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14.6.2006 | Von:
Hermann Lotze-Campen

Wasserknappheit und Ernährungssicherung

Mehr Nahrungsmittel mit weniger Wasser produzieren

Eine zunehmende Wasserknappheit aufgrund verschiedener Faktoren muss nicht notwendigerweise in eine Wasserkrise führen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Anpassung, die aber bewusste Umsetzungsstrategien auf verschiedenen Ebenen erfordern.

Effizienzgewinne

Durch technologische Verbesserungen vor allem in der Pflanzenzüchtung ist es gelungen, die landwirtschaftlichen Erträge pro Flächeneinheit in den vergangenen vier Jahrzehnten kontinuierlich um ein bis zwei Prozent pro Jahr zu steigern, so dass die weltweite landwirtschaftliche Produktion bislang mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halten konnte. Allerdings waren die Zuchtziele dabei vor allem auf Ertragssteigerung und weniger auf die Verringerung des Wasserverbrauchs ausgerichtet. Für die Zukunft stellt sich die Frage, in welchem Maße die bisherigen Ertragssteigerungen aufrechtzuerhalten sind und welche Beschränkungen sich bezüglich der Ressourcenverfügbarkeit ergeben. Durch eine konsequente Fokussierung auf die Optimierung des Wasserverbrauchs sind in diesem Bereich sicher noch Fortschritte zu erzielen. So erreichen z.B. neuere Reissorten bis zu viermal mehr Kornertrag als alte Sorten, bei gleichem Wasserverbrauch.[7] Allerdings erfordern diese technologischen Verbesserungen kontinuierliche Investitionen im Bereich Forschung und Entwicklung. Im Bereich der internationalen Agrarforschung ist dies zunehmend in Frage gestellt, da die Finanzierung in den vergangenen Jahren nicht kontinuierlich gesteigert wurde.[8]

Etwa 60 Prozent der globalen Agrarproduktion findet ohne künstliche Bewässerung statt. In wasserarmen Gebieten wie z.B. Sub-Sahara-Afrika kann eine bessere Nutzung des anfallenden Regens durch einfache, kostengünstige Maßnahmen erzielt werden. Auf kleinskaliger Ebene kann durch Auffangen von Regenwasser ("Rainwater harvesting"), verbessertes Landmanagement und gemischte Land-Forstwirtschaft die Nahrungsmittelsicherheit verbessert werden.[9]

Auch in der künstlichen Bewässerung landwirtschaftlicher Flächen gibt es noch ein großes Potenzial für Effizienzgewinne. In vielen Bewässerungssystemen erreichen nur etwa 25 bis 30 Prozent des zugeführten Wassers auch tatsächlich die relevanten Nutzpflanzen. Der Rest verdunstet und versickert an verschiedenen Stellen des Systems. Die Rate kann mit moderner Technologie, z.B. "Drip irrigation", auf 75 bis 90 Prozent gesteigert werden. Trotz möglicher Wassereinsparung an spezifischen Stellen der Bewässerungskette muss allerdings bedacht werden, dass sich damit nicht automatisch die gesamte Wassernutzungseffizienz im Bereich eines ganzen Flusseinzugsgebietes verbessert. Ein erheblicher Teil des Wassers, das heute durch oberflächlichen Abfluss an einer Stelle verloren geht, wird oft an tiefer gelegenen Stellen noch genutzt. In jedem Fall sind auch für die Steigerung der Bewässerungseffizienz erhebliche Investitionen in neue Technik erforderlich. Daneben erhöht sich in der Regel der Energiebedarf für die Bewässerung.[10]

Bei der Einführung neuer Technologien sind vor allem in ärmeren Entwicklungsländern zwei große Einschränkungen gegeben. Zum einen können in der Regel die erforderlichen Investitionsmittel nicht aufgebracht werden. Zum anderen kann es durch eine schlechte Einbettung neuer Produktionsmethoden in die regionalen Gegebenheiten zu erheblichen negativen Wirtschafts- und Umwelteffekten kommen, z.B. durch Übernutzung, Versalzung, Bodenerosion oder fehlgeleitete Großprojekte.[11]

Infrastrukturverbesserungen

In der Vergangenheit wurde oft versucht, lokaler Wasserknappheit durch eine verbesserte Wasserzufuhr zu begegnen. Groß angelegte Staudämme und Kanalsysteme sollten die Wasserversorgung regulieren und stabilisieren. In vielen Fällen haben diese Maßnahmen zu einer Erhöhung oder Stabilisierung der landwirtschaftlichen Produktion geführt. Allerdings wird die Nachhaltigkeit dieser Effekte inzwischen sehr kontrovers diskutiert. Viele der weltweit ca. 45.000 großen Staudämme weisen technische Probleme auf, z.B. durch Verschlammung, und die langfristige Kosten-Nutzen-Relation fällt nachträglich oft wesentlich schlechter aus als ursprünglich geplant.[12] Dennoch werden auch weiterhin große Infrastrukturprojekte für den Wassertransport über weite Entfernungen, z.B. in Spanien oder China, geplant und durchgeführt.

