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22.6.2006 | Von:
Carolin Reißlandt
Gerd Nollmann

Kinderarmut im Stadtteil: Intervention und Prävention

Prävention von Kinderarmut in benachteiligten Stadtteilen

Präventiven Angeboten wird seit geraumer Zeit eine gestiegene Bedeutung beigemessen. So legte die Bundesregierung im Kontext des nationalen Aktionsplanes zur Bekämpfung von Armut und Ausgrenzung ein familienpolitisches Armutspräventionsprogramm auf.[24] Mit der gewachsenen Armutsgefährdung hat sich, initiiert durch die eingangs genannten Förderprogramme von Bund und Ländern, in den betroffenen Stadtteilen ein breites Spektrum präventionsorientierter Projekte und Netzwerke entwickelt. Sie behandeln Themen wie Gesundheitsförderung,[25] Stadtteilkultur oder (Jugend-)Beschäftigungsförderung. Manche Modellprojekte unterstützen vorbeugend kindliche Bewältigungspotenziale.[26]

In Fachwissenschaft und Praxis ist man sich darüber einig, dass präventive Hilfen so früh wie möglich, also bei Kindern spätestens im Kindergartenalter und bei Müttern idealerweise während der Geburtsvorbereitung, einsetzen sollten. Insbesondere Klein- und Kindergartenkinder und ihre Mütter sind als Zielgruppe präventiver Projekte deshalb in den Fokus gerückt. Wenngleich das Problembewusstsein etwa unter Erzieherinnen in Kindertagesstätten enorm gestiegen ist, sind präventive Hilfen im Umfeld gefährdeter Familienhaushalte relativ selten anzutreffen.

Seit einigen Jahren werden so genannte soziale Frühwarnsysteme als Instrumente einer präventionsorientierten Sozialpolitik empfohlen, die sich verdichtende Problemlagen inbenachteiligten Sozialräumen frühzeitig erkennen.[27] Neben Kindesvernachlässigung kann so auch Armutsfolgen bei Kindern und Jugendlichen begegnet werden.[28] Margaritha Zander und Bertold Dietz schlagen vor, Frühwarnsysteme danach zu differenzieren, ob sie auf der Makroebene einer Gesamtkommune, der Mesoebene wohnumfeldnaher, privater und institutioneller Sphären von Familien oder auf der Mikroebene angesiedelt sind, auf welcher die Familie als Netzwerk in den Blick genommen wird.[29] Gemeinsam ist verschiedenen Frühwarnsystemen, dass geeignete Sensoren (etwa Sozialraumanalysen, kommunale Sozialarbeit, Expertenbefragungen, Beratungsstellen) die Anzeichen von Fehlentwicklungen bereits im Entstehungsprozess erkennen und Institutionen darüber informieren.

Auch im Bereich präventiver Ansätze können Projekte entweder nach thematischen Schwerpunkten ihrer Zielsetzung (z.B. im Bereich Gesundheits- oder Bildungsförderung) oder danach klassifiziert werden, ob sie auf der sozialen Interaktionsebene primär an Kinder und Eltern oder auf der strukturellen Ebene an Fachkräfte bzw. Netzwerke sozialer Einrichtungen adressiert sind. Eine kindbezogene Armutsprävention hat die Sozialisationsbedingungen in den Blick zu nehmen; sie sollte "auf die Schaffung und Gestaltung von existenziellen Entwicklungsmöglichkeiten für die Kinder sowie auf die Stärkung des kindlichen Umfeldes, ganz besonders der Familie", zielen.[30] Insbesondere in präventionsorientierten Initiativen für Kleinst-, Klein- und Kindergartenkinder sind Eltern deshalb eine wichtige Zielgruppe. Elternberatung, Mütterkurse für Alleinerziehende, Familienbildungs- und Erziehungshilfemaßnahmen sollen die Erziehungs- und Wirtschaftskompetenzen von Eltern stärken, bevor das Wohlbefinden von Kindern langfristig beeinträchtigt wird. Der Stellenwert von Netzwerkarbeit ist in präventionsorientierten Einrichtungen hoch, weil diese eine Voraussetzung für die Früherkennung und ein Gegensteuern bilden. Dies sei anhand einiger ausgewählter Modellprojekte illustriert.

