Hohlfeld

Bundestagswahlkampf 2005 in den Hauptnachrichten-
sendungen

Beim Bundestagswahlkampf 2005 vollzog sich eine in ihrer Qualität bislang einmalige Abkopplung der Medienrealität von der politischen Realität. Die Medien rekurrierten nur noch auf das von ihnen geschaffene, stereotype Bild der politischen Wirklichkeit.

Einleitung

Der politische Journalismus in Deutschland steckt in der Krise. Die Riege der politischen Kommentatoren verdammt sich in einem bislang unbekannten Maß. Selten zuvor gab es derart zornige Tiraden der Selbstbezichtigung, fast unisono heißt es, "der politische Journalismus funktioniere nicht mehr"[1]. Wie konnte das passieren? Die liberalere Publizistik fragt, warum sie mit ihren Einschätzungen vor der Bundestatagswahl 2005 so danebenliegen konnte. Die konservative Publizistik grübelt, weshalb sich das Wahlvolk der im Vorfeld eindeutig konsonanten Meinungsbildung verweigert hat, auch wenn über Jahre beobachtet werden kann, dass der Wähler zu einem unsicheren Kantonisten geworden ist.






Über Monate hatte sich abgezeichnet, dass es in Deutschland zu einer Ablösung der rot-grünen Regierung kommen würde. Der Medientenor war einhellig: Die Oppositionsparteien CDU/CSU und FDP werden die Wahl gewinnen, gemeinsam die neue Regierung stellen. Die einzig offene Frage schien zu sein, in welcher Höhe der Wahlsieg ausfällt. Die politische Publizistik und die Wahlforschung waren in dieser Frage d'accord. Warum gingen die politischen Journalisten mit ihren Einschätzungen derart fehl, dass sie konzedieren mussten, "dass in Wahrheit die Medien die Wahl verloren hätten"[2]? Stimmt es, dass sich die Medien so stark wie kaum zuvor "als Macher statt Mittler"[3] verstanden haben?[4] Oder, wie Claus Leggewie schrieb, dass sie endgültig "von Akteuren der Machtbeobachtung zu solchen der Mitwirkung am Machtkampf"[5] geworden sind?

Da abermals ein Fernsehwahlkampf geführt wurde, lautet die zentrale These: Der politische Fernsehjournalismus hat in großen Teilen versagt. Er hat sich von der Realität der Parteiendemokratie weit entfernt, zu der auch der Bürger als Mediennutzer gehört. Fernsehjournalismus konstruiert in wachsendem Maß eine Wirklichkeit sui generis. Diese zweite Wirklichkeit, die angesichts gravierender politischer Steuerungsprobleme im vergangenen Jahr einen kollektiven Wunsch nach einem politischen Wechsel propagierte, lässt sich auf eine selbstreferentielle Selbstkonditionierung der Fernsehmedien zurückführen. Die Medien rekurrierten zunehmend nur auf das von ihnen geschaffene Bild der politischen Wirklichkeit und auf Stereotypen der Berichterstattung, statt über aktuelle politische Entwicklungen zu berichten und sich von politischer Programmatik inspirieren zu lassen.

Für die These, dass Selbstthematisierung und Selbstbezüglichkeit der Berichterstattung für das Versagen des politischen Journalismus verantwortlich sind, gibt es drei wesentliche Indikatoren:

