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6.9.2006 | Von:
Karl-Dieter Keim

Peripherisierung ländlicher Räume - Essay

Es wird ein prozessualer Begriff von "Peripherisierung" entfaltet und auf Situationen ländlicher Räume angewandt. Auch wenn die Folgen der Schrumpfung und Entleerung gravierend sind, werden doch auf der regionalen Ebene Chancen für kompensierendes bzw. problemlösendes Handeln gesehen.

Einleitung

Wer die jüngste Veröffentlichung von Günter de Bruyn mit dem Titel "Abseits. Liebeserklärung an eine Landschaft" (2005) zur Hand nimmt, gewinnt einen schönen Einstieg in unser Thema. Der Schriftsteller schildert darin die oft unscheinbaren, bei genauem Blick jedoch vielfältigen Charakteristika einer Gegend im Südosten Brandenburgs, einer Landschaft der Armut, der besonderen ostelbischen ländlichen Kultur, voller liebenswerter Entdeckungen. Zwischen den Zeilen ist zu lesen, dass besiedelte Landschaften, die ins Abseits geraten, einem Prozess der Peripherisierung unterliegen. Da dieser Begriff allerdingswenig verbreitet ist - ein Schriftsteller wird ihn ohnedies vermeiden -, soll er hier genauer entfaltet werden.




Zum Begriff "Peripherisierung"

Zunächst ruft die Bezeichnung "Peripherisierung" nach einem Kontrastbegriff. So wie üblicherweise von einer Dualität "Zentrum - Peripherie" gesprochen wird, verwende ich im Folgenden den Begriff "Peripherisierung" komplementär zu einem Begriff von "Zentralisierung". Der Prozess einer Peripherisierung lässt sich nur in Abhängigkeit von zentripetalen Vorgängen, das heißt, als eine Funktion von Zentralisierungen sinnvoll beschreiben. Es sind die Logik und die Dynamik der räumlichen Zentralisierungen, also etwa in den größeren Stadtregionen, die in erheblichem Maße die Peripherisierungen der übrigen Räume bestimmen, und zwar dadurch, dass sie Menschen, wirtschaftliche Produktivität und Infrastrukturfunktionen bündeln und so den übrigen Regionen entziehen. So betrachtet, gilt die Zentralisierungsdynamik mit ihren Regelsystemen als Subjekt der sozial-räumlichen Entwicklung insgesamt.

"Peripherisierung" wird hier gegenüber dem Begriff der "Marginalisierung" bevorzugt, da dieser in den Sozialwissenschaften auf eine besondere Dynamik der Sozialstruktur angewandt wird, nämlich darauf, dass bestimmte "Kategorien" von Menschen gesellschaftlich an den Rand gedrängt werden. Dieser Sachverhalt kann eine Dimension von Peripherisierungen ausdrücken, doch ist dies keinesfalls zwingend. Vor allem jedoch enthält der Begriff "Peripherisierung" noch weitere Dimensionen, die nicht sozialstruktureller Natur sind, zum Beispiel funktionale, ökonomische und kulturelle Dimensionen.

Eine Abgrenzung möchte ich auch gegenüber den Begriffen "Randständigkeit" und "strukturschwache Räume" geltend machen, weil mit ihnen eine Art von Zustand, von persistenter Gegebenheit suggeriert wird. Es geht bei solchen Bezeichnungen um Hinweise auf Strukturbildungen, die offenbar eine bestimmte notwendige oder erwünschte Leistungsfähigkeit dauerhaft nicht ermöglichen. In Zeiten tiefgreifender Umbrüche und Restrukturierungen sollte jedoch auf den Gebrauch statischer Begriffe weitgehend verzichtet werden. Mit "Peripherisierung" verwenden wir stattdessen einen sozial-räumlichen Prozessbegriff.[1] Er verleiht auch dem Gebrauch der in der Raumplanung und Agrarforschung üblichen Bezeichnung "ländliche Räume" (mit diversifizierten Nutzungen) eine ungewohnte, aber fruchtbare Dynamik, auch wenn diese einem langsameren Zeitmaß folgen mag.

