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16.8.2006 | Von:
Rainer Ertel

Daten und Fakten zur Kulturwirtschaft

Weitere empirische Fakten und qualitative Befunde

Nach dem zuvor Gesagten liegt es nahe, auf eine Angabe konkreter Zahlen etwa zu der Bedeutung einzelner Teilmärkte oder eine Reihung der Bundesländer hinsichtlich ihres kulturwirtschaftlichen Gewichtes zu verzichten. Dies verbietet sich im Rahmen des vorliegenden Aufsatzes allein schon deshalb, weil die Entscheidung für eine bestimmte Abgrenzung zugleich die Entscheidung gegen eine andere bedeuten würde und weil für eine umfassende und vergleichende Gegenüberstellung der Platz fehlt. Ehe abschließend noch auf einige strukturelle Merkmale der Kulturwirtschaft eingegangen wird, die diese vom Durchschnitt gesamtwirtschaftlicher Betrachtungen unterscheiden, sei noch eine Angabe zu einer zentralen ökonomischen Kenngröße gemacht: der Bruttowertschöpfung.[14] Unter Verwendung der EU-Abgrenzung erreicht diese in Deutschland im Jahr 2003 für die Kulturwirtschaft einen Betrag von insgesamt 35 Milliarden Euro, was einem Anteil von 1,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt entspricht. Vom Gewicht her liegt sie damit zwischen der Chemischen Industrie (44 Milliarden Euro) und der Energiewirtschaft (30 Milliarden Euro).[15]

Es sollen nun weitere empirische Fakten aufgeführt werden, die das Bild abrunden. In diversen Länderberichten sind hierzu für unterschiedliche Zeiträume und für unterschiedliche Indikatoren Befunde herausgearbeitet worden, die hier in ihrem wesentlichen Kern angesprochen werden sollen. Auf diese Weise wird ein holzschnittartiges Bild jener Merkmale gezeichnet, die die Kulturwirtschaft als Querschnittsbranche vom Durchschnitt der gesamtwirtschaftlichen Strukturen und Entwicklungen unterscheiden.

Zur Wachstumsdynamik

Von besonderem wirtschaftspolitischen Interesse ist die Wachstumsdynamik der Kulturwirtschaft, hier gemessen an der Umsatzentwicklung. Entsprechende Befunde für die achtziger Jahre stellt bereits der 1. nordrhein-westfälische Bericht heraus. Demnach lag die Wachstumsrate von 1980 bis 1988 mit insgesamt 70 Prozent für die Kulturwirtschaft im weiteren Sinne deutlich über den Werten von Branchen wie dem Maschinenbau (23 Prozent) oder dem Bergbau (9 Prozent) in NRW.[16] Dieser Trend wird auch im 4. Kulturwirtschaftsbericht in NRW bestätigt: Im Zeitraum 1996 bis 1999 war das Umsatzwachstum der Kulturwirtschaft mit knapp 21 Prozent doppelt so hoch wie das aller Wirtschaftszweige.[17] Dieser Trend wird vergleichsweise in allen Länderberichten beschrieben und für den genannten Zeitraum auch für Deutschland insgesamt gesehen.

In jüngster Zeit gibt es allerdings gegenläufige Tendenzen. So wird im 2. Hessischen Kulturwirtschaftsbericht festgestellt, dass zwischen 2000 und 2002 die Kulturwirtschaft in Hessen um 14 Prozent an Umsatz einbüßte, während der Vergleich für die Gesamtwirtschaft mit einem Rückgang von knapp 3 Prozent geringer ausfiel.[18] In diesem Bundesland waren die Werbebranche, das Druckereigewerbe und die Film- und Fernsehbranche maßgeblich am Umsatzrückgang beteiligt. In der engeren Abgrenzung der Kulturwirtschaft nach den Kriterien der EU (siehe die zuvor aufgeführten neun Kernbereiche) ergibt sich zwischen 2000 und 2003 auch für Deutschland ein Umsatzrückgang um 11,3 Prozent (gegenüber einem Wachstum der Gesamtwirtschaft von 2,3 Prozent)[19] mit einem besonders spürbaren Rückgang in der Filmwirtschaft.

