Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Martin Sabrow

"1989" als Erzählung

Das Datum "1989" ist eine Chiffre. Wie die Französische Revolution von 1789 markiert es ein historisches Schlüsseljahr, das zum Wendepunkt einer weltgeschichtlichen Epoche wurde. Die Kette der weltumstürzenden Ereignisse des Jahres 1989 zieht sich vom ersten Bröckeln des kommunistischen Machtmonopols in Ungarn im Januar über den Sieg Tadeusz Mazowieckis bei den halbfreien Wahlen in Polen im Juni hin zum Fall der Berliner Mauer am 9. November und dem Sturz von Bulgariens Staats- und Parteichef Todor Schiwkow tags darauf, und sie offenbarte mit der Hinrichtung des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu und der Wahl des Bürgerrechtlers Václav Havel zum tschechoslowakischen Präsidenten im Dezember, dass in jenem Jahr der sozialistische Weltentwurf Moskauer Prägung sein historisches Ende gefunden haben sollte.

Diffuser Erinnerungsort

Doch so epochal die Bedeutung ist, die diesem Jahr zukommt, so diffus ist sein Platz im Gedächtnis unserer Zeit. "1989" wird im Rückblick durch unterschiedlichste Begriffe gefüllt, die allein im deutschen Fall von der protestantischen, nachholenden, "friedlichen Revolution" oder auch "Kerzenrevolution" über das Kunstwort "Refolution" (Timothy Garton Ash) und unpathetische Kennzeichnungen wie "Wende" oder "Systemwechsel" zu Termini wie "Implosion", "Umbruch" und "Zusammenbruch" sowie im regimeverbundenen Diskurs auch "Konterrevolution" reichen.

Die Zäsur von 1989 hat jedenfalls in Deutschland keine generationelle Prägekraft entfaltet. Das 19. Jahrhundert kannte die Generation der "Achtundvierziger", die nach der verlorenen Schlacht um die deutsche Demokratisierung unbehaust blieb und erst mit der deutschen Reichseinigung ihren Frieden mit den Verhältnissen im Staat Bismarcks machte. Das 20. Jahrhundert brachte die strebsame Wiederaufbaugeneration der "Fünfundvierziger" hervor, und es ließ die "Achtundsechziger" zu Exponenten des Wertewandels in einer sich liberalisierenden Bundesrepublik werden. Aber eine gesamtdeutsche Generation der "Neunundachtziger" hat sich nicht herausgebildet,[1] und die Absetzbewegung einer zeitweilig vielbeschworenen "Dritten Generation" beschränkt sich auf das prononcierte Interesse an der eigenen Herkunft und die Einforderung einer Auseinandersetzung um die beschwiegene Familienvergangenheit in Ostdeutschland.[2]

"1989" ist also ein so prominenter wie zugleich bis heute vieldeutiger und unscharf markierter Erinnerungsort. Wie ist dieser Befund zu erklären?

Fußnoten

1.
Vereinzelten Bemühungen, paradoxerweise von rechtskonservativer Seite eine Generation der 89er auszurufen, blieb der Erfolg versagt. Vgl. Roland Bubik (Hrsg.), Wir ’89er. Wer wir sind und was wir wollen, Berlin 1995. Vgl. Susanne Gaschke, Claus allein zu Haus. Die 89er-Generation stellt sich vor in zwölffacher Gestalt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.1.1996. Auch der programmatische Titel einer diesem Befund entgegenstehenden Studie von Claus Leggewie findet sich im Fazit deutlich relativiert: "Die 89er werden zerredet, bevor sie richtig als politische Generation zur Welt gekommen sind." Claus Leggewie, Die 89er. Portrait einer Generation, Hamburg 1995, S. 300.
2.
Vgl. Michael Hacker/Stephanie Maiwald/Johannes Staemmler, Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen, in: dies. et al. (Hrsg.), Dritte Generation Ost. Wer wir sind, was wir wollen, Berlin 2012, S. 9–16, hier S. 13.
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Autor: Martin Sabrow für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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