30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Héctor Torres
Albor Rodríguez

Venezuela und der Makel der verspäteten Ankunft - Essay

"Pa’fuera"

Die Geoinformatikerin Ana María Wessolossky zögerte nicht, sich dem Streik in der Ölindustrie anzuschließen, der im Dezember 2002 seinen Anfang nahm.[3] Um gegen das Regime zu protestieren, legte sie ihre Arbeit in der Forschungsabteilung des staatlichen Erdölunternehmens Petróleos de Venezuela nieder.

Chávez regierte das Land, indem er mit seiner Präsenz das öffentliche Leben dominierte. In seinem sonntäglichen Radio- und Fernsehprogramm verkündete er Dekrete, kritisierte Gegner und erzählte Anekdoten aus seinem Leben. Mit dem ihm eigenen Gerechtigkeitssinn enteignete er Unternehmen und Grundbesitzer, rief zur Verletzung von Privateigentum auf und vereinigte alle Staatsgewalt auf seine Person. Außerdem entließ er in aller Öffentlichkeit Arbeitskräfte. Dies galt auch für beinahe 15000 Personen, die in der Erdölindustrie arbeiteten und so wie Ana María an dem Streik teilgenommen hatten: Einzeln nannte Chávez in seiner Fernsehshow die Namen der Entlassenen, stieß dazu einen Pfiff aus und rief dann: "pa’fuera" – "raus mit dir". Seine Anhänger jubelten bei jedem Namen.

Am 9. Februar 2003 war Ana María an der Reihe: Sie hatte bereits vor fünf Tagen ihre Stelle verloren, aber nun beschuldigte Hugo Chávez sie des Terrorismus, und das nur, weil er sie auf einem Foto auf der Titelseite einer Zeitung gesehen hatte. Auf dem Bild waren noch mehr Personen, und es hätte jeden von ihnen treffen können, denn es stellte eine Menschenmenge dar, die gegen die Regierung demonstriert hatte und in der Ana María mit einem Transparent zu sehen war.

Es war eine Praxis von Chávez, in seinem Sonntagsprogramm Personen eines Vergehens zu beschuldigen und gleich auch die entsprechende Strafe vorzuschlagen. So erging es der Richterin María Lourdes Afiuni, die im Dezember 2009 veranlasste, dass der festgenommene Unternehmer Eligio Cedeño vorläufig auf freien Fuß gesetzt wurde, nachdem die UN-Arbeitsgruppe gegen willkürliche Inhaftierungen seine Freilassung empfohlen hatte. Wutentbrannt verlangte Chávez im Radio und Fernsehen, die Richterin 30 Jahre lang ins Gefängnis zu sperren. Ohne Haftbefehl und ohne Gründe zu nennen, holten Polizisten sie wenig später aus ihrer Wohnung und brachten sie in ein Frauengefängnis außerhalb von Caracas, wo sie entwürdigend behandelt und nach eigenen Angaben sogar vergewaltigt wurde. Sie wurde im Juni 2013, drei Monate nach dem Tod von Chávez, aus humanitären Gründen entlassen, doch der Prozess gegen sie lief weiter. 2019 wurde sie für ein Vergehen, das in den venezolanischen Strafgesetzen gar nicht existiert, zu fünf Jahren Haft verurteilt.[4]

Diese besondere Form der Rechtsprechung wurde zum Vorbild für andere Institutionen des Chavismus. So tauchten im August 2015 Agenten des venezolanischen Geheimdienstes in der Wohnung von Andrea González auf und verlangten, sie solle zu dem Tötungsdelikt an Liana Hergueta aussagen, mit der sie befreundet war und die ein gewisser José Pérez Venta ermordet haben soll.[5] Andrea sah keinen Grund, misstrauisch zu werden und begleitete die Beamten zum Sitz der politischen Polizei, wo man sie anschließend 859 Tage lang festsetzte. Wenige Tage nach ihrer "Festnahme" beschuldigte sie der damalige Gouverneur des Bundesstaates Aragua, Tareck El Aissami, in einer Pressekonferenz, ein Verbrechen zu planen: Sie wolle gemeinsam mit ihrem Freund Dany Abreu die Tochter des damaligen Parlamentspräsidenten, Daniela Cabello, ermorden. Als einzigen Beweis präsentierte er der Öffentlichkeit eine Aussage des mutmaßlichen Mörders von Liana Hergueta.

"Du musst kein Politiker sein, damit sie dich einsperren. Wenn du in ihren Plan passt, egal wie absurd dieser Plan dir auch vorkommt, sperren sie dich ein. Gewissenlos sind die, es ist ihnen völlig egal, und es wird ihnen garantiert nicht leidtun. Sie lochen dich einfach ein, so geht es in Venezuela unglaublich vielen Leuten", sagt Alejandra, die Schwester von Andrea.