Die politische Berichterstattung wird immer unpolitischer. Selbst die genuine Wahlkampfberichterstattung entpolitisiert sich. Die Themenfelder der Policy, politische Sachthemen, werden immer weiter marginalisiert. Dagegen dominieren politische Prozessthemen (Politics) die Berichterstattung. Es geht unterdessen in fast allen mediengeprägten Demokratien im Vorfeld von politischen Wahlen um den Kampf, um das Rennen, um die Konkurrenzsituation. Dafür haben die US-Amerikaner den Begriff Horse-Race-Journalism geprägt. Wahlkampagne, Wahlwerbung oder der Wahlkampfverlauf mit seinen Stimmungswechseln und dem dialektischen Rhythmus von Angriff, Verteidigung und Gegenangriff besitzen im journalistischen Auswahlprozess hohen Nachrichtenwert. Eine Abfolge von routiniertem Unvorhergesehenem sind diese Prozessthemen; deshalb lassen sie sich so gut im Stile der Sportberichterstattung "framen", d.h. vom Regelsatz des Wettkampfs ungewissen Ausgangs rahmen. Der politische Wettbewerb der Parteien ist als selbstreferentielles Thema im Vergleich zu Politikinhalten so dominant, weil eine laufende Berichterstattung über Wahlkampfaktivitäten, Umfragen, neue Wahlkampfaktivitäten und Thematisierungsversuche für den politischen Journalisten im Wahlkampftross schnell, preisgünstig und ohne großen Rechercheaufwand neue Nachrichten liefert.

Fast drei Viertel der Berichterstattung zum Bundestagswahlkampf 2005 bestand aus solchen politics issues (vgl. Abbildung1), handelte also von Themen wie innerparteilichen Konflikten, Kampagnen, Wahlkampfstrategien, Wahlumfragen, Prognosen, Herabsetzungsbestrebungen gegenüber dem politischen Gegner und Kandidatenprofilen.[6] Die Nachrichtensendungen und -magazine von SAT.1 zum Bundestagswahlkampf enthielten gar 84 Prozent Politics-Themen. Diese Prozessthemen dominierten nicht nur den Umfang der Wahlberichterstattung, sondern auch die Präsentation. Drei von vier der metapolitischen Themen waren hervorgehoben, dienten also entweder als Aufmacher der Sendung bzw. von Sendungsbestandteilen oder wurden in Form von Schlagzeilen und Laufbändern gesondert angeteasert. Dagegen wurden nur 42 Prozent der dargestellten Sachthemen hervorgehoben. Ingesamt wurde jeder zweite Wahlkampfbericht (51 Prozent) innerhalb der untersuchten Nachrichten exponiert platziert. Der hohe Anteil politischer Prozessthemen lässt sich seit einigen Jahren beobachten und wächst auf hohem Niveau weiter an. Udo Krüger hat für die Bundestagswahl 2002 einen Anteil von 63 Prozent gemessen, 2005 stieg der Wert auf 66 Prozent.[7]

Innerhalb dieser metapolitischen Themen nehmen unterdessen selbstthematisierende Beiträge stetig zu, in denen die Fernsehnachrichten nicht nur den politischen Wahlkampf darstellen, sondern die Rolle der Medien und ihren Einfluss auf die Wahl thematisieren, so die vermuteten Auswirkungen eines TV-Duells oder politischer Talk-Shows auf die Wahlentscheidung der Bürger. Es geht bei der so genannten Metakommunikation darum, wie die Nachrichtenmedien ihre Rolle bei der Inanspruchnahme der politischen PR durch Spin Doctors interpretieren und bewerten. Dieses meta coverage wird als dritte Stufe des politischen Journalismus bezeichnet, weil der Schwerpunkt der Berichterstattung unterdessen nicht mehr auf politischen Themen und Strategien liegt, sondern darauf, inwieweit Journalisten zu Akteuren der Kampagnen instrumentalisiert werden.[8] "The Story of the campaign is the story of the media in the campaign."[9] Aber schon der Hinweis darauf, dass ein wahlkampfrelevantes Statement vor Medienvertretern geäußert wurde, genügt, damit ein TV-Beitrag als metakommunikativ eingestuft wird.

Ein knappes Viertel der Policy-Themen entfiel in den Nachrichtensendungen zum Bundestagswahlkampf 2005 auf diese Form der Metakommunikation, stellt also den politischen Wahlkampf vorzugsweise als Medienwahlkampf oder als mediatisierte Politik dar. Davon zeugten 2005 speziell die Blitzumfragen, von den Fernsehsendern im Anschluss an das TV-Duell in Auftrag gegeben, die wiederum Anlass waren für eine ausführliche Berichterstattung über den Einfluss der politischen Fernsehkommunikation auf die Wahlabsichten der (fernsehenden) Bevölkerung. Auch wenn dieses Phänomen in Europa noch nicht so verbreitet ist wie in den Vereinigten Staaten, gehört dieses Merkmal allgemein zur Amerikanisierung des Wahlkampfs.[10]