"Peripherisierung" wird hier zusammengefasst als graduelle Schwächung und/oder Abkopplung sozial-räumlicher Entwicklungen gegenüber den dominanten Zentralisierungsvorgängen bezeichnet. Diese Definition schließt ein, dass es auch in dünn besiedelten Regionen zentripetal wirksame Stärken der Entwicklung geben kann; wie auch umgekehrt in Agglomerationsräumen peripherisierte Verhältnisse entstehen können (dieser Aspekt wird hier nicht weiter verfolgt). Die vorgeschlagene Definition bedeutet, dass prinzipiell eine kartografische Darstellung bzw. Abgrenzung "peripherer Räume" (im territorialen Sinne) wenig hilfreich erscheint. Wenn mit solchen Methoden gearbeitet wird, müssten sie zumindest zu Darstellungen im Zeitvergleich führen, um die Vorstellung, es handle sich um fixierte Gebiete, zu vermeiden.

Peripherisierung und funktionale Verflechtungen

Die relevanten Dimensionen von Peripherisierung sind der hier gewählten Definition zufolge hinsichtlich verschiedener funktionaler Verflechtungen zwischen räumlichen Zentralisierungen und den davon weitgehend abgekoppelten Sekundärentwicklungen darzustellen.[2]

An erster Stelle bezeichnet "Peripherisierung" den Prozess einer Schwächung der ökonomischen Leistungsfähigkeit. Diese wird vor allem durch die zentripetale Bündelung wirtschaftlicher Funktionen, zum Beispiel ausgelöst durch steigende Skalenerträge, in den Agglomerationsräumen herbeigeführt.[3] Vereinfacht könnte man sagen: Je erfolgreicher sich die zentripetalen Bündelungen in den Stadtregionen organisieren lassen und je weniger diese auf eigenständige Produktionen der ländlichen Regionen angewiesen sind, desto gravierender fallen die ökonomischen Peripherisierungen aus. Eine gleich bleibende oder gar leicht sinkende Menge an wirtschaftlichen Investitionen, an Produktivität und an Beschäftigung verteilt sich entsprechend den marktwirtschaftlich begründeten Regelsystemen ungleichmäßig auf die verschiedenen Teilräume eines Landes - es entsteht die Dynamik von "Gewinner-" und "Verliererregionen". Dies geschieht nach der hier verwendeten Logik nicht ein für alle Mal, sondern mit der Chance der Korrigierbarkeit.

In Deutschland sind derzeit schwache funktionale Verflechtungen zu registrieren: Verflechtungen mit einem hohen Grad an Abkopplung, vor allem bei der Beschäftigung, aber auch den Produktionen der Agrarwirtschaft - zumal dann, wenn die Nahrungsmittelversorgung mehr und mehr unabhängig von den herkömmlichen regionalen Produkten organisiert wird. Weitgehend abgekoppelt verlaufen auch die Beschäftigungen und Produktionen in den Textil-, Holz- und Lederverarbeitungsbranchen sowie in zahlreichen Handwerkszweigen; sie waren jeweils traditionell in ländlichen Regionen verbreitet, ihre Produkte werden jedoch seit längerem von Anbietern in den Ballungsräumen durch ausländische Billigimporte ersetzt.

Die Bereitstellung von Wasser unterliegt dann der Peripherisierung, wenn sie in der öffentlichen Wahrnehmung als bloßes nicht-bewertetes (Kollektiv-)Nebenprodukt der Landschaft und der Bodennutzung (non-commodity output) eingestuft wird. Eigentümer und Gemeinden erhalten oft für ihren Beitrag zur Sicherung der regionalen Wasserressourcen keinen angemessenen finanziellen Ausgleich. Dem entspricht, dass dieses wesentliche Lebensmittel in Agglomerationsräumen bereits als marktfähiges Produkt, partiell unabhängig von den regionalen Ressourcen, angeboten wird. Auf diese Weise wird der periphere Charakter des Kollektivguts Wasser verfestigt.

