APUZ Dossier Bild

14.6.2006 | Von:
Hermann Lotze-Campen

Wasserknappheit und Ernährungssicherung

Wasserknappheit und Nahrungsmittelproduktion

Wasser ist auf der Erde im Prinzip im Überfluss vorhanden. Allerdings steht weniger als ein Prozent des gesamten Wassers in Form von nutzbarem Süßwasser zur Verfügung. Und dieses ist zudem regional sehr ungleichmäßig verteilt. Der größere Teil der weltweiten Nahrungsmittelproduktion wird durch Regenfeldbau, also ausschließlich mit den verfügbaren Niederschlägen, erzeugt. Allerdings werden ca. 40 Prozent der gesamten pflanzlichen Agrarproduktion auf nur 16 Prozent der landwirtschaftlichen Ackerfläche unter Einsatz verschiedener Formen der künstlichen Bewässerung produziert. Bewässerungslandwirtschaft trägt zwei Drittel zur weltweiten Produktion von Reis und Weizen bei. Dies verdeutlicht, dass die Nahrungsproduktion in Regionen mit hohem Bewässerungsanteil (China, Süd- und Südostasien, Nordafrika) stark von der Wasserverfügbarkeit abhängig ist.[2]

Wassernachfrage außerhalb der Landwirtschaft

Im globalen Maßstab fließen ca. 70 Prozent des gesamten Süßwasserverbrauchs in die Landwirtschaft, während auf Industrie und private Haushalte nur ca. 20 bzw. 10 Prozent entfallen. Im Zuge von Bevölkerungswachstum und Wirtschaftsentwicklung wird sich in Zukunft aber auch der Wasserverbrauch in privaten Haushalten und der Industrie erhöhen. Vor allem die ärmsten Länder in Afrika und Südasien werden sowohl von einem starken Anstieg der Bevölkerungszahl als auch von anhaltender oder sogar zunehmender Trockenheit betroffen sein. Während in den reichen Ländern der industrielle Wasserverbrauch zum Teil stark gesenkt werden konnte, wird er in den Entwicklungsländern noch deutlich ansteigen. Dasselbe trifft für die privaten Haushalte zu. Während in den USA bereits eine Abkopplung des Wasserverbrauchs von der Einkommensentwicklung zu beobachten ist, wird der Wasserbedarf für Haushalte in den stark wachsenden Megastädten im Süden weiter ansteigen. Eine zusätzliche Nachfrage nach Wasser könnte sich auch im Energiesektor entwickeln, wenn in Zukunft nachwachsende Rohstoffe eine größere Rolle in der Energieversorgung spielen sollten. Weiterhin werden die Wasseransprüche zum Erhalt der Funktionstüchtigkeit von Ökosystemen (z.B. Feuchtgebiete, Flüsse) stärker artikuliert werden und in der Wasserallokation Berücksichtigung finden müssen, nicht zuletzt aus Gründen des Biodiversitätsschutzes. Aufgrund all dieser Faktoren wird sich die Konkurrenz um Wasser verschärfen: In den nächsten 25 Jahren muss die weltweite Nahrungsproduktion um ca. 40 Prozent erhöht werden, bei gleichzeitiger Senkung des landwirtschaftlichen Wasserverbrauchs um 10 bis 20 Prozent.[3]

Rosegrant u.a. haben anhand von drei Modellszenarien ermittelt, wie sich die geschilderte Konkurrenz um Wasser bis 2025 auf das Verhältnis zwischen Wasserverbrauch und erneuerbarer Wasserverfügbarkeit (Kritikalitätsindex bzw. "Criticality ratio") sowie die Nahrungsmittelpreise auf den Weltmärkten auswirken könnte (vgl. die Tabelle). Im "Business-as-usual"-Szenario (BAU) wird eine moderate Verbesserung des Wassermanagements und eine nur leichte Erhöhung der Investitionen in wassersparende Technologien angenommen. Daneben werden ein Krisenszenario (CRI) sowie ein nachhaltiges Szenario (SUS) bezüglich der weltweiten Anstrengungen für eine effizientere Wassernutzung untersucht.[4]

Vor allem der Mittlere Osten und Nordafrika sowie China und Indien sind bereits heute von Wasserknappheit betroffen, und diese Situation könnte sich in einem Krisenszenario noch erheblich verschlechtern. Die Weltmarktpreise für Weizen und Mais könnten sich unter ungünstigen Bedingungen verdoppeln, während sich Reis bis zu 40 Prozent verteuern könnte. Hohe Weltmarktpreise bieten zwar einerseits Anreizmechanismen zur Produktionssteigerung, vor allem auch für Kleinlandwirte in Entwicklungsländern. Allerdings kann die Ernährungssituation der Verbraucher in armen Nettoimportländern, und hier vor allem in den Städten, deutlich beeinträchtigt werden.