Der zweite Indikator für die mediale Selbstkonditionierung im Prozess der Wahlkampfberichterstattung betrifft die Tatsache, dass prominente Journalisten als Akteure auftreten. Journalisten fragen Journalisten - dieser Trend ist zwar nicht neu, aber dennoch spielten Journalisten aus allen Medienbereichen als Interpreten des Wahlkampfs 2005 in Deutschland im Fernsehen eine zunehmend große Rolle. Diese zusätzliche Dimension des mediatisierten Wahlkampfs, die es in früheren Wahlkämpfen in dieser Intensität und Extensität nicht gab, "lässt sich als ein eigenständiges Element in der Gesamtdramaturgie der Wahlthematisierung betrachten"[11]. Über den gesamten Zeitraum vom 24. Mai (Ankündigung von Neuwahlen) bis zum Wahltag am 19. September 2005 betrachtet, traten in der Wahlkampfberichterstattung Journalisten 95-mal in Gastrollen als Experten auf. Sie waren in Wahlsendungen, insbesondere in politischen Talkshows, zwar als Experten eingeladen, aber viele nutzten diese Foren, um Politik zu machen und um dezidierte Wahlempfehlungen auszusprechen: Dieses Phänomen kulminierte stark in der Person von Hans-Ulrich Jörges ("Stern"), der sechs Auftritte in politischen Wahlsendungen hatte - drei davon unmittelbar vor der Wahl - und dabei vehement gegen Gerhard Schröder als Kanzler und Rotgrün als Regierung eintrat. Von einem "rasenden Überzeugungstäter"[12] war die Rede und davon, dass "so agierende Journalisten zu einflussreichen Meinungsträgern werden"[13]. Salopp formuliert: Die eigentlichen "Elefantenrunden" finden unterdessen in den politischen Talkshows statt - ihre Protagonisten sind oft schwergewichtige Publizisten. Unstrittig ist: Das regierungskritische Lager hatte in der journalistischen Wahlkampfbegleitung und -kommentierung ein deutliches Übergewicht.[14] Doch nicht allein die politischen Sondersendungen und Talkshows boten politisierenden Journalisten eine Plattform. Auch die Beiträge der Nachrichtensendungen und -magazine von ARD, ZDF, RTL und SAT.1 enthielten eine erstaunlich hohe Anzahl von Journalisten-Statements. Von den 1 008 O-Tönen in Fernsehbeiträgen innerhalb der letzten vier Wochen vor der Bundestagswahl 2005 stammten 60 von Journalisten. Es handelte sich dabei nicht um Korrespondenten und Autoren der Beiträge, die in Form eines Aufsagers im Bild waren, sondern um Journalisten, die sich in der Funktion politischer Experten äußerten. Neben überwiegend ambivalenten Bewertungen der politischen Lage wurde die Opposition insgesamt sechsmal positiv bewertet, die Regierungskoalition unter Gerhard Schröder dreimal. Fünf journalistische Statements waren regierungskritisch, kein einziges bewertete die Opposition negativ. Im Ergebnis zeigt sich eine Selbstreferentialität auch auf Akteursebene.

Der vermutlich einschlägigste Indikator für journalistische Selbstkonditionierung, durch die eine zweite, von der politischen Realität entkoppelte Wirklichkeit konstruiert wird, betrifft den Trend zum Wahlumfragejournalismus. Meinungsumfragen sind in den vergangenen Jahren durch ihre mediengerechte Aufbereitung zu einem zentralen Element der politischen Kommunikation geworden.[15] In dem Maße, wie von einer demoskopischen Demokratie bzw. "Demoskopiedemokratie" (Richard von Weizsäcker) gesprochen wird, existiert auch ein demoskopischer Journalismus.[16]

