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16.8.2006 | Von:
Andreas Joh. Wiesand

Kultur- oder "Kreativwirtschaft": Was ist das eigentlich?

Ein Vorschlag zur Diskussion: der "Kreativsektor"

Obwohl es künftig noch schwieriger wird, den privatwirtschaftlichen Bereich statistisch sauber von anderen Kultur- und Medienaktivitäten abzugrenzen, bleibt gerade dies eine wichtige Aufgabe entsprechender Berichte. In Deutschland existiert traditionell eine stärkere Arbeitsteilung zwischen Kulturangeboten mit öffentlichem Auftrag und privatwirtschaftlichen Aktivitäten als in vielen anderen Ländern - und dies soll nach den Vorstellungen sowohl der betroffenen Einrichtungen und des größten Teils der Kulturwirtschaft wie auch breiter Bevölkerungskreise so bleiben.[26]

Hier könnten wir sogar vom Musterland der "creative industries", dem Vereinigten Königreich, etwas lernen: Dort stellen sich nämlich die Verhältnisse durchaus nicht so einseitig dar, wie die Rezeption dieses Begriffs es nahe legt. Dies zeigt spätestens der Blick in die Londoner Regierungsmannschaft: Dem für Kultur, Medien und Sport zuständigen Kabinettsmitglied unterstehen sowohl ein "Minister für Kreativwirtschaft und Tourismus" mit Verantwortung für hauptsächlich marktorientierte Aktivitäten wie andererseits auch ein "Kulturminister", zuständig u.a. für die Künste, Denkmalpflege, Museen und Bibliotheken, Architektur oder kulturelle Aspekte der Bildungs-, Regional- und Sozialpolitik, also für Aufgaben, wie sie viele andere Kulturminister in Europa kennen.[27]

In der Londoner Konstruktion wird also die wachsende Relevanz von Marktkräften für die Entwicklung im Kultur- und Medienbereich ebenso anerkannt wie die Tatsache, dass dadurch die Rolle staatlicher oder geförderter Einrichtungen und die Mitwirkung zivilgesellschaftlicher Akteure nicht verdrängt werden kann, teilweise sogar noch gestärkt werden sollte.

Vor dem Hintergrund empirischer Studien und internationaler Konferenzen kann damit für die Diskussion und weitere Begriffsklärung eine Abgrenzung des "Kreativsektors" vorgeschlagen werden (vgl. Schaubild der PDF-Version). Abgesehen von einem relativ flexiblen "kreativen Kernbereich" unterscheidet das Schaubild acht Arbeitsfelder (die Größe der Grafikelemente ist ein grober Anhaltspunkt für ihre Bedeutung im Arbeitsmarkt dieses Sektors). Die Grundelemente der Grafik sind wohl für die meisten europäischen Länder zutreffend, und die große Anzahl öffentlicher Theater und Medieneinrichtungen (Radio und Fernsehen, häufig finanziert durch Gebühren) markiert den auffälligsten Unterschied zwischen europäischen Traditionen und Bedingungen in den USA, wo diese Einrichtungen privatwirtschaftlich organisiert sind.

Die - wohl noch zunehmende - Verknüpfung dieser Felder untereinander (z.B. Musikverlage oder Instrumentenbauer mit öffentlichen Musikschulen) und darüber hinaus (z.B. Design mit Wirtschaftszweigen wie Mode und Werbung) ist im Schaubild angedeutet, gelegentlich wird hier auch von "creative clusters"[28] und teilweise von "Komplementärbeziehungen"[29] gesprochen (wie etwa zwischen staatlichen Opernhäusern und den zumeist privaten Musical-Spielstätten). Ein näherer Blick auf einzelne Branchen oder Wertschöpfungsketten führt zusätzlich vor Augen, dass die Berührungspunkte der einzelnen Felder unterschiedlich ausgeprägt sind - so hat der Buchmarkt viel weniger mit öffentlichen Zuwendungsgebern zu tun als die Filmproduktion.[30]

Definitionen müssen so offen und flexibel sein, dass sie Querverbindungen angemessen berücksichtigen und, je nach Art der Fragestellung oder Aufgabe, erweiterungsfähig bleiben. Dies betrifft etwa die zunehmenden grenzüberschreitenden Austauschbeziehungen, Konzentrationstendenzen und ebenso neue, ökonomisch relevante Arbeitsfelder. Als Beispiel sind die "kreativen" Aktivitäten bei der Entwicklung von Computerspielen zu nennen: Nachdem dafür eigene statistische Kategorien fehlen, ist es besonders wichtig, dem Design einen prominenten Platz in kultur- oder kreativwirtschaftlichen Konzepten zuzuweisen und die hier Berufstätigen möglichst vollständig zu erfassen.

Weniger wichtig ist, ob wir dann etwa von einem "Kultursektor" oder einem "Kreativsektor" sprechen, solange nur alle mit Kultur und Medien im weiteren Sinne verbundenen Aktivitäten berücksichtigt werden. Private, öffentliche und informelle Angebote, ihre unterschiedlichen Aufgaben, Maßstäbe und Probleme, müssen auch in Zukunft möglichst klar erkennbar bleiben, möglicherweise sogar jeweils noch stärker überprüft werden. Geschieht dies nicht oder nicht ausreichend, wie in manchen der erwähnten Berichte und Bestandsaufnahmen, könnten einige Angebote bald mangels "Unterscheidbarkeit" in Gefahr geraten und eine bislang noch vielfältige kulturelle Öffentlichkeit Schaden nehmen.

In seiner eingangs erwähnten Nobelpreisrede wies Wole Soyinka noch darauf hin, dass Ogun nicht nur als "Gott der Kreativität" gelten kann, sondern auch als "Gott der Zerstörung". Mehr Transparenz im kulturellen oder "Kreativsektor" kann dazu beitragen, dass diese Zweitrolle möglichst wenig zum Tragen kommt.

Fußnoten

26.
So regelmäßig die Ergebnisse der "KulturBarometer"-Umfragen des Zentrums für Kulturforschung.
27.
Vgl. Council of Europe/ERICarts, Compendium of Cultural Policies and Trends, Straßburg-Bonn 2006 (http://www.culturalpolicies.net).
28.
Vgl. Margaret Wyszomirski bei der UNESCO-Konferenz: The International Creative Sector, Austin: University of Texas, Juni 5-7, 2003 (siehe Kurzbericht in: http://www.culturalpolicy.org/pdf/UNESCO2003. pdf).
29.
Vgl. Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft, Kulturwirtschaft in Nordrhein-Westfalen: Kultureller Arbeitsmarkt und Verflechtungen, Düsseldorf, 1998.
30.
Vgl. ERICarts mit FinnEkvit, Mediacult, OBS und ZfKf, Culture-Biz, Bonn 2005.