Institutionelle Reformen

Institutionelle und politische Rahmenbedingungen sind weitere wichtige Bausteine für ein verbessertes Wassermanagement. Wasser ist gerade in der landwirtschaftlichen Produktion in vielen Regionen stark unterbewertet, was ein Hauptgrund für Übernutzung und Verschwendung ist. Vielerorts fehlen klar geregelte Nutzungsrechte, oder diese werden nicht konsequent durchgesetzt. Die kostenlose oder stark subventionierte Wassernutzung ist in vielen Ländern fester Bestandteil der staatlichen Unterstützung landwirtschaftlicher Einkommen und wird dementsprechend hart verteidigt. Die Preisgestaltung für Wasser kann also nicht losgelöst von anderen politökonomischen Einflüssen betrachtet werden.[13]

Handelbare Nutzungsrechte für Bewässerungswasser zeigen einen möglichen Weg zu einer angemessenen Bewertung knapper Wasserressourcen. Im australischen Murray-Darling-Basin wird dieses Instrument seit den neunziger Jahren eingesetzt. Erste Erfolge sind zu beobachten: Inzwischen erfolgt tatsächlich ein Handel mit diesen Nutzungsrechten, die Preise für die Wasserlizenzen sind deutlich gestiegen, und die Wassernutzung im gesamten Einzugsgebiet ist effizienter geworden. Gleichzeitig sind die gesamten Ausgaben für Wassernutzung zum Teil deutlich gefallen, da die Landwirte vermehrt in wassersparende Technologien investiert haben.

Es bleibt allerdings abzuwarten, ob dieses System auch langfristig den Herausforderungen von Klimawandel und Bodenversalzung gewachsen ist.[14] Während kostendeckende Preissteigerungen für Wasser in vielen ärmeren Ländern unangemessen und politisch kaum durchsetzbar wären, könnte bereits ein symbolischer Preis für die Wassernutzung zu einer effizienteren Nutzung führen.

Über die reine Preisgestaltung hinaus spielt die Zusammenarbeit zwischen der Vielzahl von Behörden sowie die Einbeziehung der Wassernutzer in die Entscheidungsfindung eine Schlüsselrolle in der Verbesserung des Wassermanagements. Das Konzept des integrierten Flusseinzugsgebiets-Managements könnte diese Zusammenarbeit verbessern und institutionalisieren. Dabei gilt es, sowohl eine horizontale Integration zwischen sektoralen Behörden als auch eine vertikale Integration zwischen den Ebenen der Verwaltung zu erzielen.[15]

Virtueller Wasserhandel

Der internationale Güterhandel, insbesondere mit Agrarprodukten und dem darin enthaltenen "virtuellen" Wasser, könnte eine wichtige Rolle bei der Steigerung der globalen Effizienz in der Wassernutzung spielen. Wasserarme Regionen könnten vermehrt wasserintensive Produkte, wie z.B. Getreide, importieren, so dass mehr Wasser für außerlandwirtschaftliche Zwecke zur Verfügung stünde. Internationale Handelsströme richten sich vor allem nach ökonomischen Gesichtspunkten, so dass bei einer realistischen Preisgestaltung auch regionale Wasserknappheiten in das ökonomische Kalkül eingehen würden. Da es unwahrscheinlich ist, dass es weltweit gleichzeitig in mehreren wichtigen Anbauregionen zu Ernteausfällen durch Dürren oder Überschwemmungen kommt, dient ein gut funktionierendes Handelssystem auch als Instrument zur Risikoabsicherung. Dies könnte beim zu erwartenden Klimawandel von noch größerer Bedeutung sein als heute.