Wahlumfragen gelten als besonders berichterstattenswert - nicht nur, weil sie problemlos den medialen Aktualitätserfordernissen entsprechen, sondern weil sie darüber hinaus wesentliche Nachrichtenfaktoren auf sich vereinigen können.[17] Sie erfüllen das Kriterium der Bedeutsamkeit, lassen sich auf Personen mit hohem Status beziehen und bieten sogar Überraschungen: "Polls are newsworthy: they are topical, relate directly to issues in the news, are up-to-the-moment."[18] Das immer enger werdende Zusammenspiel von Medien und Wahlforschung führt dazu, dass die abgefragten Wahlabsichten zur eigentlichen Politik werden. Politische Berichterstattung verkürzt sich dabei selbst zu Wahlumfragenjournalismus. Deshalb sprechen Kritiker des demoskopischen Journalismus von einer horse-race-Berichterstattung;[19] Frank Brettschneider stellte fest, dass diese Umfragen in der Vergangenheit äußerst selten dazu genutzt wurden, Hintergrundberichte zum sich wandelnden Meinungsklima oder zu Motiven der Wähler zu zeigen. Für den Rezipienten ergab sich daher eher das Bild einer "Aufholjagd". Sachthemen wurden vernachlässigt und führten zu "Erstaunen über die Regierungspläne",[20] obwohl Journalisten die Wähler schon vor der Wahl über die Pläne hätten aufklären können.

Nicht nur ist Deutschland zu einer zahlengläubigen Republik geworden, auch das Fernsehen verlässt sich zunehmend auf die Prognosen der Wahlforscher; diagnostiziert wird eine "Umfragehörigkeit" der politischen Journalisten.[21] Die Folge: In der politischen Kommunikation entstehen zahleninduzierte Gespenster-Debatten und Scheindiskurse. Gerade im Fernsehen wird viel Sendezeit mit Ergebnissen von Meinungsumfragen statt mit politischen Diskursen und sachpolitischen Auseinandersetzungen gefüllt. Der exzessive Einsatz von Wahlumfragen lässt sich als Zyklus von poll based media und media based polls beschreiben, wobei von wechselseitigen Einflüssen und Verstärkerwirkungen auszugehen ist.

In 136 von 658 Beiträgen (21,3 Prozent) der analysierten Nachrichtenbeiträge zum Wahlkampf 2005 wurden derartige Ergebnisse von Wahlumfragen thematisiert (vgl. Abbildung2). Spitzenreiter der Thematisierung von Wahlumfragen nach Anzahl der absoluten Fälle ist RTL mit 48, gefolgt von SAT.1 (34), ARD (28) und ZDF (26). Da SAT.1 nur einen vergleichsweise geringen Anteil an der gesamten Wahlkampfberichterstattung hat (101 Beiträge = 15,3 Prozent), verbucht dieser Sender den höchsten relativen Wert an Wahlumfragen von 35,1 Prozent vor RTL (196 Wahlkampfbeiträge = 29,8 Prozent) mit 24,5 Prozent Umfragethematisierung. Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD (198 Wahlkampfbeiträge = 30,1 Prozent) und ZDF (163 Beiträge = 24,8 Prozent) verfügen mit 14,5 Prozent und bzw. 17,1 Prozent über den geringsten relativen Anteil an demoskopisch geprägter Berichterstattung. Betrachtet man die gesamte Wahlkampfberichterstattung im Monat vor der Wahl, so stieg der Anteil der umfragebasierten Berichterstattung zwischen der viertletzten Woche und der letzten Woche vor der Wahl von zunächst 11,9 Prozent kontinuierlich auf 32,1 Prozent an.

Was die Parteien- und Politikerpräsenz in der Wahlkampfberichterstattung betrifft, so gilt seit vielen Jahren die Faustregel, dass politische Akteure nach herrschendem Proporz befragt werden und entsprechend nach parlamentarischem Gewicht zu Wort kommen. Es wird eine formale Ausgewogenheit hergestellt, da in der Regel einer politischen Position der Regierungspartei automatisch die Gegenposition einer Oppositionspartei gegenübergestellt wird. Auf diese Weise kommt es in Konkurrenzdemokratien zu Neutralisierungseffekten, aber im Detail spiegelt sich der Vorsprung der Sitzverteilung im Parlament in der medialen Repräsentanz des politischen Fernsehjournalismus wider. Dies haben viele Studien unter dem Schlagwort "Kanzlerbonus" empirisch belegen können.[22]

