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22.6.2006 | Von:
Michael Fertig
Marcus Tamm

Kinderarmut in reichen Ländern

In den OECD-Staaten variiert der Anteil an Kindern, die in relativer Armut leben, zwischen rund 3 und 25 Prozent. Der Beitrag analysiert den Einfluss potenzieller Determinanten von Kinderarmut.

Einleitung

Kinderarmut gibt es nicht nur in armen Ländern, auch in den wirtschaftlich am weitesten entwickelten Staaten ist diese noch immer in nennenswertem Umfang zu finden. Ungeachtet des mehrere Jahrzehnte beinahe stetigen Wirtschaftswachstums und des steigenden Pro-Kopf-Einkommens leben in diesen Ländern heute noch mehrere Millionen Kinder in prekären Einkommensverhältnissen.

Hierbei sollte weniger die Tatsache, dass es arme Kinder gibt, Anlass zur Sorge bereiten. Denn die vorherrschende Definition von Armut als relativer Armut verhindert per definitionem das vollständige Verschwinden von Kinderarmut. Anlass zur Sorge bereitet vielmehr der zum Teil erhebliche Anstieg der Kinderarmut.

Häufig ist ein Heranwachsen in Armut mit gesundheitlichen Problemen, Lernschwierigkeiten, niedrigeren Schulabschlüssen, einer höheren Wahrscheinlichkeit delinquenten Verhaltens oder mit späterer Arbeitslosigkeit verbunden. Im schlimmsten Falle kann sich dies zu einer sich selbst verstärkenden Spirale der Armut über mehrere Generationen entwickeln.[1] Die Aufrechterhaltung des derzeitigen Wohlstandsniveaus bzw. von dessen Dynamik setzt - gerade vor dem Hintergrund der zu erwartenden Konsequenzen des demographischen Wandels, also der zunehmenden Alterung der europäischen Gesellschaften - eine gute Ausbildung der jungen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer voraus. Zunehmende Kinderarmut kann daher mit erheblichen negativen Langzeitfolgen für die Gesellschaft als Ganze verbunden sein.

Während die Untersuchung der Kinderarmut in einzelnen Ländern vor allem Aufschluss über besonders stark von Armut betroffene Gruppen liefern kann,[2] ermöglichen Vergleiche über mehrere Länder hinweg, Hinweise für die Ursachen von Kinderarmut zu finden. Mit diesem Beitrag wird daher das Ziel verfolgt, einen Überblick über die jüngste Entwicklung der Kinderarmut in den OECD-Staaten zu geben sowie erste empirische Erklärungsversuche anzubieten. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei familienbezogenen Transferleistungen, deren Einfluss auf Unterschiede in der Kinderarmut im Ländervergleich untersucht wird.

Hierzu werden zunächst einige stilisierte Fakten zur Kinderarmut im Ländervergleich präsentiert, zusammen mit der Entwicklung familienbezogener Sozialausgaben, mit sozio-demografischen Trends und der Arbeitsmarktsituation. Anschließend werden diese in einem einfachen Regressionsmodell empirisch analysiert, um den jeweiligen relativen Erklärungsbeitrag dieser potenziellen Determinanten der Entwicklung der Kinderarmut zu ermitteln. Abschließend werden diese Befunde zusammengefasst und Schlussfolgerungen angeboten.

Fußnoten

1.
Vgl. z.B. Miles Corak (Hrsg.), Generational Income Mobility in North America and Europe, Cambridge 2004.
2.
Für Deutschland vgl. z.B. Miles Corak/Michael Fertig/Marcus Tamm, A Portrait of Child Poverty in Germany. RWI Discussion Papers No. 26, RWI Essen 2005.