Die regionalen Siedlungsstrukturen geraten derzeit ebenfalls in zum Teil gravierende Peripherisierungen. Dies liegt einerseits an den grundlegenden demografischen Veränderungen (Einwohnerverluste, Geburtenrückgang, Überalterung), andererseits an der entsprechend dysfunktionalen technischen und sozialen Infrastruktur. Trotz einer über Jahrzehnte stattgefundenen Urbanisierung der dörflichen und kleinstädtischen Strukturen (ein Vorgang, der die funktionale Verflechtung mit den Zentren erhöht hatte) treten inzwischen in jenen Regionen, die von Schrumpfungsprozessen besonders betroffen sind, die Schwächen offen zu Tage: leerstehende Wohngebäude, schlechte Verkehrsanbindungen, Zusammenlegung von Bildungseinrichtungen einerseits und Ämtern andererseits (weitere Wege), tendenzieller Wegfall steuerlicher Vorteile, Qualitätseinbußen bei den Dienstleistungen (Gesundheitswesen, Post, Einzelhandel etc.), fehlende kritische Masse für die kommunale Selbstverwaltung.

Funktionale Verflechtungen mit der Chance zum Peripherisierungsabbau sind hingegen durch die Ausgleichs- und die Schutzfunktion ländlicher Räume zu erwarten. Erholungs- und Freizeitfunktionen, oft in Verbindung mit Tourismusentwicklung, Wellness- und Weiterbildungsangeboten, vermögen in manchen geeigneten Regionen ein eigenes Profil herbeizuführen - allerdings nur unter gewissen Bedingungen: einer funktionierenden Dienstleistungswirtschaft (Gastronomie, Hotelgewerbe, Freizeiteinrichtungen), einer dazu passenden Infrastruktur einschließlich guter Erreichbarkeit sowie einer attraktiven naturräumlichen Ausstattung. Peripherisierungen setzen jedoch dann ein, wenn die Marktmechanismen zur Reduzierung wichtiger Erholungs- und Freizeiteinrichtungen, mit dem Risiko weiterer regionaler Abwärtsbewegungen, führen. Ein untrüglicher Indikator dafür besteht darin, dass sich Menschen aus den Stadtregionen ersatzweise andere Ausgleichsräume für ihren Bedarf suchen.

Folgen der Peripherisierung

Peripherisierungen können sich in unterschiedlichen Funktionsbereichen und mit variierender Intensität sozial-räumlich auswirken. Häufig kommt es zu Kontraktionen (Schrumpfungen) in Verbindung mit der Konzentration auf wenige Nutzungen bzw. Aktivitäten. Die Folge ist die Reduzierung eines zuvor vielfältigeren Profils in funktionaler, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht. Peripherisierungen münden in Entdifferenzierung und Fragmentierung. Was wird dann aus einer Kulturlandschaft? Unter günstigen Umständen lassen sich einige Nutzungen bzw. Aktivitäten endogen, das heißt, aus dem eigenen regionalen Potenzial, auf niedrigem Niveau entwickeln und stabilisieren. Manchmal ist es zudem möglich, durch externe Betriebe oder öffentliche Träger einige neue Nutzungsmöglichkeiten in den peripherisierten Räumen zu erschließen. Tendenziell gilt: Das "Abgehängtsein" von zentralen Entwicklungen schafft die Bedingungen für einen schmalen, provinziellen, stagnierenden Regionalismus (im Sinne eines anderen, räumlich begrenzten Regelsystems). Dieser ist zwiespältig: Auf der einen Seite kaschiert er den Mangel an eigener ökonomischer Tragfähigkeit und fördert einen Anti-Affekt (gegen Dynamik und Modernisierung), auf der anderen Seite bietet er Chancen für (sozial-)experimentelle Nutzungen und Lebensformen ohne den Druck der hegemonialen Zentralentwicklungen.