Logisch zwingend ist, wenn Inhouse-polls von Fernsehsendern verstärkt in Auftrag gegeben und, je näher die Wahl rückt, in immer höherer Frequenz publiziert werden, dass sich der Journalismus verstärkt auf diese demoskopischen Artefakte verlässt. Die demoskopischen Befunde werden redaktionell internalisiert und geben hinsichtlich der Fernsehpräsenz der Parteien den groben Rahmen für die folgende Berichterstattung ab. Deshalb bietet es sich an, die Verteilung der Fernsehpräsenz der Parteien detaillierter zu beobachten: Es zeigt sich, dass die von den Fernsehsendern in Auftrag gegebenen Umfragen zu journalistischen Sensoren geworden sind, die die kurzfristige politische Stimmungslage in der Berichterstattung der Vorwahlzeit widerspiegeln.

Zieht man von den 1 008 O-Ton-Statements, die in den vier Wochen vor der Wahl 2005 publiziert wurden (vgl. Abbildung3), die Aussagen von Experten, Journalisten und Bürgern ab und konzentriert sich auf die verbleibenden 624 O-Töne der später im Bundestag vertretenen Parteienvertreter, dann deckt sich der Proporz der Statements der Parteien fast punktgenau mit den letzten öffentlich publizierten Wahlumfragen vor der Wahl: Rund acht Prozentpunkte Vorsprung für die CDU/CSU gegenüber der SPD, statt einer auf einen Kanzlerbonus hinweisenden Orientierung am parlamentarischen Proporz. Und, weitaus gravierender: Sowohl die später stark kritisierten Umfragewerte aller großen Institute als auch die Parteienpräsenz in der Wahlkampfberichterstattung des Fernsehens weichen signifikant vom überraschenden amtlichen Endergebnis 2005 ab, und zwar - bis auf die in der Berichterstattung stark unterrepräsentierte Linkspartei - in gleichem Maße.[23] Es lässt sich anhand der Daten nicht restlos ausschließen, dass es sich dabei um einen statistischen Zufall handelt; jedoch legen die Daten nahe, dass politische Redakteure die Fernsehbeiträge nach einer Rationalität arrangieren, die von aktuellen Meinungsumfragen stark beeinflusst ist. Da diese von den Sendern selbst in Auftrag gegeben werden, entsteht ein Kreislauf journalistischer Selbstkonditionierung.

In der Praxis der Wahlkampfberichterstattung existiert zunächst ein im Rahmen der Agenda-Setting- und Agenda-Buildingprozesse generiertes Thema. Unabhängig von der Frage, ob das Thema einschlägig für alle Parteien auf der Sachebene ist, werden gemäß der Ausgewogenheits- und Proporzlogik der Medien alle Parteienvertreter zu diesem einen Thema reihum befragt. Es entstehen schematisierte O-Ton-Ketten, die der politische Journalist Marcus Jauer anlässlich der Koalitionsfrage "Jamaika-Koalition" oder "Israel-Lösung" pointiert beschrieben hat: "Was sagen sie dazu? So geht das hin und her. Mit einer Frage kommt man locker durch den Tag. Jede Äußerung erzwingt eine weitere, immer gibt es ein Thema, immer ist jemand am Zug."[24] Das Ergebnis des zwanghaften Reihumbefragens sind ritualisierte und inhaltsfreie Sound-Bits von rund zehn Sekunden Länge, die gemäß der KISS-Logik (KEEP IT SHORT and SIMPLE) von Politikern abgesondert und in die Beiträge hineingeschnitten werden. Die daraus entstehenden O-Ton-Arrangements sind dann gemäß der jeweiligen "Line of the Day" konfektioniert. Der Kreis schließt sich dadurch wieder, dass in den Wahlkampfzentralen riskantere Vorschläge von unsicherer Popularität durch Politiker aus der zweiten Reihe probeweise mit Hilfe von Kurz-O-Tönen lanciert und durch das Abwarten auf Umfrageeffekte einer Art Marktforschung unterzogen werden. Kommen die Vorstöße bei den Wahlberechtigten an, zieht die politische Elite nach. In angelsächsischen Ländern wird diese Form des politischen Handelns als policy by polls bezeichnet.

