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16.8.2006 | Von:
Rainer Ertel

Daten und Fakten zur Kulturwirtschaft

Beschäftigung und Umsatz

Das Gliederungsgerüst aus Unterklassen der Wirtschaftszweigsystematik lässt sich mit konkreten Zahlenangaben aus unterschiedlichen amtlichen Statistiken füllen.

Interessiert man sich für den Arbeitsmarkt bzw. für die Beschäftigungseffekte, wäre zweifellos (wie schon für den eingangs zitierten Befund im europäischen Kontext) der Begriff der Erwerbstätigkeit geeignet. Hierzu liegen aber in der für Länderwirtschaftsberichte benötigten Tiefe - zum Teil wegen Geheimhaltungsvorbehalten - keine verlässlichen Angaben vor. Beschränkt man sich auf die Abgrenzung aus Abbildung 1 der PDF-Version, nimmt man zudem in Kauf, dass die umfassender abgegrenzte Kulturwirtschaft in den vorliegenden Länderberichten (deren Ausgangspunkt die 5-Steller-Ebene ist) nur teilweise abgebildet wird.

Die Statistik der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (SVB) bietet einen Arbeitsmarktindikator, der tief gegliedert, regional differenzierbar und relativ zeitnah zur Verfügung steht. Er bildet aber nur eine Teilmenge der Erwerbstätigkeit ab.[11] Gleichwohl ist er aus pragmatischen Gründen einer der Indikatoren, die in der Kulturwirtschaftsberichterstattung der Länder bisher dominieren. Zwei weitere wichtige Indikatoren stammen aus der Umsatzsteuerstatistik. Dies sind zum einen die steuerbaren Umsätze für Lieferungen und Leistungen und zum anderen die Steuerpflichtigen. Diese von der Finanzverwaltung erhobenen Angaben sind aber auch mit Informationsdefiziten behaftet: Zum einen sind Umsätze nicht identisch mit der ökonomisch wichtigen Kenngröße der Wertschöpfung. Zum anderen erfasst die Umsatzsteuerstatistik nur Steuerpflichtige und steuerbare Umsätze ab einer bestimmten Bemessungsgrenze (derzeit 17 500 Euro pro Jahr).

Auch wenn man die Angaben in der Zusammenschau darstellen will, steht man vor Interpretationsproblemen. Diese resultieren zum einen aus dem Erhebungsverfahren (Ort der Erfassung) und zum anderen aus der nicht einheitlich vorgenommenen Zuordnung zur Wirtschaftszweigsystematik. Darauf kann an dieser Stelle nicht im Detail eingegangen werden.

Werfen wir nach diesen Vorbemerkungen nun einen kurzen Blick auf die Angaben aus dem 1. Hessischen Kulturwirtschaftsbericht. Dieser liefert - wie schon dargelegt - nicht nur Zahlen für Deutschland insgesamt, sondern auch (und zwar basierend auf identischer Abgrenzung) für alle 16 Bundesländer. Zugleich stellt er die weiteste Interpretation von "Kulturwirtschaft" in der aktuellen Diskussion dar.

Demnach waren in Deutschland im Jahr 2000 1,35 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in der Kulturwirtschaft im weiten Sinne tätig, was 4,9 Prozent der Gesamtbeschäftigten ausmacht. Die Anteile in den Bundesländern bewegen sich dabei zwischen 9,3 (Hamburg) und 3,2 Prozent (Saarland und Sachsen-Anhalt). Gemeint ist dabei der Anteil der Beschäftigten in der Kulturwirtschaft an der Gesamtbeschäftigung des jeweiligen Bundeslandes.[12] Dieser Indikator enthält (wie erläutert) nur einen Teil der Erwerbstätigen in der Kulturwirtschaft. Besonders dürfte dabei zusätzlich interessieren, wie hoch die Zahl der Selbstständigen ist. Nach Angaben der Künstlersozialkasse können für das betrachtete Jahr noch einmal ca. 110000 selbstständige Künstler hinzugerechnet werden. Ein Teil von ihnen dürfte gleichzeitig in der Umsatzsteuerstatistik als steuerpflichtig erfasst sein, ein anderer Teil dagegen aufgrund zu geringer Jahresumsätze nicht. Allerdings wären dann auch jene Selbstständigen hinzuzurechnen, die in eigenen kulturwirtschaftlichen Unternehmen tätig sind und hier nicht der Sozialversicherungspflicht unterliegen. Konkrete Daten für die relativ einfache Frage nach dem Beschäftigungspotenzial der Kulturwirtschaft lassen sich also nur auf "Umwegen" ermitteln. Die Logik dieses Verfahrens zeigt Abbildung 2 der PDF-Version.

