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22.6.2006 | Von:
Carolin Reißlandt
Gerd Nollmann

Kinderarmut im Stadtteil: Intervention und Prävention

Forschung zu Risiko- oder Schutzfaktoren

Kindliche Armut hängt neben individuellen und familialen auch von kontextuellen bzw. sozialräumlichen Risiko- und Schutzfaktoren ab.[10] Deren Stärke, ihr Verhältnis zueinander und ihr Zusammenspiel bestimmen im Einzelfall, ob sich Armut bei Kindern und Jugendlichen negativ auswirkt oder trotz Belastungen ein Aufwachsen im Wohlbefinden möglich ist.

Lange konzentrierte sich die Aufmerksamkeit der Armutsforschung auf die Frage, ob, wie und in welchem Ausmaß belastende Lebensbedingungen (Risikofaktoren) eine normale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigen. So gelten beispielsweise ein geringer Bildungs- und Berufsstatus der Eltern, deren Trennung/Scheidung sowie ein Aufwachsen in "Multiproblemfamilien" als Risikofaktoren.[11] Des Weiteren war man bestrebt, die (Teil-)Populationen der nachwachsenden Generationen zu identifizieren, die von diesen Risikofaktoren belastet und insofern (potenziell) in ihrer Entwicklung gefährdet sind (Risikopopulation). Dies trifft insbesondere für Kinder erwerbsloser Eltern, aus Alleinerziehenden- und Migrantenfamilien[12] sowie aus kinderreichen Haushalten zu.

In Bezug auf Armut moderierende Wirkungen von Sozialräumen gilt, dass strukturell benachteiligte Lebensräume Armutsfolgen bei Kindern einerseits verstärken können. Andererseits können kinder- und familienfreundliche Lebensraum- und Wohnbedingungen sich auch als entwicklungsförderlich erweisen, etwa dann, wenn eine gute familienbezogene Infrastruktur und (kostengünstige) Kinderfreizeitangebote erreichbar sind.[13] Als besonders einflussreiche kontextuelle Risikofaktoren werden beengte Wohnverhältnisse und - mit Blick auf familien- und kindbezogene soziale Dienste vor Ort - eine lückenhafte gesellschaftliche und institutionelle Infrastruktur gewertet. Schließlich trägt das Wohnumfeld, in dem Kinder und Jugendliche aufwachsen, zur kindlichen Sozialisation bei. Andrea Breitfuss und Jens Dangschat sehen Bewältigungsstrategien von Kindern in Armutsgebieten deshalb als Risikofaktoren im Sinn einer Gratwanderung, die über ein Gelingen von Sozialisations- und Individuationsprozessen entscheiden.[14]

Den in der Kindheitsforschung seit längerem verbreiteten Paradigmenwechsel von einer Defizit- hin zu einer Ressourcenorientierung vollziehend, sind auch innerhalb der Kinderarmutsforschung die Schutzfaktoren allmählich in den Blickpunkt gerückt. Sie werden auch als "protektive Faktoren" und "Bewältigungspotenziale" bezeichnet und sind von der so genannten Resilienzforschung untersucht worden. Diese erforscht Schutzfaktoren und Bewältigungsstrategien, die Kinder trotz ausgeprägter Risikokonstellationen zu einer gesunden, altersadäquaten Entwicklung im Wohlbefinden befähigen. Als wichtige Resilienzfaktoren im frühen Kindesalter gelten beispielsweise eine gute Eltern-Kind-Beziehung, soziale Kompetenzen, Kontakte und ein aktives Problembewältigungsverhalten von Kindern und Eltern sowie gemeinsame familiäre Freizeitaktivitäten.

Fußnoten

10.
Vgl. Gerda Holz, Kinderarmut in benachteiligten Stadtteilen, in: Difu-Projektgruppe, Bundestransferstelle Soziale Stadt, Soziale Stadt, Info Nr. 15/2004, S. 9. Anmerkung der Redaktion: Siehe auch den Beitrag von G. Holz in dieser Ausgabe.
11.
Vgl. ebd.
12.
Vgl. dazu Ursula Boos-Nünning, Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund: Armut und soziale Deprivation, in: Margherita Zander (Hrsg.), Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und soziale Praxis, Wiesbaden 2005, S. 161 - 180.
13.
Vgl. G. Holz (Anm. 10), S. 9.
14.
Vgl. Andrea Breitfuss/Jens S. Dangschat, Sozialräumliche Aspekte von Armut im Jugendalter, in: A. Klocke/K. Hurrelmann (Anm. 1), S. 127ff.