Bröckelnde Fassaden

Durch den rapiden Rückgang der Erdöleinnahmen litt auch die Beliebtheit eines Politikers, der Ressourcen verteilte, ohne Reichtum zu produzieren. Doch Chávez‘ Krankheit holte ihn noch schneller ein. Er konnte sich noch um eine vierte Präsidentschaft bewerben, wobei er im Laufe der Kampagne sowohl seine Gesundheit als auch die verbliebenen Mittel der Staatskasse opfern sollte. Ehe er sich in einer dramatischen Fernsehansprache von der politischen Bühne verabschiedete, bat er seine Anhänger, für "den Genossen Nicolás Maduro" zu stimmen. Es war sein letzter öffentlicher Auftritt, ehe er nach Kuba reiste, um seine Krebserkrankung behandeln zu lassen. Er sollte nicht mehr lebendig zurückkehren.

Kaum merklich trat Venezuela genau in diesem Moment in die düsterste Phase dieses schmerzlichen Kapitels seiner Geschichte ein, wobei noch nicht klar ist, ob am Ende der Bankrott des chavistischen politischen Projekts oder jener des ganzen Landes stehen wird.

In seiner letzten Kampagne im Dezember 2012 erreichte Chávez 8 Millionen Stimmen, der Oppositionskandidat Henrique Capriles Radonski brachte es auf 6,5 Millionen. Es war spürbar, dass die Unterstützung für das chavistische Projekt langsam zurückging, doch mit dem Amtsantritt Maduros im März 2013 beschleunigte sich dieser Niedergang enorm. Nur einen Monat später verloren die Chavisten bei den Präsidentschaftswahlen 500.000 Stimmen. Maduro wurde mit knapp zwei Prozentpunkten Vorsprung zum Präsidenten ernannt, was seine relativ schwache politische Position offenbarte.

Nun bemerkten die Menschen in Venezuela, was sich hinter den teuren Shows mit ihrem immer gleichen Moderator verbarg. Ohne Budget und ohne Popularität wurden hinter der Fassade zunehmend die Mauern der Gefängnisse sichtbar, ebenso der Tod vieler Menschen, etwa bei den Protesten im April 2013, die mit einer Bilanz von 7 Toten, 61 Verletzten und 135 Festnahmen endeten. Zugleich wuchs die Gewissheit in der chavistischen Wählerschaft, dass der neue Amtsinhaber nicht in der Lage sein würde, den Fortbestand der "bolivarianischen Revolution" zu sichern.

Der Wendepunkt war kaum eineinhalb Jahre später erreicht. Bei den Parlamentswahlen vom 6. Dezember 2015 sollte das Oppositionsbündnis Mesa de la Unidad Democrática 7,7 Millionen Stimmen erzielen, die chavistische Koalition Gran Polo Patriótico Simón Bolívar hingegen nur 5,6 Millionen Stimmen. Die Chavisten hatten innerhalb von weniger als drei Jahren beinahe 2,5 Millionen Stimmen verloren.

Die Opposition erhielt bei diesen Wahlen 112 von 167 Sitzen der Nationalversammlung, eine Mehrheit, mit der sie die Kontrolle über die gesamte Gesetzgebung übernehmen konnte. Nicolás Maduro war außer Rand und Band und drohte, er werde "nicht zulassen, dass die Rechte ihren faschistischen Wahl-Staatsstreich zu Ende" bringe.[6] Damit wurde deutlich, was schon immer seine Haltung gewesen, aufgrund der Unterstützung der Wählerschaft bis dahin aber nie offen zutage getreten war: Im chavistischen Projekt gab es keine Option, die Macht auf friedlichem Wege abzugeben – unter keinen Umständen.

Je mehr Zeit verging und je komplizierter die wirtschaftliche Lage im Land wurde, desto autoritärer wurde Maduro, desto stärker und kompromissloser reagierte er auf Widerspruch und Proteste. Zugleich heizten seine wirtschaftlichen Maßnahmen die Inflation an, verschärften die Versorgungslage, verschlimmerten die Korruption und verschlechterten so die Lebensqualität weiter.

Die Regale der Supermärkte und Apotheken leerten sich zusehends. Die durch die Zerstörung der nationalen Produktion entstandenen Probleme wurden noch schlimmer, weil die Regierung die verbliebenen, mehr oder weniger gut bestückten Geschäfte beschuldigte, Waren zu horten, um das Land zu destabilisieren und bei jeder Schlange vor einem Supermarkt oder einer Bäckerei den Staatsstreich fürchtete. Die Reaktion des Regimes war kafkaesk: Es verbot die Schlangen und die leeren Regale, woraufhin die Händler, um nicht ins Visier der Behörden zu geraten, anfingen, die Produkte am vorderen Rand der Regalbretter aufzureihen. Dahinter war Leere.