Gravierender wirkt sich die Entleerung ganzer Landstriche über einen längeren Zeitraum aus, so dass Brachflächen und "Wüstungen" (aufgegebene Siedlungsräume) entstehen können. Die Chancen für neue, im "Schatten" der Entwicklung stattfindende Nutzungen gehen gegen Null. Hier ist die lose Kopplung zu den prosperierenden Entwicklungen gerissen. Ein solcher Rückzug hat vielerlei Gesichter: Die Palette reicht von abgeschnittenen Gemeinden und Anwesen über versteppte Erholungszonen bis zu "posthumen" Landschaften. Bisherige Besiedlungen oder naturräumliche Schutz- und Pflegezonen werden nach und nach preisgegeben. Die Disparitäten gegenüber den Stadtregionen nehmen deutlich zu. Was in ohnedies dünn besiedelten Ländern wie in Skandinavien oder Kanada zur anerkannten Wirtschafts- und Sozialgeschichte gehört, nämlich dass weite Teile des Landes nahezu ohne Besiedlung und Nutzung verbleiben, gerät in Gesellschaften wie Deutschland zu einer Provokation: volkswirtschaftlich skandalös, als Siedlungsraum verloren. Ist das hinnehmbar? Die Frage wird daher immer wieder aufkommen, unter welchen Umständen derartige "Wüstungen" vermieden werden bzw. doch Wiederbelebungen erfolgen können. Vielleicht schlummert unter der Öde eine allmählich erwachsende Chance für eine andere Zukunft, und der Puls beginnt wieder zu schlagen (so geschehen im Apennin und im Zentralmassiv, wo neue Siedler in verlassene Dörfer eingesickert sind).

Stets ist zu sehen, dass es bei den sozial-räumlichen Folgen von Peripherisierungen auch zu einem strukturell interessanten Nebeneinander von zentralisierten Aktivitäten in ländlichen Regionen kommen kann (Kulturveranstaltungen, Tourismus etc.).

Die genannten Wirkungen zeigen auch eine subjektive Seite. Wie und von wem werden Peripherisierungsvorgänge kognitiv aufgenommen und bewertet? Wie werden sie symbolisch repräsentiert, wie wird darüber gesprochen? Darüber wissen wir empirisch wenig. Eine vorläufige These lautet: Je mehr die verbleibenden Menschen in dünn besiedelten Regionen Merkmale des stagnierenden Regionalismus aufweisen, desto häufiger führen Abkopplungen bei ihnen zu Vorstellungsbildern von Nischen oder von relativer Deprivation (Schlechterstellung bei Vergleichen); beides befördert abgeschirmte Milieus und lähmt Innovationen.[4] Das Fremdimage kann sich davon durchaus unterscheiden; von außen werden zum Beispiel positive Erwartungen nach Freizeit und Erholung auf ländliche Räume projiziert. Die Akteure der Zentralisierungsprozesse pflegen jedoch häufig die Situationen mit Peripherisierungsfolgen kognitiv zu ignorieren, da sie an der Einbeziehung dieser Folgen in ihr Handeln wenig interessiert sind.

Handlungsstrategien

Die sinnvolle Lenkung von Aktivitäten, durch welche auf Probleme, die aus Peripherisierungen erwachsen, geantwortet werden soll, muss auf den ersten Blick von einer Handlungsebene aus organisiert werden, die sowohl Einfluss auf Zentralisierungen als auch auf Peripherisierungen nehmen kann. Auf der Makroebene entsteht jedoch ein unlösbares Dilemma: Eine solche zentrale Steuerungsebene gibt es nicht. Und es sind ja gerade die Zentralisierungsprozesse selbst, die zu peripherisierten Räumen geführt haben und weiter führen. Sie für Problemlösungen zu aktivieren, also Makro-Gegenstrategien zu erwarten, wirkt eher hilflos als problemlösend.[5]

Die ökonomischen Akteure konzentrieren sich auf die Effizienzsteigerung ihrer Aktivitäten (meist in den Zentren). Vor allem die Metropolregionen orientieren sich am (Konkurrenz-)Vergleich mit anderen europäischen Agglomerationen. Die staatlichen und semi-staatlichen Akteure betreiben je eigene Fachpolitiken, mit denen sie oft im "Schatten" der zentralen Entwicklung mangels "Masse" keinen Peripherisierungsabbau erzielen können. Mit raumpolitischen Instrumenten lassen sich zwar verbindliche Vorgaben für öffentliche Investitionen machen, doch im Wesentlichen vollziehen sie damit eine Strukturanpassung an die ökonomisch-technologische Transformation.

