Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Ilko-Sascha Kowalczuk

Das Ende der DDR 1989/90. Von der Revolution über den Mauerfall zur Einheit

Die Mauer fiel nicht einfach 1989. Die kommunistische Diktatur war an ihr Ende gekommen. Angefangen hatte es mit der mächtigen freien Gewerkschaftsbewegung Solidarność in Polen am Anfang des Jahrzehnts. Die Welt schaute dann im Herbst 1989 atemlos nach Ostdeutschland, nach Ost-Berlin. "Wahnsinn" war der meist gebrauchte Ausruf. Es begann eine Zeit, als die Realität fast täglich die Fantasie überholte. Bis dahin war kaum einem Zeitzeugen bewusst geworden, dass er sich inmitten eines rasanten historischen Prozesses befand.[1] Noch eben gerade, so schien es vielen, auf der Standspur verharrend, befanden sich auf einmal gleich mehrere Gesellschaften im Ostblock auf der Überholspur, und das mit überhöhtem Tempo.

Von der Krise zum Aufbruch

Die Inthronisierung Michail Gorbatschows im März 1985 zum Führer des Weltkommunismus war der Versuch, das Projekt des Kommunismus zu retten. Gorbatschow war nicht Reformator wider Willen, aber er wurde wider Willen zum Sargnagel des kommunistischen Systems. Das bislang geschlossene System hatte seine Logik. Der verschweißte Deckel hatte die Explosion verhindert. Die leichte Öffnung des Deckels durch Gorbatschow aber ließ den Dampf in alle Richtungen heraus, unkontrolliert, unbeabsichtigt und nicht mehr steuer- und kontrollierbar. Deshalb war die Abwehrhaltung gegenüber Glasnost und Perestroika von SED-Chef Erich Honecker nicht widersinnig, sondern systemlogisch. Offenbar war ihm die Kesseltheorie eingeschrieben, nämlich dass eine leichte Öffnung unweigerlich zur Explosion führe.

Gorbatschows Reformpolitik entfachte Hoffnungen in der DDR-Gesellschaft. Wenn in Moskau Reformen möglich waren, so die Meinung vieler, so müsse sich doch auch in der DDR etwas verändern lassen. Jahrelang hatte die SED versprochen, Morgen, in der Zukunft, würde alles "noch" besser werden. "Morgen" blieb in den Vorhersagen der Ideologiewächter nicht nur stets weit weg von der Gegenwart, Mitte der 1980er Jahre entrückte die verheißungsvolle Zukunft immer stärker ins Nimmerland. Der gefühlte Abstand zum Westen und seine offenkundigen Verheißungen, wie sie via TV allabendlich in Millionen ostdeutsche Wohnzimmer flimmerten, wurden immer größer. Gleichzeitig schwanden die Hoffnungen auf die Zukunft, je mehr sich die Crew um Honecker gegenüber der sowjetischen Reformpolitik abschirmte. Sie regierte nicht nur gegen die Mehrheit der Bevölkerung, sie verlor auch immer mehr Terrain unter jenen, auf die sie sich bislang verlassen konnte: die 2,3 Millionen Mitglieder der SED und die nochmals knapp 500.000 Mitglieder der eng mit der SED verknüpften vier Blockparteien (CDU, LDPD, DBD, NDPD). Zur Diktaturwirklichkeit gehörte, dass Millionen Menschen das System aktiv unterstützten und mittrugen.

Die Revolution von 1989 lässt sich nicht monokausal erzählen oder erklären. Die DDR trug in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre viele Züge einer Zusammenbruchsgesellschaft. Zugleich war die Gesellschaft stark fragmentiert und zerrissen, was durch die unterschiedlichen Positionen zur und Erfahrungen mit der SED-Herrschaft gekommen war. Zudem hatte sich der Lebensstandard seit Ende der 1950er Jahre zwar erheblich verbessert. Aber die Menschen wurden nicht zufriedener, weil der Abstand zum Westen zusehends wuchs. Honecker erfand 1971 eine Wirtschafts- und Sozialpolitik, die im Kern von dem Gedanken getragen wurde: "So wie wir heute leben, werden wir morgen arbeiten müssen." Die Menschen sollten sozial befriedet werden. Offiziell verband sich damit ein sozialpolitisches Programm, das die Lebensbedingungen der Menschen verbessern und die entbehrungsreiche Nachkriegszeit beenden und auf einer modernen und effizienten Wirtschaft basieren sollte, die die großzügige Sozialpolitik wie im Selbstlauf finanzieren würde.

Heute neigen Wirtschaftshistoriker dazu, die DDR als Schwellenland einzustufen.[2] Die Arbeitsproduktivität der DDR erreichte gegen Ende der 1980er Jahre nur noch rund ein Drittel der bundesdeutschen. Die internationale Verschuldung wuchs und führte die DDR an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Die Investitionsquote schrumpfte in den 1980er Jahren. Die Menschen wurden satt, aber die Kosten dafür waren extrem. Die Subventionen für die Agrarproduktion stiegen, die Nahrungsmittelpreise aber blieben konstant. Die SED-Sozialpolitik wurde teuer erkauft. Für den Staat war sie teuer, weil viele Ressourcen, die dringend in Investitionen hätten umgeleitet werden müssen, für zukunftslose Subventionen und Sozialprogramme verschleudert wurden und so genau das Gegenteil des politisch-ideologischen Ziels – die Legitimierung des Systems – bewirkten. Die Menschen nahmen am Ende der 1980er Jahre die Sozialleistungen des SED-Staates als Selbstverständlichkeit hin, ihre Legitimationskraft war verbraucht. Die Kehrseite der Sozialpolitik stand vor aller Augen: Man wusste, dass billige Mieten zugleich eine heftig umstrittene Wohnungsbaupolitik als Schattenseite zur Folge hatten. Die Menschen spöttelten: "Ruinen schaffen ohne Waffen". Günstige Fahrpreise konnten die zerrüttete Infrastruktur, billige Bücher Zensur oder Mediengleichschaltung nicht kompensieren. Hunderttausende Menschen hatten zwar einen festen Arbeitsplatz, ohne aber einer sinnvollen Arbeit nachgehen zu können. Die Lebenserwartung nahm seit Beginn der 1980er Jahre entgegen einem internationalen Trend leicht ab. Die Umwelt war ein besonderes Krisensymptom geworden. Die DDR zählte in den 1980er Jahren zu den größten Umweltsündern Europas.

Die Bundesrepublik als Schaufenster in den Westen wirkte wie ein Pfahl im Fleische. Auch die Kirchen erfüllten diese Funktion bereits durch ihr bloßes Vorhandensein. Sie waren die einzigen Großinstitutionen, die im Weltanschauungsstaat programmatisch gegen die kommunistische Ideologie standen. Mit ihren Synoden und ökumenischen Versammlungen wurden sie zu Orten, wo demokratische Regeln und Verhaltensweisen eingeübt wurden. Es war kein Zufall, dass im Herbst 1989 so viele Pfarrer und Theologen zu den Wortführern der Bürgerrechtsbewegungen avancierten.

Fußnoten

1.
Siehe die umfassende Darlegung Ilko-Sascha Kowalczuk, Endspiel. Die Revolution von 1989 in der DDR, München 20153.
2.
Siehe z.B. André Steiner, Von Plan zu Plan. Eine Wirtschaftsgeschichte der DDR, Berlin 2007; ders. (Hrsg.), Überholen ohne einzuholen. Die DDR-Wirtschaft als Fußnote der deutschen Geschichte?, Berlin 2006.
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Autor: Ilko-Sascha Kowalczuk für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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