Dieser kurze Blick auf die Umsatzentwicklung zeigt, dass das überdurchschnittliche Umsatzwachstum, das zunächst den Blick der Wirtschaftspolitik auf die Kulturwirtschaft gelenkt hat, kein "Selbstläufer" war. Allerdings verbergen sich hinter pauschalen Befunden im Detail sehr unterschiedliche Entwicklungen nach Märkten, Kernbereichen, Regionen, aber auch nach Größenklassen der Unternehmen. So ist beispielsweise der für Deutschland dokumentierte Umsatzrückgang insbesondere bei großen Firmen aufgetreten, während sich kleinere gut behaupten oder sogar wachsen konnten.

Eine überdurchschnittliche Wachstumsdynamik ist auch für den Indikator Erwerbstätige in der Logik von Abbildung 2 festzustellen. Demnach stieg im Zeitraum von 1999 bis 2004 die Zahl der Erwerbstätigen in der Kulturwirtschaft um 7,2 Prozent, während sich die Erwerbstätigenzahl in der Gesamtwirtschaft im gleichen Zeitraum um 2 Prozent verringerte. Besonders auffällig war dabei der stark anwachsende Anteil der Selbstständigen bei deutlich langsamerer Entwicklung der abhängig Beschäftigten.[20] Als Resümee ist festzuhalten, dass die Kulturwirtschaft aufgrund ihrer (allerdings nicht durchgängig belegbaren) Wachstumsdynamik gegenüber der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung herausgehoben ist. Sucht man hierfür nachfrageseitige Begründungen, so dürften unter anderem Einkommensanstiege, höheres Bildungsniveau und zunehmende Freizeit eine Rolle gespielt haben - Faktoren also, deren fortdauernder Einfluss nicht automatisch unterstellt werden darf.

Zur Unternehmensgröße

Ein weiterer Befund betrifft die Größe bzw. die Bedeutung der Unternehmer der Kulturwirtschaft. Generell gilt, dass die Umsätze in der Kulturwirtschaft je Steuerpflichtigen (Unternehmen und Selbstständigen) deutlich geringer ausfallen als für den Durchschnitt der Gesamtwirtschaft.[21] Dies gilt für die Kulturwirtschaft insgesamt. In einzelnen Teilmärkten und Bundesländern zählen durchaus umsatzstarke Einzelunternehmen zur Kulturwirtschaft. Man denke etwa an die Bertelsmann AG oder an andere große Unternehmen der Kulturwirtschaft (speziell wenn eine weite Definition betrachtet wird).[22] Aber auch ohne spektakuläre national und international bedeutsame Namen gibt es umsatzstarke Einzelunternehmen: In Niedersachsen, also einem Bundesland, das vergleichsweise unterdurchschnittlich auf die Kulturwirtschaft spezialisiert ist, sind es immerhin fünf der 100 umsatzstärksten Unternehmen, die zur Kulturwirtschaft zählen.[23] Auch für die Beschäftigtengrößenklassen zeigt sich, dass Kulturwirtschaftsunternehmen eher kleiner sind als die Unternehmen im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt: Bis zur Klasse von neun Beschäftigten ist ihr Anteil überproportional, ab zehn Beschäftigten und noch deutlicher in höheren Beschäftigtengrößenklassen ist ihr Anteil geringer.[24]

Zusammenfassend gilt somit, dass Unternehmen der Kulturwirtschaft im Allgemeinen umsatzschwächer und gemessen an der Beschäftigung kleiner sind als Unternehmen im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Allerdings bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel.