Es erscheint erfolgversprechender, zur Lösung von Peripherisierungsproblemen auf einer Mesoebene, das heißt, auf der Ebene der regionalen Politik, Konzepte zu entwickeln. Es muss nach regionalen Ansatzpunkten für Gegentrends bzw. Selbstbehauptungen gesucht werden. Aus dieser Sicht lassen sich die europäischen und nationalen Strategien danach beurteilen, inwieweit sie diversifizierte dezentrale Problemlösungen anstoßen bzw. unterstützen und so zur Re-Integration beitragen.

Doch auch regional können Wunsch und Realität auseinander klaffen. Insbesondere ergibt sich aus ökonomischer Sicht für eine peripherieabbauende Regionalpolitik, die der gesamtwirtschaftlichen Effizienzsteigerung dienen soll, keine hinreichende Begründung - es sei denn, durch sie ließen sich bedeutsame Innovationen "implantieren", die nach den marktwirtschaftlichen Regelsystemen so nicht zustande kämen. Eher plausibel wäre eine distributiv orientierte Regionalpolitik, und zwar dann, wenn bereits ein hohes Gefälle zwischen Zentren und Peripherien besteht.[6] Eine solche denkbare Intervention setzt jedoch die Klärung voraus, was mit den peripherisierten Teilräumen geschehen soll und in welchem Maße hierfür eine bestimmte Kompetenz von verbleibenden bzw. anzusiedelnden Menschen erforderlich wäre.

Wir wissen aus der Gerechtigkeitsforschung, dass viele Menschen bei ihrem Streben nach ein bisschen Glück auf Sicherheit und Selbstachtung, keineswegs nur auf materielle Vorteile, besonderen Wert legen. Die Diskussion über geplante Strukturveränderungen in einer Region bedarf daher einer Verständigung darüber, wie solche Bedürfnisse ernst genommen werden können, ohne deswegen auf Innovationen zu verzichten.

Wenn sich regionale Akteure zusammenfinden, sollten sie ihr Vorgehen an den je besonderen sozial-räumlichen Verhältnissen samt den sozialen und institutionellen Fähigkeiten (capacities) ausrichten. Dabei können sie sich am besten an Kriterien der Kulturlandschaft und an Kernfunktionen der Infrastruktur orientieren. Es bedarf dazu eines alternativen Akteurskonzepts (Netzwerkbildungen), die Akteure könnten mit unterschiedlich definierten Handlungsräumen operieren, und die räumliche Planung (Querschnittsaufgabe) kann mit Hilfe spezifischer Entwicklungskonzepte hinzu treten. Kreative Handlungsimpulse gewinnen an Profil, wenn aus ihnen prozedural ein hohes Maß an Selbststeuerungskapazität erwächst und sie nach strategischen Anleitungen (strategic guidance) nachhaltig betrieben werden.[7]

Halten wir bei alldem fest: Die überregionalen Trends und Top-down-Strategien befördern vor allem eine Stärkung jener Regionen, die in Zukunft eine robuste Wettbewerbsfähigkeit erwarten lassen. Da die Vorzüge gebündelter Ökonomien vorherrschen und bei sinkender Bevölkerungszahl auch weiter mit räumlich selektiven Abwanderungen zu rechnen ist, wird es auch bei entsprechenden Korrekturen immer Peripherisierungen geben, wenn auch vielleicht andernorts. Es ist daher wichtig, mit relativ geringen Mitteln auf der Meso-Ebene Lösungen zu erproben und geeignete Kompensationen zu bieten, im Übrigen jedoch zu lernen, mit Peripherisierungsverlusten zu leben.
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Fußnoten