Nachrichtensendungen des deutschen Fernsehens veröffentlichen aber nicht nur demoskopische Erhebungen, sondern beginnen mit diesem vergleichsweise stabilen redaktionellen Instrument selbst zu orakeln. Wahlumfragen werden nicht nur in festen Sendungsbestandteilen wie dem "ZDF-Politbarometer", dem "ARD-deutschlandtrend" oder "RTL-Wahltrend" publiziert, es wird auch in Moderationen und Beiträgen frei über den Einfluss von Prognosen spekuliert. Im Zuge der Veröffentlichung von Umfragedaten kommt es zu einer spezifischen Form von Wahlprognosen. In 106 Wahlkampfbeiträgenund Moderationen (16,2 Prozent dergesamten Wahlkampfberichterstattung) haben Journalisten eine solch autonome Wahlprognose formuliert und dabei über sinkende und steigende Chancen für Regierungskoalition und Opposition spekuliert (vgl. Abbildung4). Bei RTL lag der Anteil mit 27 Prozent am höchsten, beim ZDF mit 8,7 Prozent am niedrigsten. Von der beispiellosen Intensivierung demoskopischer Berichterstattung in den beiden letzten Wochen vor der Wahl, als sich der große Vorsprung der Opposition gegenüber der rot-grünen Regierung in den Umfragen allmählich verringerte, sind auch die journalistischen Prognosen betroffen. So gab es insgesamt mehr Thematisierungen steigender Chancen der Regierungskoalition als günstigerer Aussichten der Opposition. Umgekehrt überwiegen die negativen Einschätzungen der Chancen der Opposition diejenigen der Regierung Schröder - allerdings nicht in einem Umfang, der das überraschende Wahlergebnis auch nur annähernd erklären könnte.

Blickt man allerdings auf die einzelnen Sender, offenbart sich ein sehr uneinheitliches Bild der Spekulationen und Prognosen. Die ARD hat fast in jedem zweiten einschlägigen Beitrag steigende Chancen der Opposition verkündet, während RTL in jedem dritten prognostischen Beitrag sinkende Chancen der Opposition thematisierte. Am erstaunlichsten verhalten sich die journalistischen Prognosen zum Wahlausgang bei SAT.1: Der nicht gerade als SPD-nah geltende Sender verwies in 45 Prozent der prognosegeprägten Beiträge auf bessere Aussichten für die rot-grüne Regierung.

Insgesamt handelt es sich bei den in Berichten und Moderationen en passent vermittelten Prognosen um journalistisch geformte Interpretationen statistischer Erhebungen, durch die zusätzliche mediale Einflüsse in die Berichterstattung gemengt werden. Das bindet "polls" und "media" noch stärker zusammen und beeinflusst den politischen Journalismus in einer Weise, die normativ-demokratietheoretisch bedenklich ist. Kurzum: Primat und Logik der Daten werden vom nachrichtenjournalistischen Personal nachhaltig verinnerlicht. Die Folge: Es wird in einer Logik publiziert bzw. thematisiert, die sich am Ergebnis und der zu unterstellenden Wirkung der Veröffentlichung - nämlich den Umfrageergebnissen - orientiert. Damit kommt es zur Schließung des selbstreferentiellen Zirkels.