Allerdings sollten diese Handelseffekte nicht überschätzt werden. Der weitaus größte Anteil des Welthandels findet zurzeit zwischen den reicheren Ländern statt, die entweder keine Wasserknappheit zu befürchten haben oder über andere Anpassungsmöglichkeiten verfügen. Außerdem ist vor allem der Weltagrarhandel sehr stark von politischen Einflüssen geprägt, die nur selten von Effizienzgesichtspunkten bestimmt sind und sich erfahrungsgemäß nur sehr schwer verändern lassen. Für ärmere Länder mit Wasserknappheit stellt sich zudem die Frage, wie zusätzliche Importe von Nahrungsmitteln bzw. virtuellem Wasser finanziert werden sollen. Der Aufbau von konkurrenzfähigen Exportsektoren wäre unabdingbar, aber gerade dies wird bereits in vielen Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, im Rahmen der Entwicklungspolitik seit langem mit eher mäßigem Erfolg versucht.[16]

Eine mögliche Vision für die Länder Nordafrikas könnte in einem Energiebündnis mit Europa bestehen, in dem Wasserstoff oder Strom aus Sonnenenergie im Süden produziert wird, um damit Nahrungsmittel aus dem Norden einzukaufen. Dies könnte unter den derzeit prognostizierten Klima- und Niederschlagsverhältnissen zu einer wirksamen Arbeitsteilung und einer effizienten Wassernutzung führen. Voraussetzungen dafür sind aber, dass die Solarenergienutzung wettbewerbsfähig wird und die Industrieländer einen Großteil der nötigen Investitionen beitragen.

Lebensstiländerungen

Ein möglicher Weg zur Verminderung des Wasserverbrauchs könnte über die Verringerung des Konsums von tierischen Nahrungsmitteln, vor allem Fleisch, führen. Eine fleischarme Lebensweise ist grundsätzlich ohne große Probleme möglich, und ein internationaler Vergleich zeigt, dass der Anteil tierischer Kalorien an der gesamten Nahrungsaufnahme selbst in Ländern mit ähnlichem Einkommensniveau zum Teil sehr unterschiedlich ist. Der Fleischkonsum wird nicht nur durch das Einkommen, sondern auch durch kulturelle Aspekte und die Wahl bestimmter Lebensstile beeinflusst. So führt zum Beispiel die zunehmende Verstädterung selbst in ärmeren Ländern zu einer schnellen Zunahme des Verbrauchs von tierischen Fetten und Süßstoffen.[17]

Fußnoten

7.
Vgl. Vaclav Smil, Feeding the World: a Challenge for the Twenty-First Century, Cambridge, Mass. 2000.
8.
Vgl. Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR), Annual Report, Washington, D.C. 2002.
9.
Vgl. Johan Rockström u.a. (Hrsg.), Rethinking Water Management. Innovative Approaches to Contemporary Issues, London 2003.
10.
Vgl. V. Smil (Anm. 6); Armin Reller u.a., Water - a Future Energy Problem, in: GAIA, 11 (2002) 4, S. 273 - 276.
11.
Vgl. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU), Welt im Wandel - Wege zu einem nachhaltigen Umgang mit Süßwasser, Berlin-Heidelberg 2003; Matthias K.B. Luedeke u.a., Syndromes of Global Change: The First Panoramic View, in: GAIA, 13 (2004) 1, S. 42 - 49.
12.
Vgl. Sandra Postel, Pillar of Sand. Can the Irrigation Miracle Last?, New York 1999; World Commission on Dams (WCD), Dams and Development, London 2000.
13.
Vgl. Dieter Rothenberger/Bernhard Truffer, Water Pricing - An Instrument for Sustainability?, in: GAIA, 11 (2002) 4, S. 281 - 284.
14.
Vgl. R.N. Jones/A.B. Pittock, Climate change and water resources in an arid continent: managing uncertainty and risk in Australia, in: M. Beniston (Hrsg.), Climatic change: implications for the hydrological cycle and for water management, Amsterdam 2002.
15.
Vgl. Martin Welp, Bürgerbeteiligung und Computermodelle verknüpfen. Möglichkeiten eines modellgestützten Managements von Flusseinzugsgebieten, in: Ökologisches Wirtschaften, (2002) 1, S. 21f.
16.
Vgl. A. Hoekstra/P.Q. Hung, Virtual Water Trade - A quantification of virtual water flows between nations in relation to international crop trade. IHE Research Report Series No. 11, Delft 2002; Hong Yang/Alexander J. B. Zehnder, Water Endowments and Virtual Water Trade, in: GAIA, 11 (2002) 4, S. 263 - 266.
17.
Vgl. Barry M. Popkin, Urbanization, lifestyle changes and the nutrition transition, in: World Development, 27 (1999) 11, S. 1905 - 1916; Peter H. Gleick, The World's Water 2000 - 2001. The Biennial Report on Freshwater Resources, Washington, D.C. 2000.