Zur Beschäftigungssituation

Zur Beschäftigungssituation in der Kulturwirtschaft sind einige Ergänzungen erforderlich. Auf den umfassenderen Begriff der Erwerbstätigkeit gegenüber der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung wurde bereits hingewiesen. Der Arbeitsmarkt in der Kulturwirtschaft ist jedoch vielfältiger: In der Kulturwirtschaft haben andere Formen als das (bisher) klassische Vollzeit-Dauerarbeitsverhältnis eine stärkere Bedeutung. Hierunter fallen insbesondere Selbstständige, mithelfende Familienangehörige, die freie Mitarbeit, projektbezogene Arbeit, Praktika und Volontariate. Ebenso sind die Qualifikationsanforderungen und -möglichkeiten für den engeren Kern kulturwirtschaftlicher Tätigkeiten, die auf Kreativität und künstlerischem Talent basieren, häufig anders geartet, als sie dem Angebot betrieblicher und universitärer Ausbildungsgänge entsprechen. Dies kann Chance und Risiko zugleich sein.

Auch im Hinblick auf die Einbindung von Unternehmen und Personen in die Wertschöpfungskette ergeben sich insofern Modifikationen gegenüber klassischen Produktions- und Dienstleistungsbereichen, als vielfach temporäre, projektbezogene Zusammenarbeit für einen Auftrag die typische Art der Leistungserstellung ist. Die genannten Besonderheiten werden in der wissenschaftlichen Diskussion zu der These verdichtet, dass der Kulturwirtschaft insofern eine gewisse Vorreiterrolle zukomme, als dort bereits heute Strukturen und institutionelle Formen der Produktion und Vermarktung bestehen, die sich künftig auch in anderen Teilen gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Organisationsformen wiederfinden könnten.[25]

Fußnoten

14.
Die Bruttowertschöpfung erfasst den Wert der in einem Jahr erzeugten Güter und Dienstleistungen abzüglich bezogener Vorleistungen. Ergänzt um Nettogütersteuern ergibt sich das Bruttoinlandsprodukt, das annähernd gleich groß ist.
15.
Vgl. M. Söndermann (Anm. 13), S. 14.
16.
Vgl. Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft NRW (Bearbtg.), Dynamik der Kulturwirtschaft in Nordrhein-Westfalen im Vergleich, 1. Kulturwirtschaftsbericht 1991/92, Bonn 1992, S. 7.
17.
Arbeitsgemeinschaft Kulturwirtschaft NRW (Bearbtg.), 4. Kulturwirtschaftsbericht. Kulturwirtschaft im Netz der Branchen, Dortmund-Witten-Bonn, 2001, S. 11.
18.
Vgl. Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung/Hessisches Ministerium für Wissenschaft und Kunst (Hrsg.), Kultursponsoring und Mäzenatentum in Hessen, 2. Hessischer Kulturwirtschaftsbericht, Wiesbaden 2005, S. 147.
19.
Vgl. M. Söndermann (Anm. 13), S. 16.
20.
Vgl. M. Söndermann (Anm. 5).
21.
Für 2003 betrug der durchschnittliche steuerbare Umsatz je Steuerpflichtigen in Deutschland über alle Wirtschaftszweige 1,46 Millionen Euro, für die Kulturwirtschaft in Abgrenzung des niedersächsischen Berichtes dagegen 0,68 Millionen Euro.
22.
Zusätzlich ergibt sich hier das Problem der Zuordnung der einzelnen Aktivitäten zum Literatur-, TV- und Musikmarkt.
23.
Vgl. Rainer Ertel/Friedrich Gnad, Kulturwirtschaft in Niedersachsen, Gutachten im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Technologie und Verkehr, Hannover, Januar 2002, S. 19.
24.
Vgl. 1. Hessischer Kulturwirtschaftsbericht (Anm. 8), S. 161.
25.
Vgl. Ivo Mossig, Die Branchen der Kulturökonomie als Untersuchungsgegenstand der Wirtschaftsgeographie, in: Zeitschrift für Wirtschaftsgeographie, 49 (2005), S. 109.