Zusammenfassend konnten anhand der Analyse der Nachrichtensendungen zum Bundestagswahlkampf einige wichtige Hinweise auf eine selbstbezügliche Funktionsweise der Meta-Kommunikation im politischen Fernsehjournalismus gegeben werden. Medien beobachten, wie sich unter ihrem Einfluss, nämlich der mediatisierten Berichterstattung, die Akzeptanz und Wahlabsichten verändern, und sie kontinuieren ihre Beobachtungen damit. Die Folge ist zum einen eine simplifizierende Horse-Race-Berichterstattung, zum anderen eine bemerkenswerte Kongruenz zwischen den durch inhouse-Demoskopie ermittelten Wahlpräferenzen und der medialen Auswahl der für die Berichterstattung einschlägigen Aussagensubjekte. Die Konzentration auf die notorische Sonntagsfrage lähmt aber die Urteilskraft politischer Journalisten. Es ist zweifelsfrei einfacher, mit Zahlen zu hantieren, als die konkurrierenden Modelle der Sozialversicherungssysteme zu diskutieren. Die Sach- und Ressortpolitik ist zu kompliziert geworden. Wie lassen sich die konkurrierenden Modelle der Steuerreform und der Gesundheitsreform vermitteln - wenn man sie selbst kaum versteht und auch nicht die Zeit hat, sich auf eine Weise einzuarbeiten, dass man diese Sachthemen den Bürgern und Wählern in einem Fernsehbeitrag so vermitteln kann, dass Wissen "Ah" macht.

Insofern sind "Bet & win"-Berichterstattung und Horse-Race-Journalismus als zeitgemäße Strategie wider die Tyrannei der komplizierten Entscheidungszwänge zu verstehen. Ganz nüchtern betrachtet lässt sich darin ein schlichtes evolutionäres Moment erkennen. Ein Primat aufmerksamkeitsökonomischer Logik: Medien sind gezwungen, die unfassbare Komplexität gesellschaftlicher Regulierungsprozesse in ein attraktives Format umzurechnen, das die Illusion aufrecht erhält, jeder könne alles verstehen. Das läuft zum einen über die Sichtbarkeit von Personen, zum anderen über nackte Zahlen. Und wenn schon Wirtschaftsprognosen und Geschäftsklimaindizes, Steuerschätzungsprognosen und Arbeitsmarktzahlen nicht immer eindeutig sind und von interessierter Seite oftmals angezweifelt werden: Wahlumfragen lassen keinen Zweifel aufkommen - oder besser: Massenmedien lassen keinen Zweifel daran zu, diese Zahlen könnten manipuliert, falsch oder schlicht bedeutungslos sein.

