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16.8.2006 | Von:
Andreas Joh. Wiesand

Kultur- oder "Kreativwirtschaft": Was ist das eigentlich?

Eine neue "kreative Klasse"?

Das Kernargument von Florida ist allerdings von eher schlichter Natur: Seit es mit traditionellen Industriezweigen bergab geht, sei die "creative economy" mit einer neuen Klasse von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dabei, ihren Platz zu übernehmen. Florida definiert diese "kreative Klasse" (die in den USA nach seiner Einschätzung bereits 30 Prozent der Erwerbstätigen ausmacht) als ein weites Spektrum qualifizierter Berufe: von Fachleuten in Technik und Naturwissenschaften über höhere Positionen im Handels- und Finanzsektor bis hin zu Beschäftigungen in der akademischen und öffentlichen Verwaltung sowie in Bereichen der Justiz und öffentlichen Sicherheit. Natürlich finden sich auch Künstler und andere Kulturberufe in dieser Auswahl - die laut Florida besonders wichtige Gruppe der "Bohemiens"; sie sollen den Städten und Regionen der westlichen Welt in ihrem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf den nötigen innovativen Kick geben. Aber ist ein derart breiter Berufemix überhaupt sinnvoll?

Floridas Konzept enthält - ähnlich wie andere Theorien zur wirtschaftlichen Entwicklung[3] - statistische Indikatoren. Dies hat den Vorteil, dass man das Konzept empirisch "testen" kann, was auch bereits in verschiedenen Regionen geschehen ist. Dabei zeigt sich:

  • Manche von Floridas Argumenten werden etwa in einer niederländischen Studie bestätigt,[4] so vor allem die These, dass es zur Stimulierung des Wirtschaftswachstums weniger darum gehe, "welche oder wie viel Bildung Menschen mitbringen, sondern wo sie tatsächlich arbeiten". Abgesehen von Amsterdam bezweifelten die holländischen Forscher, dass dieses Wachstum "irgend etwas mit der Bohème oder einer anderen kreativen Gesinnung zu tun hat, die über soziale Interaktion hinausgeht"; stattdessen betonen sie einen Punkt, der von Richard Florida eher vernachlässigt wird, dafür in früheren Theorien über das Humankapital stärker im Vordergrund stand: "Urbane Vorzüge - wie beispielsweise Kulturangebote, eine ästhetisch schöne Umgebung und in Holland besonders auch die vielen historischen Bauten - machen Städte speziell für die 'kreative Klasse' attraktiver."

  • Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommt auch eine Studie über die kanadische Stadt Montreal, an der Florida selbst beteiligt war.[5] Einerseits gelten die vielen Künstler, die hochrangige kulturelle Infrastruktur und die Tatsache, dass Montreals Bevölkerung mehrheitlich Französisch und Englisch spricht, als unterstützende Faktoren für Montreals Image einer vielfältigen und "dynamischen Kulturmetropole, die großen Wert legt auf Kreativität, Erfindung und die Entdeckung von Talenten". Andererseits wird erneut die Ansicht verworfen, die "kreative Klasse" bestünde hauptsächlich aus Künstlern oder kulturnah Beschäftigten: "Dies könnte realitätsferner nicht sein."

    Kein Wunder, dass es an kritischen Stimmen zu Florida und seinen Ideen nicht fehlt. Von überbewerteten Korrelationen ist da die Rede, von einer unsachgemäßen Definition der Beschäftigungskategorien oder vom Gebrauch veralteter Zahlen aus Zeiten des dotcom-Booms vor seinem Zusammenbruch. Der Ökonomin Ann Daly zufolge besteht das Problem solch verallgemeinernder Theorien darin, "dass sie eine auf alles passende Patentlösung anbieten, wo es den einzigen Index, die einzige Berechnung, den Königsweg nicht geben kann. Unsere Welt ist dafür zu komplex und ihr Wandel zu schnell."[6] Dennoch räumt sie ein, dass Floridas Glaube an die Kreativität als Motor wirtschaftlichen Wachstums zumindest "die Basis für eine ernsthafte öffentliche Debatte über kulturelles Wachstum" erweitert hat, in der es unter anderem darum gehen müsste, Forschungsdaten zum Kreativsektor besser in politische Konzepte zu übersetzen. Wichtig sind Daly aber vor allem Strukturfragen:[7]: "Wir haben erst begonnen zu fragen: Was brauchen Künstler? Die Ära großer Firmengründungen ist um; die Zukunft gehört den Netzwerken. Subventionsgeber sind out, jetzt geht es um Infrastrukturen."

  • Fußnoten

    3.
    Vgl. den Überblick zum "Humankapital"-Ansatz von Vijay K. Mathur, Human-capital-based strategy for regional economic development, in: Economic Development Quarterly, XIII, (1999) 3.
    4.
    Vgl. Gerard Marlet/Clemens van Woerkens, Skills and Creativity in a Cross-section of Dutch Cities, Stichting Atlas voor gemeenten, Utrecht School of Economics, Universität Utrecht, Discussion Paper Series 04 - 29, 2004.
    5.
    Vgl. Kevin Stolarick/Richard Florida/Louis Musante, Montréal's Capacity for Creative Connectivity: Outlook & Opportunities, Montreal 2005 (vgl. http://www.creativeclass.org).
    6.
    Ann Daly, Richard Florida's High-class Glasses, in: Grantmakers in the Arts Reader, Sommer 2004.
    7.
    Fragen dieser Art mögen für amerikanische Ökonomen ungewohnt sein. In Europa stellte man sie in Abhandlungen und empirischen Untersuchungen seit den 70er Jahren (z.B. in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden, der Schweiz und Schweden), und sie waren Teil des vom Europarat in den 80er Jahren initiierten Programms der National Cultural Policy Reviews.