1.
Die Grundposition, für soziologisch relevante Sachverhalte Prozess-Begriffe einzuführen und diese Begriffe als Bezugsrahmen für die Erforschung gesellschaftlicher Zustände zu benutzen, fußt auf der Soziologie von Norbert Elias, der sich stets für diese Dynamisierung eingesetzt hatte; vgl. Norbert Elias, Was ist Soziologie?, München 1970, Kapitel 4.
2.
Zur funktionalen Betrachtung im Kontext der Politikberatung siehe insbesondere Rat von Sachverständigen für Umweltfragen, Konzepte einer dauerhaft-umweltgerechten Nutzung ländlicher Räume (Sondergutachten), Stuttgart 1996; Deutscher Rat für Landespflege (DRL), Leitbilder für Landschaften in peripheren Räumen, Heft 67 der Schriftenreihe des DRL, Meckenheim 1997; Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Handwörterbuch der Raumordnung, Hannover 2005.
3.
Zur Neuen Ökonomischen Geographie, die räumliche Wirtschaftsstrukturen erklären möchte, vgl. grundlegend Paul Krugman, Geography and Trade, Cambridge/Mass. 1991; ders., Increasing Returns and Economic Geography, in: Journal of Political Economy, 99 (1991), S. 483 - 499; Masahisa Fujita/Paul Krugman/Anthony J. Venables, The Spatial Economy. Cities, Regions, and International Trade, Cambridge/Mass.-London 1999.
4.
Zur Problematik kognitiver Fixierungen und kreativer Handlungschancen vgl. M. Rainer Lepsius, Immobilismus: Das System der sozialen Stagnation in Süditalien, in: Jahrbücher für Nationalökonomie undStatistik, Bd. 177 (1965), S. 304 - 342; Karl-Dieter Keim, Ein kreativer Blick auf schrumpfende Städte, in: Walter Siebel (Hrsg.), Die europäische Stadt, Frankfurt/M. 2004, S. 208 - 218.
5.
Die neueren Beschlüsse zur bundesdeutschen Raumordnungspolitik sehen zum Beispiel vor, "Verantwortungsgemeinschaften zwischen Zentren, Umland und Peripherie" zu bilden und durch intensive Kooperationen den Abbau von Peripherisierungsfolgen anzustreben; vgl. Weiterentwicklung raumordnungspolitischer Leitbilder und Handlungsstrategien, Beschluss der 32. Ministerkonferenz für Raumordnung, 28.4. 2005 Berlin, www.bmvbs.de/Raumentwicklung, mit weiteren Arbeitspapieren. Das wird so nicht funktionieren. Als nicht einlösbar schätze ich auch das im EU-Verfassungsentwurf formulierte Ziel ein, den wirtschaftlichen, sozialen und territorialen Zusammenhalt der Union zu stärken. Dies könnte als Strategie zum Abbau von Peripherisierungsfolgen verstanden werden. Die EU selbst wird mit ihrer Binnenmarkt- und Wettbewerbspolitik andere Realentwicklungen fördern.
6.
Relevant sind in dieser Hinsicht niedrige Transportkosten und eine hinreichend hohe Mobilität der Arbeitskräfte; für immobile Arbeitskräfte und Landwirte resultieren hieraus wirtschaftliche Nachteile, die durch regionalpolitische Maßnahmen auszugleichen wären. Vgl. hierzu Christiane Krieger-Boden, Neue Argumente für Regionalpolitik? Zur Fundierung der Regionalpolitik in älteren und neueren regionalökonomischen Theorien, in: Die Weltwirtschaft, (1995) 2, S. 193 - 215; Konrad Lammers, Wirtschaftliche Konvergenz in der wirtschaftspolitischen Diskussion, in: Bernhard Fischer/Thomas Straubhaar (Hrsg.), Ökonomische Konvergenz in Theorie und Praxis, Baden-Baden 1998, S. 195 - 206.
7.
Vgl. hierzu Ash Amin/Jerzy Hausner (Hrsg.), Beyond Market and Hierarchy: Inter-active Governance and Social Complexity, Cheltenham 1996; Karl-Dieter Keim, Das Fenster zum Raum. Traktat über die Erforschung sozialräumlicher Transformation, Opladen 2003, Kapitel 7.