Modellprojekt Kids & Knete: Zielsetzung des im Bereich der hauswirtschaftlichen Bildung zu verortenden Aachener Modellprojekts einer Schuldnerberatung ist es, Kinder bereits im Vor- und Grundschulalter zu aufgeklärten Konsumenten zu erziehen, um einer Verschuldung im Jugendalter frühzeitig vorzubeugen.[31] Parallel zu einer überregionalen Multiplikatorenarbeit erstellte man dazu Unterrichtsmaterialien in Form eines Lehrer- sowie eines Schülerheftes, mit deren Hilfe auch Grundschulkinder aus benachteiligten Familien unter pädagogischer Anleitung kreative Zugänge zum Thema "Geld und Konsum" ausprobieren können. Die Hefte greifen Themen wie "Wünsche und Bedürfnisse", "Mein Taschengeld", "Der Geldkreislauf" oder "Die Werbung" auf.

Mo.Ki - Monheim für Kinder: "Mo.Ki." ist ein mehrfach ausgezeichnetes Modellprojekt in Monheim am Rhein und einem benachteiligten Stadtteil, dem Berliner Viertel. Um verschiedene Aktivitäten anzuregen, wurde in Trägerschaft des Jugendamtes eine Regiestelle eingerichtet, die als Seismograph für Veränderungen im Viertel dient und als Knotenpunkt die Netzwerk- und Projektarbeit vor Ort koordiniert. Die Regiestelle agiert sowohl auf strategischer Ebene mit kommunalpolitischen Gremien, Einrichtungsleitungen sowie Betroffenenvertretungen als auch auf operativer Ebene mit den vor Ort tätigen Fachkräften und Betroffenen; mittlerweile ist sie in das kommunale Regelangebot überführt worden.

Die zweite tragende Säule von Mo.Ki ist eine ausgereifte Vernetzung der kommunalen Akteure, die ausgehend von den trägerübergreifend vernetzten Kindertagesstätten im Berliner Viertel zur Entwicklung zahlreicher Angebote für armutsbedrohte Kinder und Familien beiträgt. Im Laufe der Projektarbeit wurde ein "Netzwerk Mo.Ki" etabliert, dem 50 lokale und regionale Institutionen von Kindertagesstätten, Schulen, Ämtern und freien Trägern sozialer Dienste bis hin zu einem Stadtteilbüro, der Volkshochschule und der örtlichen Frauenärztin angehören.

Kern des Projekts ist eine "Präventionskette", die verschiedene Bausteine für Kinder, Eltern und mit ihnen befasste Fachkräfte ab der Schwangerschaftsvorbereitung und dem frühen Kindesalter bereitstellt.[32] Zu den auch andernorts nutzbaren Bausteinen zählen beispielsweise das Sprach- und Lernförderungsmodul "Rucksack" für 4- bis 6-Jährige und ihre Mütter, das in Zusammenarbeit mit der regionalen Arbeitsstelle zur Förderung ausländischer Kinder angeboten wird, oder die Module "Lott Jonn" und "Gänseliesellauf", die der kindlichen Bewegungs- und Gesundheitsförderung dienen. Für Eltern bietet die Sozialpädagogische Familienhilfe in Kindertagesstätten eine niedrigschwellige Beratung an; außerdem werden Bausteine zu "Elternberatung und -information" und einem "Familienbildungsprogramm" zur Stärkung der elterlichen Erziehungskompetenz entwickelt sowie multikulturelle Mutter-Kind-Kochkurse angeboten. Den Fachkräften werden präventionsorientierte Qualifizierungsangebote gemacht, etwa zur Gesprächsführung bei Elterngesprächen oder einem Videotraining für pädagogische Fachkräfte.

Fußnoten

24.
Vgl. Strategien zur Stärkung der sozialen Integration. Nationaler Aktionsplan zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung 2003 - 2005, Aktualisierung 2004, S. 56; www.bmas.bund.de.
25.
Vgl. dazu die Projektdatenbank Gesundheit www.datenbank-gesundheitsprojekte.de.
26.
Zur Dokumentation sozialraumorientierter Projekte für Familien und Kinder vgl. Difu-Projektgruppe (Anm. 10).
27.
Vgl. auch zum Folgenden: Margherita Zander/Bertold Dietz, "Kommunale Familienpolitik". Expertise für die Enquetekommission "Zukunft der Städte in NRW" des Landtages von Nordrhein-Westfalen, Münster 2003, S. 77f.
28.
Praxisbeispiele dazu in Ministerium für Gesundheit, Soziales, Frauen und Familie NRW (Hrsg.), Soziale Frühwarnsysteme in NRW - Wertvolle Beispiele aus der Praxis, Düsseldorf 2003.
29.
Vgl. M. Zander/B. Dietz (Anm. 27), S. 77.
30.
Siehe G. Holz u.a. (Anm. 8), S. 24.
31.
Vgl. R. Divivier/D. Groß (Anm. 22), S. 257ff.
32.
Vgl. hierzu und zum Folgenden: G. Holz u.a. (Anm. 8), S. 63 u.115ff.