Fußnoten

1.
Marcus Jauer, Deutschland im Existenzialismus. Falls Sie von Politik und Palaver genug haben, müssen sie schon selber abschalten. Von den Medien können sie das nicht erwarten. Ein Frontbericht, in: Süddeutsche Zeitung vom 1. 10. 2005, S. I.
2.
ebd.
3.
Hannah Pilarczyk, Das Mediendebakel. Kein Gemeinmachen mit niemandem: Nach diesen Wahlen braucht es eine neue Äquidistanz der Medien zur Politik und Bevölkerung, in: Die Tageszeitung vom 20. 9. 2005, S. 26.
4.
Vgl. Hans Mathias Kepplinger, Theorien der Nachrichtenauswahl als Theorien der Realität, in: Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ), (1989) 15, S. 1-16; Frank Brettschneider, Bundestagswahlkampf und Medienberichterstattung, in: APuZ, (2005) 51 - 52, S. 19 - 26.
5.
Claus Leggewie, Das Duell vor dem Duell. Zur Wechselwirkung zwischen Fernsehen und Parteien, in: Frankfurter Rundschau vom 5. 8. 2005, S. 17.
6.
Analyse der Bundestagswahlkampfberichterstattung der Hauptnachrichtensendungen und Nachrichtenmagazine von ARD ("Tagesschau", "Tagesthemen"), ZDF ("heute", "heute journal"), RTL ("RTL aktuell", "RTL Nachtjournal") und SAT.1 ("SAT.1 News", "SAT.1 Die Nacht") vom 22. 8.-17. 9. 2005 an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, n = 658 bundestagswahlkampfrelevante Beiträge. Der Anteil der Wahlkampfberichte an allen Nachrichtenbeiträgen beläuft sich auf 18,8 Prozent. Zusätzlich zu den Wahlkampfberichten wurden alle 1 008 O-Töne, die Bestandteil der Berichte waren, analysiert.
7.
Vgl. Udo Michael Krüger/Thomas Zapf-Schramm, Wahlberichterstattung im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen. Ergebnisse des ARD/ZDF-Wahlmonitors 2002, in: Media Perspektiven, (2002) 12, S. 610 - 622; dies., Thematisierung der Bundestagswahl 2005 im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen. Ergebnisse des ARD/ZDF-Wahlmonitors 2005, in: Media Perspektiven, (2005) 12, S. 598 - 612.
8.
Vgl. Frank Esser/Carsten Reinemann/David Fan, Spin Doctors in the United States, Great Britain, and Germany. Metacommunication about Metamanipulation, in: Press/Politics, 6 (2001) 1, S. 16.
9.
Matthew Robert Kerbel, Edited for Television. CNN, ABC and American Presidential Elections, Boulder 1998, S. 46.
10.
Vgl. F. Esser/C. Reinemann/D. Fan (Anm. 8), S. 39.
11.
U. M. Krüger/T. Zapf-Schramm 2005 (Anm. 7), S. 610.
12.
Maja Zehrt, Journalisten im Nahkampf, in: Leipziger Volkszeitung vom 5. 10. 2005, S. 8.
13.
Michael Konken, Medienmacht und Medienmissbrauch, in: APuZ, (2005) 51 - 52, S. 29.
14.
Vgl. U. M. Krüger/T. Zapf-Schramm 2005 (Anm. 7), S. 611.
15.
Vgl. Winand Gellner, Demoskopie, Politik, Medien. Anmerkungen zu einem problematischen Verhältnis, in: Otfried Jarren,/Heribert Schatz/Hartmut Weßler (Hrsg.), Medien und politischer Prozess. Politische Öffentlichkeit und massenmediale Politikvermittlung im Wandel, Opladen 1998, S. 169 - 184.
16.
Vgl. Frank Donovitz, Journalismus und Demoskopie. Wahlumfragen in den Medien, Berlin 1998.
17.
Vgl. Frank Brettschneider, Wahlumfragen und Massenmedien, in: Politische Vierteljahresschrift, 37 (1996) 3, S. 475.
18.
David L. Paletz./Jonathon Y. Short/Helen Baker/Barbara Cookman Campbell/Richard J. Cooper/Rochelle M. Oeslander, Polls in the Media: Content, Credibility, and Consequences, in: Public Opinion Quaterly, (44) 1980, S. 496.
19.
Vgl. Max Kaase, Wahlforschung und Demokratie. Eine Bilanz am Ende des Jahrhunderts, in: ZUMA-Nachrichten vom 23. 5. 1999, S. 65.
20.
Frank Brettschneider, Die Medienwahl 2002: Themenmanagement und Berichterstattung, in: APuZ, (2002) 49 - 50, S. 42.
21.
Rainer Braun, Die zahlengläubige Republik. Das Fernsehen verlässt sich zunehmend auf Prognosen der Wahlforscher - allen Fehleinschätzungen zum Trotz, in: Frankfurter Rundschau vom 24. 3. 2006, S. 17.
22.
Vgl. Jürgen Wilke/Carsten Reinemann, Kanzlerkandidaten in der Wahlkampfberichterstattung 1949 - 1998, Köln-Wien-Weimar 2003.
23.
Am stärksten für diese Abweichung zugunsten der Unionsparteien waren ARD (Differenz = + 10,9 Prozentpunkte für CDU/CSU) und RTL (Differenz = 6,7 Prozentpunkte für CDU/CSU) verantwortlich. Einen solchen Überhang zugunsten der Union gab es indes nicht nur bei den Aussagesubjekten der O-Töne, sondern auch bei den Objekten der Statements. Die Opposition von CDU/CSU und FDP war in 30,5 Prozent aller Fälle Bezugspunkt der Äußerungen, die rot-grüne Regierung nur in 27,1 Prozent. Allerdings galten 12,4 Prozent der wertenden Aussagen dem damaligen Kanzler Schröder, während die Oppositionsführerin Merkel nur in 9,8 Prozent der O-Töne Bezugspunkt war.
24.
M. Jauer (Anm. 1).