Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Frederik Schetter

Editorial

Am 10. Januar 2019 trat Nicolás Maduro, Nachfolger des sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez, trotz umstrittener Wahlergebnisse und internationaler Proteste eine weitere Amtszeit als venezolanischer Präsident an. Knapp zwei Wochen später kündigte Juan Guaidó in seiner Funktion als Präsident der von der Opposition dominierten Nationalversammlung an, interimsweise das Amt des Staatsoberhaupts zu übernehmen, bis Neuwahlen stattfinden können. Damit erreichte der innervenezolanische Machtkampf einen vorläufigen Höhepunkt. Mit einem amtierenden Präsidenten und einem weiteren, mittlerweile von über 50 Staaten anerkannten Interimspräsidenten befindet sich das Land in einer international wohl einmaligen Konfliktsituation, deren Ausgang ungewiss ist.

Neben die politischen und wirtschaftlichen Probleme des Landes trat in den vergangenen Jahren eine humanitäre Krise, die sich in einer massiven Auswanderung manifestiert. Dass die Entwicklung Venezuelas vorher durchaus auch Erfolge zeitigte, zeigt ein Blick in die Geschichte des Landes: Einst Peripherie des spanischen Kolonialreichs, entwickelte sich Venezuela nach seiner Unabhängigkeit im frühen 19. Jahrhundert insbesondere durch die Ausweitung der Erdölförderung im 20. Jahrhundert zum "Wirtschaftswunderland" der Region. Unter Chávez, der sich in die Tradition des Nationalhelden Simón Bolívar stellte, versuchte sich der Staat Anfang des 21. Jahrhunderts als Finanzier lateinamerikanischer Einheitsbestrebungen.

Zugleich ist die Entwicklung Venezuelas von Widersprüchen geprägt. Die zunehmende Abhängigkeit vom Erdölexport, der Verfall des demokratischen Systems und historische Konfliktlinien zwischen Stadt und Land sowie Eliten und Unterschichten, die unter den chavistischen Regierungen vertieft wurden, haben die venezolanische Gesellschaft wiederholt vor Herausforderungen gestellt. Die Frage, wie mit diesen umgegangen werden kann, ist nicht neu. Angesichts der massiven Beeinträchtigungen des politischen, wirtschaftlichen und alltäglichen Lebens und einer möglichen Destabilisierung der Region stellt sie sich aktuell mit besonderer Dringlichkeit.


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