Ein Hinweis ist allerdings ausdrücklich nötig: Beim Indikator sozialversicherungspflichtige Beschäftigung führt die Tatsache, dass ein weiter Kulturwirtschaftsbegriff verwendet wird, dazu, dass die Beschäftigung in vorrangig öffentlich finanzierten Kultureinrichtungen, sofern diese zu solchen 5-Stellern zählen, die zugleich als kulturwirtschaftlich relevant gelten, automatisch mit erfasst wird. Vergleicht man die gerade genannte Größenordnung von 1,35 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (2000) mit den in Abbildung 2 der PDF-Version ausgewiesenen knapp 450 000 (2003) für die Kulturwirtschaft im Sinne der EU-Abgrenzung, so hat man zwei empirische Befunde zur Bedeutung der Kulturwirtschaft in Deutschland, die immerhin um den Faktor 3 differieren! Noch einmal wird deutlich, wie wichtig es gerade in dieser Diskussion ist, zu erklären, wovon man spricht und welche Indikatoren herangezogen werden. Der eben angebrachte kritische Einwand relativiert sich für die Umsätze: Da öffentlich finanzierte und betriebene Kultureinrichtungen in der Regel nicht umsatzsteuerpflichtig sind, erscheinen konsequenterweise bei den entsprechenden 5-Stellern auch nur die Umsätze der verbleibenden erwerbswirtschaftlich betriebenen, steuerpflichtigen Unternehmen. Vergleicht man hier die Angaben aus dem hessischen Bericht von 204 Milliarden Euro (2000) mit Umsatzangaben nach den neun Kernbranchen der Kulturwirtschaft, wie sie der Arbeitskreis Kulturstatistik abgrenzt (83 Milliarden Euro für 2000),[13] so ist die Abweichung schon geringer als bei der Beschäftigung und erklärt sich aus der unterschiedlichen Breite der einbezogenen Kategorien.

Hinsichtlich der Anzahl der steuerpflichtigen Unternehmen und Selbstständigen kommt der hessische Bericht zu dem Ergebnis, dass im Jahr 2000 in Deutschland der Kulturwirtschaft 262 000 oder 9,0 Prozent aller Steuerpflichtigen zuzurechnen waren. Aus dem geringeren Anteil an den Umsätzen (4,9 Prozent) lässt sich bereits ablesen, dass der durchschnittliche Umsatz je Steuerpflichtigen geringer ist als in der Gesamtwirtschaft. Auf diese und andere Fakten zur Kulturwirtschaft in Deutschland wird noch einzugehen sein. Vergleicht man allerdings die hier genannte Zahl von 262 000 Steuerpflichtigen (2000) mit den Angaben aus Abbildung 2 der PDF-Version von 131 000 (2003), so ist dies "nur" (aber zugleich "immer noch") eine Abweichung um den Faktor 2. Aus den obigen Erläuterungen kann darauf geschlossen werden, dass dieser Unterschied tatsächlich im Wesentlichen durch eine weiter gefasste statistische Abgrenzung der Kulturwirtschaft im hessischen Bericht zustande kommt.

Fußnoten

11.
Zu den Erwerbstätigen zählen neben den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten auch Beamte, Selbstständige und mithelfende Familienangehörige.
12.
Hier zeigt sich ein Strukturmerkmal, das auch bei einer engeren Abgrenzung der Kulturwirtschaft bestätigt wird, nämlich die Tendenz, dass sich kulturelles Beschäftigungspotenzial vorwiegend in urbanen Regionen konzentriert.
13.
Vgl. Michael Söndermann, Kulturwirtschaft - was ist das?, in: Friedrich-Naumann-Stiftung (Anm. 10), S. 16.