Wasserverfügbarkeit und Klimawandel

Die Wasserverfügbarkeit für die Nahrungsmittelerzeugung wird im Wesentlichen von den Niederschlägen bestimmt. Dabei kommt es nicht nur auf die gesamte Niederschlagsmenge in einer Wachstumsperiode an, sondern auch sehr stark auf die zeitliche Verteilung und Variabilität innerhalb der Wachstumsperiode und zu kritischen Zeitpunkten der Pflanzenentwicklung. Auch wenn zunehmend auf Grundwasser, Stauseen und fossile Wasservorkommen als Quellen für Bewässerungswasser zurückgegriffen wird, so wird die regionale landwirtschaftliche Erzeugung in vielen Regionen stark von den natürlichen Niederschlägen und der Bodenfeuchte beeinflusst. Der globale Klimawandel wird zu veränderten Niederschlagsverteilungen führen, deren Ausmaß für weite Teile der Welt noch mit starken Unsicherheiten behaftet ist. Es ist jedoch zu erwarten, dass sich die Wasserverfügbarkeit in den ariden Gebieten des Südens eher noch verschlechtern wird. Die veränderte Niederschlagsverteilung in wichtigen Agrarregionen wird einen deutlichen Einfluss auf die Weltagrarmärkte haben.[5]

Neben direkten Auswirkungen auf die Wasserverfügbarkeit beeinflussen steigende Temperaturen und steigende CO2-Konzentrationen auch wichtige pflanzliche Stoffwechselprozesse, die relevant für den Wasserhaushalt sind. So verringert sich im Allgemeinen bei erhöhtem CO2-Gehalt der Luft der spezifische Wasserverbrauch der Pflanze pro Einheit erzeugter Kohlenhydrate. Allerdings ist zu erwarten, dass der Klimawandel auch zu veränderter Bodenfruchtbarkeit, Bodenerosion, verstärktem Druck von Pflanzenkrankheiten sowie einer Häufung von klimatischen Extremereignissen wie tropische Stürme, Überschwemmungen und Dürreperioden führen wird. Mögliche Beeinträchtigungen der Produktqualität, z.B. Gehalt an Inhaltsstoffen, und negative Auswirkungen von höheren Temperaturen auf die Tierproduktion sind weitere wichtige Aspekte.

Gerade die Wechselwirkungen zwischen diesen sehr verschiedenen Einflüssen auf die Nahrungsmittelproduktion sind bislang noch völlig unklar. Ärmere Länder in tropischen Regionen, die oft nur geringe Anpassungsmöglichkeiten an diese Veränderungen haben, werden tendenziell stärker vom Klimawandel betroffen sein als die reicheren Staaten in den gemäßigten Breiten.[6]

Fußnoten

2.
Vgl. Frank Rijsberman/David Molden, Balancing water uses: water for food and water for nature. Thematic background paper to the International Conference on Freshwater, Bonn 2001; Mark W. Rosegrant u.a., World Water and Food to 2025: Dealing with Scarcity, Washington, D.C. 2002.
3.
Vgl. F. Rijsberman/ D. Molden (Anm. 2).
4.
Modellrechnungen für 1995 und 2025, vgl. M. W. Rosegrant u.a. (Anm. 2)
5.
Vgl. Lukas Menzel u.a., Wasserstress im Treibhaus. Auswirkungen des Klimawandels auf die Wasserressourcen, in: Politische Ökologie, 80 (2003), S. 44 - 46.
6.
Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), Third Assessment Report - Climate Change 2001, Bonn 2001; Hermann Lotze-Campen/Hans-Joachim Schellnhuber, Global environmental change as projected by IPCC and its impact on food availability, in: Manfred Schulz/Uwe Kracht (Hrsg.), Food and Nutrition Security in the Process of Globalization, New York 2005.