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19.7.2006 | Von:
Heiner Meulemann

Religiosität: Immer noch die Persistenz eines Sonderfalls

Kirchliche Zugehörigkeit

Die Kirchenzugehörigkeit wird in Deutschland üblicherweise als Mitgliedschaft erhoben. Um die Persistenzhypothese prüfen zu können, wurde deshalb in der deutschen Stichprobe des ESS zusätzlich gefragt: "Welcher Kirche oder Religionsgemeinschaft gehören sie an?" Nach dieser Mitgliedschaftsfrage waren 2004 19 Prozent der Westdeutschen und 70 Prozent der Ostdeutschen (2002: 19 und 69) konfessionslos. Diese Zahlen schließen nahtlos an Erhebungen zwischen 1991 und 2000 an, in denen der Anteil der Konfessionslosen ohne Trend in Westdeutschland zwischen 11 und 15 Prozent, in Ostdeutschland zwischen 65 und 71 Prozent schwankt.[4] Die Zahl der Konfessionslosen in Ostdeutschland geht also nicht zurück, und die Differenz beträgt rund 50 Prozentpunkte. Die Persistenzhypothese wird bestätigt.

Um die Sonderfallhypothese zu prüfen, muss die Selbstzuordnungsfrage herangezogen werden, die allein den Vergleich mit den europäischen Ländern erlaubt und deren Ergebnisse in Abbildung 1 (siehe PDF-Version) für alle westlichen und alle östlichen Länder in der Folge der oben genannten Kürzel dargestellt sind. In Westdeutschland ordnen sich 69 Prozent, in Ostdeutschland 27 Prozent einer Kirche zu, also um 42 Prozentpunkte mehr. Das ist in der ersten Zeile der Tabelle 1 (siehe PDF-Version) noch einmal dargestellt. Die Vergleiche dieser innerdeutschen Differenz mit den verschiedenen innereuropäischen Differenzen, die für die vier Prüfungen der Sonderfallhypothese notwendig sind, sind in den vier folgenden Zeilen der Tabelle 1 dargestellt.

In den westeuropäischen Ländern ordnen sich 64, in den osteuropäischen Ländern 48 Prozent einer Kirche zu - also um 16 Prozentpunkte mehr. Lässt man Polen außer Betracht, so sinkt der osteuropäische Durchschnitt auf 33 Prozent, und der westeuropäische Vorsprung steigt auf 31 Prozentpunkte. Vergleicht man konfessionell gemischte und protestantische Länder, so ordnen sich in Westeuropa 61 und in Osteuropa 23 Prozent einer Kirche zu - also um 38 Prozentpunkte mehr. Im ersten Vergleich ist der westdeutsche Vorsprung also um 26, im zweiten Vergleich um 11 Prozentpunkte und im dritten Vergleich um 4 Prozentpunkte größer als der westeuropäische. Die Sonderfallhypothese wird in der globalen, der verschärften und der kontrollierten Prüfung, also in allen zeitgeschichtlichen Prüfungen bestätigt. Da der religionsgeschichtliche Vergleich sich nur noch auf westeuropäische Länder bezieht, ist das Mittel katholischer (69 Prozent) und protestantischer westeuropäischer Länder (48 Prozent) in dieser und allen folgenden Tabellen durch einen dicken Strich abgesetzt (siehe PDF-Version). Auch im religionsgeschichtlichen Vergleich wird die Sonderfallhypothese bestätigt: Die erzwungene Säkularisierung hat in Deutschland um 21 Prozentpunkte stärker gewirkt als die konfessionelle Teilung in Westeuropa.

Die globale und die verschärfte Prüfung der Sonderfallhypothese konnten auch im ESS 2002 durchgeführt werden. Im Jahre 2002 ordneten sich in Westdeutschland 70, in Ostdeutschland 30 Prozent einer Kirche zu - also um 40 Prozentpunkte mehr. Diese innerdeutsche Differenz übertrifft die innereuropäischen Differenzen 2002 in der globalen Prüfung um 34 und der verschärften um 16 Prozentpunkte. Die innerdeutsche Kluft übertrifft die innereuropäische im Jahre 2004 also etwas stärker als im Jahre 2002. Aber das ergibt sich daraus, dass 2002 mit Estland ein besonders kirchenfernes Land nicht erhoben wurde, so dass der Vergleichsmaßstab der innereuropäischen Kluft 2002 günstiger war. Führt man die globale und verschärfte Prüfung der Sonderfallhypothese auch 2004 ohne Estland durch, so haben die Differenzen der Prozentpunkte genau den gleichen Betrag wie 2002. Auch die religionsgeschichtliche Prüfung der Sonderfallhypothese wurde 2002 mit den gleichen Ländern durchgeführt wie 2004. Die innerdeutsche Kluft übertrifft die innerwesteuropäische 2002 um 15 Prozentpunkte, also fast so deutlich wie 2004.

Welche der drei zu beiden Zeitpunkten möglichen Prüfungen man also auch betrachtet, am Sonderfall Deutschland hat sich zwischen 2002 und 2004 nichts geändert: Die Entkirchlichung ist in Ostdeutschland stärker als in Osteuropa, und die jüngste politische Repression hat mehr Spuren hinterlassen als die Säkularisierung und die Nationenbildung.

Fußnoten

4.
Diese wie alle folgenden Angaben zur Persistenz stammen aus H. Meulemann (Anm. 1), S. 117 - 118 und G. Pickel (Anm. 3), S. 255 - 258.