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22.6.2006 | Von:
Michael Fertig
Marcus Tamm

Kinderarmut in reichen Ländern

Kinderarmut in den OECD-Staaten

In den OECD-Staaten variiert der Anteil an armen Kindern, das heißt der Personen unter 18 Jahren, die in Haushalten mit weniger als der Hälfte des Medianeinkommens leben,[3] zwischen rund 3 und mehr als 25 Prozent.[4] In der Mehrheit der Länder beträgt dieser Anteil mehr als 10 Prozent (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version).

Die niedrigsten Raten der Kinderarmut innerhalb der OECD weisen die skandinavischen Länder auf, während die USA und Mexiko die Schlusslichter darstellen. Deutschland befindet sich hier im Mittelfeld. In den letzten zehn Jahren ist die Rate der Kinderarmut in 17 von 24 OECD-Staaten zum Teil deutlich gestiegen. Im Durchschnitt fiel dieser Anstieg jedoch geringer als in Deutschland aus.

Abbildung 2 der PDF-Version verdeutlicht den armutsverringernden Einfluss des staatlichen Umverteilungssystems. Die hellen Balken zeigen die Kinderarmutsrate basierend auf dem Haushaltseinkommen vor Steuern und Sozialtransfers, während die dunklen Balken die Kinderarmutsraten basierend auf dem Haushaltseinkommen nach dem staatlichen Eingreifen wiedergeben. Im Durchschnitt aller Länder reduziert das staatliche Eingreifen durch Steuern und Transferleistungen die "marktbedingte" Kinderarmutsrate um rund 40 Prozent.

Auch in diesem Zusammenhang sind deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen OECD-Staaten erkennbar. Während staatliche Interventionen in Dänemark dafür sorgen, dass die tatsächliche Kinderarmut nur rund ein Fünftel der "marktbedingten" beträgt, sind in Mexiko, den Niederlanden, Portugal, der Schweiz und auch den USA kaum Unterschiede zwischen beiden Raten der Kinderarmut erkennbar. Deutschland liegt auch hier im Länderdurchschnitt. Miles Corak, Michael Fertig und Markus Tamm jedoch zeigen, dass der armutslindernde Einfluss des Steuer- und Transfersystems in Deutschland im Zeitablauf gesunken ist.[5]

Abbildung 3 der PDF-Version veranschaulicht die Entwicklung der Ausgaben für familienbezogene Transferleistungen relativ zum Bruttoinlandsprodukt für ausgewählte OECD-Staaten. Hieraus wird ersichtlich, dass diese Ausgaben in den skandinavischen Ländern vergleichsweise hoch sind und deutlich über dem Durchschnitt der OECD-Staaten liegen. Im Gegensatz hierzu sind Familientransfers in den USA und Mexiko sehr niedrig. Die Ausgaben für solche Sozialleistungen hängen also offenbar am oberen und unteren Ende der Verteilungen der Kinderarmutsraten stark mit der Höhe der Kinderarmut zusammen. Allerdings wird auch ersichtlich, dass Großbritannien relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) etwas mehr Geld für familienbezogene Transferleistungen ausgibt als Deutschland, dabei allerdings eine um etwa 50 Prozent höhere Kinderarmutsrate aufweist.

Zeitgleich mit dieser Entwicklung der familienbezogenen Sozialausgaben lassen sich auch einige sozio-demographische Trends beobachten, die ebenfalls zur Erklärung der Entwicklung der Kinderarmutsraten beitragen können. So ist beispielsweise im Laufe der neunziger Jahre der Anteil an Kindern in Haushalten von Alleinerziehenden im Länderdurchschnitt um knapp einen Prozentpunkt auf 12 Prozent gestiegen. Darüber hinaus lässt sich für die durchschnittliche Familiengröße eine moderate Zunahme beobachten. Ferner führte der demographische Wandel zu einer leichten Alterung der Gesellschaften, die sich in einem niedrigeren Jugend- und einem höheren Altenquotienten niederschlägt. Die Arbeitsmarktsituation in den OECD-Staaten hat sich demgegenüber im Durchschnitt etwas verbessert. Im Durchschnitt der OECD-Länder waren zu Beginn der neunziger Jahre noch rund 10 Prozent aller Personen im erwerbsfähigen Alter arbeitslos. Ende der neunziger Jahre bzw. zu Beginn des neuen Jahrtausends betrug die durchschnittliche Arbeitslosenquote dann nur noch 7,5 Prozent.

Im nächsten Abschnitt wird nun empirisch der Frage nachgegangen, welchen Einfluss familienbezogene Transferleistungen auf die Kinderarmut im Ländervergleich haben. Gleichzeitig wird untersucht, inwieweit sozio-demographische Trends und die jeweilige Arbeitsmarktsituation zur Erklärung der Unterschiede in den Kinderarmutsraten über die OECD-Staaten hinweg beitragen können.

Fußnoten

3.
Dies ist eine der am häufigsten verwendeten Definitionen für relative Armut.
4.
Vgl. hierzu sowie zu allen weiteren Daten zur Kinderarmut UNICEF, Child Poverty in Rich Countries, Innocenti Report Card No. 6, UNICEF Innocenti Research Center, Florence 2005.
5.
Vgl. M. Corak u. a. (Anm. 2).