30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Greta Hartmann
Alexander Leistner

Umkämpftes Erbe. Zur Aktualität von "1989" als Widerstandserzählung

Die Frage, wer sich legitimerweise als Erbe der friedlichen Revolution sehen darf und wie die damaligen Ereignisse jeweils eingeordnet und gedeutet werden, war stets umkämpft – bis heute. Mit der Zäsur "1989" wandelte sich in Ostdeutschland zudem generell die Art der Auseinandersetzung um die Deutung historischer Ereignisse: Mit der Entmachtung der SED war auch deren geschichtspolitisches Monopol und Diktat gebrochen, und es wurde möglich, was für pluralistische Gesellschaften charakteristisch ist: über Erinnerungen und die Deutung historischer Ereignisse zu streiten.[1] Diese vielstimmigen Aushandlungsprozesse um das (legitime) Erbe von "1989" sind Thema des Beitrags. Ausgehend von der Unterscheidung zweier idealtypischer Formen geschichtspolitischer Bezugnahmen fragen wir nach der Bedeutung von "1989" als Legitimationssymbol für Proteste in Ostdeutschland der vergangenen Jahre. Wir zeichnen den Wandel politischer Aneignungen von Geschichte durch Protestbewegungen nach, der sich zunehmend als geschichtspolitischer Rechtsruck deuten lässt. Oder anders: Wie kommt es, dass sich Menschen heute wieder am Vorabend einer Revolution wähnen, und welche Bedeutung hat dabei der Bezug auf "1989"? Zur Beantwortung dieser Frage ist ein Blick auf die Ereignisse des Revolutionsherbstes und dessen Vorgeschichte nötig.

Revolution der Vielen

Wechselseitige Distanz und Misstrauen zwischen den Regierenden und den Regierten waren konstitutiv für die DDR-Gesellschaft. Der Staat entstand als Kriegsfolgengesellschaft, auf den Trümmern und im Schatten des "Dritten Reiches". Die Durchsetzung der Herrschaft war von den Folgen des Krieges geprägt. Die neuen SED-Machthaber*innen regierten eine Bevölkerung, die nicht wenige von ihnen im Nationalsozialismus noch als "Volksschädlinge" verfolgt hatte. Das System der militarisierten Herrschaftssicherung stalinistischer Prägung hatte einen entsprechenden und durch die Ereignisse des Arbeiteraufstandes von 1953 gefestigten Stellenwert. Der Grad der Militarisierung der DDR-Gesellschaft[2] hatte damit eine doppelte Stoßrichtung: Sie war einerseits nach außen gerichtet, da die DDR potenzielles Aufmarschgebiet im Kalten Krieg war, und zugleich nach innen gerichtet, um die eigene Gesellschaft zu disziplinieren und beherrschen.

An dieser Militarisierung entzündeten sich spätestens ab den 1970er Jahren erste Proteste. Es entstand zunächst die unabhängige Friedensbewegung als Vorläufer weiterer oppositioneller Bewegungen, die sich bis zum Ende der 1980er Jahre in vier Strömungen auffächerten:[3] erstens zunächst als Kriegsablehnungsbewegung, die im Rückblick auf den Zweiten Weltkrieg und angesichts der atomaren Bedrohung gesellschaftliche Pazifizierungsprozesse anmahnte. Zweitens formierte sie sich als Reformbewegung mit dem Anspruch auf umfassende, im Kern reformsozialistische Veränderungen. Vor allem in den 1980er Jahren trat sie drittens als Protestbewegung auf, in der sich innenpolitische Konflikte sowie Veränderungsbegehren bündelten und sich die Abkehr vom "real existierenden Sozialismus" artikulierte – zuletzt in Form massenhafter Ausreiseanträge. Viertens schließlich war die Opposition in der DDR auch eine Emanzipationsbewegung – eine Bewegung auf der Suche nach kulturellen Freiräumen und alternativen Lebensperspektiven.

Das Nebeneinander dieser Strömungen war spannungsreich, die Oppositionsbewegung selbst heterogen. Der Unmut in der Bevölkerung war gegen Ende der 1980er Jahre freilich größer als die schmale Mobilisierungsbasis der oppositionellen Gruppen und Szenen. Deren Anspruchshorizonte einer erneuerten reformierten DDR waren weit – die realen Erwartungen auf Veränderungen noch im Sommer 1989 aber eher bescheiden. Der Zeithorizont, in dem oppositionelle Aktivitäten geplant wurden, war groß und Ausdruck dafür, wie man die Stabilität des Systems damals einschätzte: als zementierte Herrschaft, der Verbesserungen mühsam und auf Jahre hin abzuringen sind. Basisdemokratie war eine beliebte wie diffuse Forderung innerhalb der Opposition, wobei oftmals unklar blieb, wie diese mit dem Parteiensystem einer repräsentativen Demokratie vereinbar sein könnte. Die Wiedervereinigung war weder Ziel der Bewegung noch realistisch überhaupt absehbar.

Die Massendemonstrationen ab dem Herbst 1989 entfalteten dann aber eine charismatische wie rasante Eigendynamik.[4] In den Herbsttagen standen die Demonstrierenden auf der Straße einem übermächtigen und waffenstrotzenden Sicherheitsapparat gegenüber, der explizit der Bekämpfung innerer und äußerer Feinde diente. Das situative Charisma der Ereignisse gründet dabei in der Eigendynamik des politischen Umbruchs, in der Ungewissheit von Verlauf (friedlich) und Ausgang (unverhoffter Systemzusammenbruch) und schließlich auch in der Erfahrung der Aktionsmacht massenhaften Straßenprotestes.

Fußnoten

1.
Vgl. Edgar Wolfrum, Erinnerungskultur und Geschichtspolitik als Forschungsfelder, in: Jan Scheunemann (Hrsg), Reformation und Bauernkrieg. Erinnerungskultur im geteilten Deutschland, Leipzig 2010, S. 13–47.
2.
Siehe das Themenheft "Militarisierter Sozialismus" der Berliner Debatte Initial 6/1997.
3.
Vgl. Alexander Leistner, Soziale Bewegungen. Entstehung und Stabilisierung am Beispiel der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR, Konstanz 2016, S. 230ff.
4.
Im Begriff "Charisma" verdichten sich die Außeralltäglichkeit des Ereignisses, die euphorischen Erfahrungen der Beteiligten, die nachträgliche symbolische Aufladung als historischer Schlüsselmoment (und Wendepunkt) sowie die Zuschreibung besonderer Qualitäten (wie etwa der entwaffnend friedliche Charakter der Proteste). Vgl. dazu Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen 1980 (1922), S. 654ff.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Greta Hartmann, Alexander Leistner für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.