30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Jubelnd laufen drei junge Ost-Berliner am 10.11.1989 durch einen Berliner Grenzübergang.

23.8.2019 | Von:
Elke Kimmel

West-Berlin. Stimmungsbilder aus dem letzten Jahr

Das 41. Jahr West-Berlins war ein langes Jahr – es reichte von Mai 1989 bis in den Winter 1990. Zugleich wurden in diesem Jahr in verschiedenen Bereichen die Weichen für die zukünftige Entwicklung Berlins gestellt, und langfristige Trends deuteten sich an. Auch wenn in West-Berlin seit dem Mauerbau der Verlust des Ostteils thematisiert worden war, und die Vereinigung mit dem Osten als politisches Ziel in aller Munde war, so zeigte sich doch schon in den ersten Tagen nach der Maueröffnung, dass die Umsetzung dieses Ziels nicht ohne Abstriche zu haben war. Es lohnt deshalb, sich die turbulentesten Wochen dieses Jahres genauer anzusehen.[1]

Auftakt

1. Mai 1989 – der rot-grüne Senat des Regierenden Bürgermeisters Walter Momper (SPD) war gerade sechs Wochen im Amt, als ihm mit der "revolutionären 1.-Mai-Kundgebung" eine schwere Prüfung ins Haus stand. Wie würden sich die Mitglieder der Alternativen Liste für Demokratie und Umweltschutz (AL), die später im Bündnis 90/Die Grünen Berlin aufgegangen ist, verhalten, wenn es um die Durchsetzung von Recht und Ordnung gegen die "eigene" Klientel ging? Der Senat verordnete der Polizei eine Deeskalationsstrategie, die allerdings – wie Plünderungen vor laufenden Kameras zeigten – nicht aufging: Zwar fühlten sich die grünen Senatorinnen verpflichtet, andere Politik zu machen, für die linke Szene aber ging es weiter gegen "das System", für das in ihren Augen nun auch die AL stand.[2]

Auch dem sogenannten Polenmarkt gegenüber fiel es dem Senat schwer, einen stringenten Kurs zu finden: Seit 1988 gelangten polnische Bürgerinnen und Bürger nach West-Berlin und verkauften dort alle möglichen Güter an Touristen und Einheimische, deren Haltung zwischen Ablehnung und Faszination schwankte. Schon der Vorgängersenat unter dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) war mit Verboten gescheitert und hatte den Markt lediglich vorübergehend verdrängt. Anwohnerklagen blieben lange wirkungslos; eine Lösung deutete sich nicht an. Der "Polenmarkt" war mit rechtsstaatlichen Mitteln anscheinend kaum zu unterbinden.

Auf energischen Widerstand stieß zudem die Verkehrspolitik des rot-grünen Senats. Die Einführung eines Tempolimits auf der Avus, die Einrichtung von Busspuren und die geplante Sperrung der Havelchaussee für den privaten Autoverkehr wurden von vielen West-Berlinerinnen und -Berlinern als unzumutbare Schikanen angesehen.[3] Leserzuschriften in der "Berliner Morgenpost" spekulierten über angebliche Gefahren für ältere Menschen durch die Busspuren, und Geschäftsleute beklagten dramatische Umsatzrückgänge. Immer wieder wurde der Vorwurf laut, die AL plane eine autofreie Stadt.[4]

Ein weiteres Problem – auch angesichts der stetig steigenden Zahl von Zuwanderern aus der DDR, aus Polen und Rumänien – war die Wohnungsnot. Im Sommer 1989 scheiterten die Versuche der Sozialsenatorin Ingrid Stahmer (SPD), zumindest einen Teil der Zuwandernden ins Bundesgebiet zu lenken. Zwar gab es im Aufnahmeverfahren einen Verteilungsschlüssel für Übersiedler, aber dessen Missachtung blieb ohne Konsequenzen. Beginnend mit dem Abbau der Grenzanlagen an der österreichisch-ungarischen Grenze im Mai 1989 und der einsetzenden Massenzuwanderung ging es immer mehr darum, wenigstens ausreichend Notunterkünfte bereitzustellen. Wie angespannt die Lage war, belegen die Überlegungen Walter Mompers, Bauland in Brandenburg zu erwerben, um dort neue Exklaven für Wohnungssuchende einzurichten.[5] Senatorin Stahmer appellierte an die Bundesregierung, die finanziellen Mittel zur Bewältigung des Zustroms aufzustocken – ohne dies seien die Herausforderungen nicht zu bewältigen. Die Signale aus Bonn blieben indes verhalten.[6] Anfang November stellte sich West-Berlin mit Notunterkünften auf Hunderte von DDR-Flüchtlingen ein, die über Ungarn und die Tschechoslowakei einfliegen sollten.[7] Auch auf dem Arbeitsmarkt machte sich der Zuzug bemerkbar. Zwar fanden sich die Neuankommenden meist rasch in die neuen Verhältnisse ein, aber die Zahl der Arbeitssuchenden stieg, und nicht alle Ankommenden besaßen die geforderten Qualifikationen.

