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22.6.2006 | Von:
Carolin Reißlandt
Gerd Nollmann

Kinderarmut im Stadtteil: Intervention und Prävention

Förderprogramme, Soziale Dienste und Projekte in benachteiligten Quartieren

Als Reaktion auf fortschreitende sozialräumliche Spaltungen infolge des wirtschaftlichen und sozialen Strukturwandels wurden in den neunziger Jahren viele Stadtteile als benachteiligte und besonders zu fördernde Sozialräume ausgewiesen.[15] Seither sind sie zum Ziel sozialpolitischer Interventionsstrategien von Bund und Ländern geworden; beispielhaft genannt seien das Bund-Länder-Programm "Soziale Stadt" sowie dessen Teilprogramm "Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten". Ersteres zielt unter anderem darauf, "die Abkoppelung benachteiligter Stadtteile von der Entwicklung der übrigen Stadt zu beenden, die Wohn- und Lebensverhältnisse zu verbessern und der Polarisierung der Stadtentwicklung entgegenzuwirken".[16] Das Ziel des Letzteren ist es, über die im Rahmen des Kinder- und Jugendplans des Bundes geförderte Infrastruktur der Kinder- und Jugendhilfe Ressourcen für benachteiligte Sozialräume zu mobilisieren und die Strukturen der Arbeit vor Ort weiter zu entwickeln. Im Kontext dieser Programme konnten durch Synergieeffekte von bestehenden Diensten und durch zusätzliche Fördermittel eine Reihe von Projekten, Initiativen und Netzwerken in den Stadtteilen etabliert werden.

Neben reguläre Kinder-, Jugend- und Familienhilfemaßnahmen, die als soziale Dienste auf kommunaler und Stadtbezirksebene flächendeckend angeboten werden, treten allmählich punktuelle Angebote, die spezifisch für Familien und Kinder entwickelt werden. Sie reichen von Modellprojekten zur Bewältigung von Kinderarmut bis zu Verbesserungsmaßnahmen der sozialen Infrastruktur, von Vernetzungsaktivitäten sozialer Akteure bis hin zu einer sozialräumlichen Neuausrichtung der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Auch gemeinwesenorientierte Instrumente Sozialer Arbeit - wie das auf die Stärkung der Selbsthilfe- und Teilhabepotenziale von Bewohnern setzende Quartiersmanagement - werden in benachteiligten Stadtteilen vermehrt eingesetzt.

Um die Vielfalt von Maßnahmen gegen Kinderarmut im Sozialraum zu systematisieren, könnte man analytisch auf der strukturellen Ebene des Gemeinwesens angesiedelte Ansätze und solche auf der sozialen Interaktionsebene von Fachkräften (Erziehern, Lehrern, Sozialarbeitern) mit Familien und Kindern unterscheiden. Projekte und Initiativen der strukturellen Ebene versuchen beispielsweise, Angebote der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe sozialräumlich neu auszurichten, deren Akteure vor Ort zu vernetzen oder eine politische Positionierung - etwa im Leitbild von Gemeinden zu (Kinder-)Armut als Querschnittsthema der kommunalen Stadtentwicklung - zu etablieren. Auch gezielte Infrastrukturmaßnahmen und armutspräventive Hilfsangebote gehören dazu.

Auf der sozialen Interaktionsebene ist das Spektrum von Aktivitäten noch größer. Sie sind einmal nach Zielgruppen unterscheidbar. Zum anderen lassen sich verschiedene Handlungsfelder identifizieren, die jeweils im Zentrum stehen. So nennt eine in katholischen Kindertagesstätten durchgeführte Erhebung Bildungs- und Sprachförderung, Beratung, Sensibilisierung, konkrete Unterstützung sowie "Kultur" als sechs Schwerpunkte von Projekten, die jeweils unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten bieten.[17] Darüber hinaus gibt es Angebote für Kinder und Eltern in der Gesundheits- und Ernährungsförderung, in der Hauswirtschafts- und Familienbildung (etwa zu Erziehungsfragen) und in außerschulischen Freizeitaktivitäten.

Da in der Praxis regelmäßig beide Handlungsebenen berücksichtigt werden, wird im Folgenden eine andere Kategorisierung von Ansätzen verfolgt. Demnach werden soziale Projekte und Initiativen danach eingeordnet, ob sie eher reaktive oder aber präventive Aspekte betonen. Tendenziell zeichnet sich eine Ergänzung der klassischen Interventionsmaßnahmen um Präventionsansätze zur Kinderarmut ab, die aus Mitteln von Sonderprogrammen finanziert werden und die Vernetzung von Akteuren in benachteiligten Stadtteilen fördern.

Fußnoten

15.
Vgl. F. Bertsch/M.-B. Piorkowsky (Anm. 6), S. 32.
16.
Vgl. Hartmut Häußermann, Umbauen und Integrieren - Stadtpolitik heute, in: APuZ, (2005) 3, S. 6.
17.
Vgl. Diözesan-Caritas Verband für das Erzbistum Köln e.V. (Hrsg.), Arme Kinder in Tageseinrichtungen für Kinder. Kompakt Spezial, April 2005, S. 23.