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22.6.2006 | Von:
Carolin Reißlandt
Gerd Nollmann

Kinderarmut im Stadtteil: Intervention und Prävention

Fazit

Länder- und Regionalvergleiche zeigen, dass eine wachsende Zahl armer Kinder durch die historische Koinzidenz von zwei Krisen verursacht wird: auf der einen Seite der Bedeutungsverlust des "Ernährerehemann"-Modells[33] des industriellen Zeitalters, im Zuge dessen sich Lebensformen pluralisieren; auf der anderen Seite der Übergang in eine postindustrielle, "globalisierte" Dienstleistungsgesellschaft. Beide Krisen verstärken sich wechselseitig. Niedrig entlohnte, zum Teil prekäre (Teilzeit-)Beschäftigung, etwa in den distributiven, personen- und haushaltsnahen Dienstleistungsgruppen, bilden ein wachsendes Segment des Arbeitsmarktes. Migrantenfamilien, (alleinerziehende) Frauen und kinderreiche Familien sind von diesen Krisen überdurchschnittlich betroffen. Weil immer mehr von ihnen konzentriert in benachteiligten städtischen Wohngebieten leben, ist das Armutsrisiko von Kindern und Jugendlichen dort erheblich gestiegen.

Vielleicht werden Beobachter in 50 Jahren sagen, dass diese Krisen ein Kohortenschicksal einer historischen Übergangsphase gewesen seien. Aber auch eine langfristige "US-Amerikanisierung" mit räumlich segregierten Wohngebieten einer "urban underclass" ist nicht auszuschließen. Ein Schlüssel zur Steuerung beider Krisen liegt in den Stadtteilen. Dort kann den Folgen relativer Armut präventiv begegnet werden.

Armut bedeutet für Kinder häufig nicht nur eine Einschränkung ihrer gegenwärtigen Handlungsspielräume, sondern auch eine Begrenzung ihrer zukünftigen Entwicklungschancen. Ein kinderunfreundlicher Sozialraum, in dem "Hartz-IV"Bezug zur lebensweltlichen Normalität geworden ist, kann eine pessimistische Lebenseinstellung und eine negative Einschätzung eigener Möglichkeiten verstärken. Der eigentliche Skandal der Kinderarmut liegt dann nicht mehr - wie im 19. Jahrhundert - in Hunger und ausufernder Kinderarbeit, sondern in der historischen Zufälligkeit dieses Kohortenschicksals. Diesem Risiko lässt sich mittels Intervention und Prävention wirksam begegnen. Allein dadurch wird Kinderarmut allerdings nicht aus der Welt zu schaffen sein. Ihre Vermeidung stellt zugleich eine politische Querschnittsaufgabe dar, die von Bund, Ländern und Kommunen gemeinsam in der Steuer-, Arbeitsmarkt-, Familien-, Sozial- und Bildungspolitik zu bewältigen ist.

Fußnoten

33.
Vgl. Ute Klammer, Soziale Sicherung, in: Hans-Böckler-Stiftung, WSI-Frauen Daten Report 2005, Düsseldorf 2005, S. 307ff.