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Historische Wurzeln der politischen Kultur Rumäniens


29.6.2006
Die periphere Lage Rumäniens hat kulturelle Eigenheiten begründet: Rückzug auf sich selbst bei Öffnung für ausländische Vorbilder; Identifikation mit der Nation; Tendenz zum politischen Autoritarismus.

Einleitung



Aus westlicher Sicht birgt Rumänien so manche Überraschung. Zweifellos ist es ein Teil Europas, doch von einem einheitlichen Europa kann keine Rede sein, und voneiner gemeinsamen Geschichte noch weniger. Verglichen mit den westeuropäischen Ländern ist Rumänien Teil eines anderen Europas.




Der Osten und der Westen des Kontinents erlebten unterschiedliche, ja gegensätzliche Entwicklungen. Historisch gesehen verläuft die offensichtlichste Trennlinie zwischen dem katholischen bzw. protestantischen Abendland und dem orthodoxen Morgenland. Der Westen Europas hat eine stufenweise kulturelle und politische Auffächerung sowie eine nachdrückliche ökonomische Entwicklung erfahren, die in eine technologische und demokratische Zivilisation mündeten. Dagegen war der Osten durch eine Tendenz zum politischen Autoritarismus gekennzeichnet (man denke etwa an das byzantinische und später das moskowitische Modell); dieser wurde von der orthodoxen Kirche geduldet, die es gewohnt war, vor der politischen Macht in den Hintergrund zu treten. Die sozioökonomische Entwicklung verlief ausgesprochen langsam: Bis vor kurzem waren die osteuropäischen Länder vor allem von einer ländlichen Struktur und von patriarchalischen wie paternalistischen Denkweisen geprägt.

Diese gegensätzlichen Modelle treffen in Zentraleuropa aufeinander und werden dort zusammengeführt. So ist Zentraleuropa mit dem Westen durch kulturelle und institutionelle Merkmale wie den katholischen und protestantischen Glauben oder den römischen Wurzeln der Zivilisation ebenso verbunden wie mit dem Osten (Polen und Ungarn im Mittelalter, der Donaumonarchie bzw. der K.u.K.-Monarchie in moderner Zeit) durch seine relativ konservativen sozialen und ökonomischen Strukturen.

Der Entwicklungsrückstand der östlichen Hälfte des Kontinents wurde durch eine lange Phase politischer Instabilität verstärkt. Hier kam es noch zu Eroberungen, als der westliche Teil Europas bereits eine gewisse Stabilität gefunden hatte und einzig von inneren Auseinandersetzungen heimgesucht war: So wären beispielsweise die Eroberung Russlands durch die Mongolen im 13. Jahrhundert oder die Expansion des Osmanischen Reiches nach Südosteuropa und bis ins Zentrum des Kontinents seit dem 14. Jahrhundert zu nennen. In der Moderne war fast das ganze östliche und zentrale Europa unter drei Großmächten aufgeteilt: dem Osmanischen Reich, dem Zarenreich und der österreichischen Monarchie.

Diese bewegte Geschichte und die vielfältigen Eroberungen sind der Grund für eine besonders intensive Völkervermischung, die durch Umsiedlungen noch verstärkt wurde. (Diese hatten zum Ziel, gering bevölkerte und bewirtschaftete Gegenden zu erschließen; so erstreckte sich etwa ein regelrechter deutscher "Archipel" von Zentraleuropa bis an die Ufer der Wolga.) Das Völkergemisch brachte immense Schwierigkeiten mit sich, als man sich im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts daran machte, auf den Ruinen der einstigen Reiche Nationalstaaten nach westlichem Vorbild zu schaffen. Einige Länder der Region (die Tschechoslowakei, Polen und Jugoslawien), die aus einer nationalen Ideologie heraus geschaffen wurden, waren in ethnischer, religiöser und kulturellerHinsicht ebenso zusammengewürfelt wiedie Kaiserreiche vor ihnen. Schließlichhat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges der Kommunismus die Länder Ost-und Zentraleuropas zusätzlich geprägt und die Unterschiede zu den westlichen Ländern verstärkt.