Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Héctor Torres
Albor Rodríguez

Venezuela und der Makel der verspäteten Ankunft - Essay

Die 15-jährige Daniela Salomon lebte mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in einer bescheidenen Wohnung im Bezirk 23 de Enero in San Cristóbal, Hauptstadt des Bundesstaates Táchira, im Westen von Venezuela.[1] Sie hatte gerade die vierte Klasse des Colegio Simón Bolívar abgeschlossen. Samstags half sie der Mutter in ihrem Kosmetiksalon; sonntags ging sie mit der Familie in die Kirche, ging spazieren oder traf sich gelegentlich mit César, einem jungen Mann von 23 Jahren, der seit Januar 2017 ihr Freund war. Am Nachmittag des 30. Juli machte sie sich auf den Weg zu César.

An diesem Sonntag hatte Nicolás Maduro die Bildung einer Verfassunggebenden Versammlung veranlasst. Die Opposition lehnte dies gemeinsam mit vielen anderen lateinamerikanischen Staaten ab. Dennoch verfolgte Maduro gegen jede Vernunft weiter seinen Plan, was zu Protesten im ganzen Land führte, auf die er wiederum mit Repression reagierte.

Auf der Straße spürte Daniela die angespannte Situation. Als sie ihre Mutter anrief und ihr davon erzählte, sagte diese ihr, sie solle heimkommen. Zusammen mit César machte sich Daniela auf den Rückweg. Unterwegs stießen die beiden auf eine Barrikade. Dort protestierte eine kleine Gruppe gegen die Wahl, bis plötzlich zwei Kleinbusse und vermummte Personen auf Motorrädern mit verdeckten Kennzeichen auftauchten und auf die Protestierenden schossen. Hand in Hand rannten Daniela und César davon, und als sie stürzte, dachte der junge Mann, seine Freundin sei gestolpert. Als er sich umdrehte, um ihr zu helfen, sah er das Blut. Er erschrak, hob sie auf und suchte in den Gassen eines nahen Wohngebiets Schutz vor den Kugeln. Er wollte sie in ein Krankenhaus bringen, aber es kamen weder Taxis noch Privatfahrzeuge vorbei, bis schließlich eine Frau ihm anbot, sie in ihrem Auto mitzunehmen. Als César Daniela in das Krankenhaus trug, waren beide so blutverschmiert, dass man sie kaum auseinanderhalten konnte. "Als die Ärztin mir sagte, dass ich mit dem Schlimmsten rechnen sollte, fing ich an, auf César einzuschlagen. Ich sagte ihm, er sei an allem schuld, er habe nicht gut genug auf sie aufgepasst", erinnert sich Danielas verzweifelte Mutter Nohelia.

Weder im Falle ihrer Tochter noch bei einem anderen politischen Mord während der Bürgerproteste in Venezuela in jenen Tagen ist es zu einem Gerichtsverfahren gekommen, bei dem die Schuld festgestellt und jemand verurteilt worden wäre. Die Gruppen bewaffneter Motorradfahrer in Zivilkleidung sind inzwischen fester Bestandteil des chavistischen Unterdrückungssystems und bekannt unter der Bezeichnung colectivos. Sie handeln unter dem Schutz der Nationalgarde und der Polizei, und haben schon Razzien in Gebäuden durchgeführt, von denen Widerstand gegen die polizeiliche Repression ausgeht.[2]

Wege zum "Caracazo"

Der venezolanische Intellektuelle Mariano Picón Salas sagte einst, Venezuela sei erst nach dem Tod des 1908 an die Macht gelangten Diktators Juan Vicente Gómez im 20. Jahrhundert angekommen. Gómez regierte sein damals noch sehr provinzielles Land mit eiserner Faust, bis sein Tod 1935 den Weg frei machte für die langsame Entstehung eines modernen Staates, der später auch zu einer stabilen Demokratie werden sollte. Es war eine Entwicklung voller Schwierigkeiten, Verschwörungen und Unfälle, die ihren vorläufigen Höhepunkt und Schluss nach 23 Jahren finden sollte, als es zum Sturz von Marcos Pérez Jiménez kam, Venezuelas zweitem Diktator im 20. Jahrhundert.