Als störend wurden indes andere Zuwanderer wahrgenommen. Besonders im überfüllten Aufnahmelager Berlin-Marienfelde stießen Übersiedler auf Asylsuchende aus Subsahara-Afrika und Sri Lanka, die über den Ost-Berliner Flughafen Schönefeld nach West-Berlin gelangten, und Konflikte eskalierten mitunter. Dass die Ablehnung gegenüber den Zuwanderern bereits weit in die West-Berliner Gesellschaft reichte, zeigten die Abgeordnetenhauswahlen am 28. Januar 1989: 7,5 Prozent der West-Berliner Wahlberechtigten hatten für die fremdenfeindlichen und in Teilen rechtsextremen Republikaner gestimmt. Obschon die Partei sich schon im Laufe des Jahres heillos zerstritt, verschob sich der öffentliche Diskurs nach rechts.

West-Berlin war außerdem stärker noch als die Bundesrepublik als Ganzes abhängig von den Entwicklungen in Ost-Berlin. Der erzwungene Rücktritt des schwerkranken Erich Honecker von allen Ämtern und die Auftritte des "jugendlichen" Nachfolgers Egon Krenz ebenso wie die Ankündigungen eines liberaleren Reisegesetzes für DDR-Bürger bestärkten die Verantwortlichen darin, sich Gedanken über das zukünftige Nebeneinander zu machen, etwa was zusätzliche Grenzübergänge anbelangte. [8] Momper regte etwa die Einrichtung eines Gesamtberliner "Runden Tisches" an,[9] selbst die deutsche Einheit schien wieder denkbar. In Frankreich warnte der Diplomat François Puaux im "Figaro" Anfang November 1989, dass diese eine Verschiebung des europäischen Gefüges zur Folge haben werde.[10] Sogar der Abriss der Berliner Mauer schien im Bereich des Möglichen. SPD-Politiker Jürgen Schmude setzte sich für diesen Fall dafür ein, Teile der Mauer als Denk- und Mahnmal zu erhalten. Er wurde daraufhin in Leserbriefen aufgefordert, er solle doch "sein Anwesen einmauern und unter Denkmalschutz stellen"; sein Ansinnen sei eine "Unverfrorenheit".[11] Andere meinten gar, Schmude sei wohl "krank im Kopf"[12] oder zumindest "verwirrt", sein Vorschlag ein "absurder Gedankenflitzer".[13] Kurzum: Wesentliche Veränderungen lagen gleichsam "in der Luft". Auf die Geschwindigkeit der Ereignisse aber war kaum jemand vorbereitet.

Fußnoten

1.
Als Basis dafür dient eine Durchsicht insbesondere der "Berliner Morgenpost" (im Folgenden BM abgekürzt), ergänzend des "Berliner Tagesspiegel" (BT) und der "Tageszeitung" (taz). Aussagekräftig ist insbesondere die BM, da hier täglich Leserzuschriften in großer Anzahl abgedruckt wurden.
2.
Vgl. "Wir machen nicht aus Spaß Krawall". Spiegel-Interview mit den Kreuzberger Autonomen Alex und Ronnie über ihre Strategie der Gewalt, in: Der Spiegel, 8.5.1989, S. 115–120.
3.
Vgl. 800 Unterschriften gegen Busspur in der Königsberger, in: BM, 3.11.1989, S. 12; Leserzuschrift "Existenzen werden bedroht" von Jan M. Dittmann aus Berlin, in: BM, 3.11.1989, S. 28.
4.
Vgl. Leserzuschrift "Autofreie Stadt" von Sven Nießen aus Berlin, in: BM, 7.11.1989, S. 22.
5.
Vgl. Berlin: Mompers Landsuche in der DDR, in: Der Spiegel, 25.9.1989, S. 14.
6.
Vgl. Michael L. Müller, Fluchtwelle bringt dramatische Probleme für Berlin mit sich, in: BM, 8.11.1989, S. 1f.
7.
Vgl. Ursula von Bentheim, Berliner Millionär: Flüchtlinge können in meinem Park wohnen, in: BM, 7.11.1989, S. 5.
8.
Vgl. Uwe Dannenbaum, Krisensitzung bei BVG und Senat: So soll der Ansturm von "drüben" bewältigt werden, in: BM, 8.11.1989, S. 3.
9.
Vgl. Michael L. Müller, Momper für "Runden Tisch" in Berlin, in: BM, 9.11.1989, S. 2.
10.
Vgl. Berlin bald wieder Zentrum Europas?, in: BM, 9.11.1989, S. 1.
11.
Leserzuschrift "Unverfrorenheit" von Gerhard Kiank, in: BM, 5.11.1989, S. 44.
12.
Leserzuschrift "Krank im Kopf" von M. Freyer, in: BM, 12.11.1989, S. 86.
13.
Vgl. Leserzuschrift "Gedankliche Verwirrung" von Walter Schaumann aus Berlin, in: BM, 12.11.1989, S. 86.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Elke Kimmel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.