Es ist unter anderem dem beim Pakt von Punto Fijo festgeschriebenen politischen Konsens der damaligen Mehrheitsparteien zu verdanken, dass Venezuela sich zu einer soliden Demokratie entwickeln und eine wirtschaftliche Entwicklung erreichen konnte, die mit großen Erfolgen, aber auch mit der Vernachlässigung von Idealen verbunden war. Die Verstaatlichung der Ölindustrie und die steigenden Ölpreise Mitte der 1970er Jahre bescherten dem Staat ein Vermögen, das schutzlos der Korruption jener Personen ausgeliefert war, die schon damals anfingen, Einnahmen aus staatlichen Ressourcen in die eigene Tasche umzuleiten. Bei bestimmten Teilen der Bevölkerung machte sich daher der Eindruck breit, dass sie von diesem Reichtum ausgeschlossen waren, und als unsichtbare Vertreter der Nation nur alle Jahre wieder zum Wählen aufgefordert wurden. So stauten sich bei diesen Menschen Ressentiments auf, die eine radikale Linke für sich zu nutzen wusste, die lange Zeit ein Schattendasein geführt hatte, da ihr eine große Erzählung wie die kubanische Revolution fehlte.

Die Entfremdung der politischen Eliten von den demokratischen Idealen, die das politische System mit Leben erfüllt hatten, sowie das Handeln derjenigen, die der wachsenden Abneigung von Seiten der Besitzlosen weiter Nahrung gaben, führten am 27. Februar 1989 zu einer sozialen Explosion, die unter der Bezeichnung "Caracazo" in die Geschichtsbücher einging. Ausgangspunkt war eine Erhöhung der Benzinpreise, die zunächst in Guarenas, 50 Kilometer östlich von Caracas gelegen, Proteste hervorrief. Es kam zu Vandalismus, die Demonstrationen breiteten sich auf Caracas und andere Städte aus, bis die Armee sie schließlich niederschlug. Danach war die Demokratie dauerhaft beschädigt, und ihre führenden Persönlichkeiten waren bereits so korrumpiert, dass sie nicht mehr verstanden, was im Land vor sich ging. Der Schaden wurde immer größer, bis es 1992 zu zwei Putschversuchen von Militärs kam, die zwar scheiterten, aber zeigten, dass die Bevölkerung keinen Grund sah, eine Demokratie zu unterstützen, von der sie sich nicht geschützt fühlte.

Obwohl sich das 21. Jahrhundert am Horizont abzeichnete, blockierte in jener Phase Venezuelas ein altmodischer Militarismus und Caudillismus jeden Fortschritt. Mit der Begnadigung des Anführers des ersten Putschversuches, einem damals weitgehend unbekannten Oberstleutnant namens Hugo Chávez, setzte ab 1994 ein Prozess ein, der noch lange nicht abgeschlossen ist, das alte Venezuela jedoch schon längst zerstört hat.

Die Präsidentschaftswahlen 1998 waren für das Land von geradezu schicksalhafter Bedeutung. Es traten an: eine frühere Schönheitskönigin, ein schillernder Provinzmillionär, ein vollkommen uncharismatischer Vorsitzender der Partei Acción Democrática, die sich am Tiefpunkt ihrer Entwicklung befand, sowie Hugo Chávez, der agitierend durchs Land zog und sich die Verbitterung vieler Menschen zunutze machte, indem er gegen die "verfaulten Eliten" wetterte und versprach, das politische Establishment hinwegzufegen. Mit dem Versprechen, alles zu ändern, konnte niemand mehr seinen Sieg aufhalten, zumal gewisse wirtschaftliche und intellektuelle Eliten ihn förderten und versprachen, sie würden ihn schon kontrollieren können.

Chávez trat wie eine Mischung aus evangelikalem Prediger, Caudillo und Fernsehmoderator auf, und zwang dem Land seine unberechenbaren und willkürlichen Launen auf. Er verbündete sich mit den am stärksten benachteiligten Bevölkerungsteilen und schwang sich zum Vertreter ihrer Interessen auf. Dabei nährte er Rachegelüste, die als Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit maskiert daherkamen. Da für ihn die Loyalität von Personen wichtiger als ihre Qualifikation war, öffnete er Tür und Tor für die Bildung von Machteliten, die eine Korruption von unvorstellbaren Ausmaßen in den Verwaltungsapparat tragen sollten. Hinzu kam die enge Beziehung zum Kuba Fidel Castros, womit das Ende der venezolanischen Demokratie besiegelt war und das Land in eine tiefe Krise stürzte.

Fußnoten

1.
Vgl. dazu und im Folgenden Jacqueline Goldberg, The Two Wounds of Nohelia Machado, 3.6.2019, http://www.lavidadenos.com/the-two-wounds-of-nohelia-machado«.
2.
Vgl. Crackdown on Dissent. Brutality, Torture, and Political Persecution in Venezuela, 29.11.2017, http://www.hrw.org/report/2017/11/29/crackdown-dissent/brutality-torture-and-political-persecution-venezuela«; United Nations Office of the High Commissoner for Human Rights, Human Rights in the Bolivarian Republic of Venezuela. Advance Unedited Version, 5.7.2019, S. 5ff., http://www.ohchr.org/EN/Countries/LACRegion/Pages/VEReportsOHCHR.aspx«.
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