Doch bei manchen Regalen war es nicht möglich, das Vorhandensein von Ware zu simulieren – zum Beispiel, wenn darauf Medikamente stehen sollten, die teuer in Dollar bezahlt werden mussten und über das öffentliche Gesundheitssystem verteilt wurden. Ihr Fehlen brachte viele Patienten, die nun nicht mehr versorgt waren, dazu, das Land zu verlassen, um zu überleben.

So war es auch im Falle der zwölfjährigen Zwillinge Sebastián und Jesús Navas, die an der erblichen Gerinnungsstörung Hämophilie B litten.[7] Der Kühlschrank der Familie Navas war nicht mit Lebensmitteln gefüllt, sondern mit Faktor IX, dem Medikament der Zwillinge. Alle drei Monate fuhr ihr Vater, Rafael, die 365 Kilometer von Barquisimeto, dem Wohnort der Familie, nach Caracas, um dort bei der venezolanischen Sozialversicherung das Medikament abzuholen. Dadurch konnte die Familie daheim 120 Dosen für die beiden Kinder bereithalten, was 90 Tagen Behandlung entsprach. Allerdings erhielt Rafael innerhalb kurzer Zeit immer weniger Dosen, bis man ihm schließlich im Dezember 2017 nur noch zwei Faktor-IX-Dosen gab, mit dem Kommentar: "Bewahren Sie das für den Notfall auf, es gibt keinen Nachschub mehr."

Und der Notfall trat ein. Sebastián erlitt, nachdem er beim Spielen mit seinen Freunden gestürzt war, an seinem linken Bein eine Hämarthrose am Knie, die mangels Medikamenten nicht rechtzeitig behandelt werden konnte. Das Gelenk schwoll an wie ein Tennisball, und es sah aus, als würde jeden Moment die Haut platzen.

Die venezolanische Hämophiliegesellschaft gibt an, dass seit 2016, dem Jahr, in dem die Faktor-IX-Lieferungen zum Erliegen kamen, in Venezuela mindestens 44 Menschen an ihrer Hämophilie gestorben sind. Allein im ersten Halbjahr 2008 starben acht Personen, die an der gleichen Erkrankung litten wie Jesús und Sebastián. Um nicht ebenfalls in diese Statistik einzugehen, entschied sich die Familie Navas, zu emigrieren. Doch sie konnten nicht alle gemeinsam gehen, sodass Rafael schließlich im März 2018 allein mit seinen beiden Söhnen die Staatsgrenze zwischen Venezuela und Kolumbien auf der Simón-Bolívar-Brücke überquerte. Sebastián konnte nicht mehr gehen und bewegte sich im Rollstuhl fort. Der Vater gab ihm ein Kissen, damit er sein Knie vor den Menschenmassen, die über die Brücke strömten, schützen konnte.

Sie blieben in Zipaquirá, einem Ort im Norden der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá. Dort erhielten die Söhne die lebensrettende Behandlung. Vier Monate später die legte Mutter, Kanthaly Ordoñez zusammen mit ihrer vierjährigen Tochter die 1090 Kilometer zurück, die sie von ihren Lieben trennten.

Längst nicht alle Kinder haben so ein Happy End erlebt. Das Krankenhaus José Manuel de Los Ríos, das die wichtigste kindermedizinische Abteilung Venezuelas beherbergt, ist zum Schauplatz zahlloser tragischer Geschichten geworden. Vom 1. Dezember 2018 bis zum 8. Januar 2019 starben fünf Kinder zwischen fünf Monaten und 14 Jahren, weil sie Breitbandantibiotika benötigten, die im Krankenhaus fehlten. Im ersten Quartal 2019 starben außerdem Mariángel Romero, Frandyson Torrealba, Harold Alcalá, Víctor Pacheco und Nohemí Oliveros, allesamt Patienten der Abteilung für Nierenkrankheiten. Die Organisation Prepara Familia gibt an, dass 2017 aufgrund von Infektionen 24 chronisch nierenkranke Patientinnen und Patienten verstorben sind. Allein im Mai 2019 starben vier krebskranke Kinder, die dringend eine Knochenmarktransplantation benötigten, die sie aber – auch aufgrund fehlender medizinischer Infrastrukturen – nie bekamen: Giovanny Figuera (6 Jahre alt), Robert Redondo (7), Yeiderbeth Requena (8) und Erick Altuve (11).[8]

Fußnoten

3.
Vgl. dazu und im Folgenden Ana María Wessolossky, Un círculo que se cerró 13 años después, 22.11.2017, http://www.lavidadenos.com/un-circulo-que-se-cerro-13-anos-despues«.
4.
Vgl. UN Expert Condemns New Sentence for Jailed Venezuelan Judge as "Another Instance of Reprisal", 26.3.2019, https://news.un.org/en/story/2019/03/1035451«.
5.
Vgl. dazu und im Folgenden Johanna Osorio Herrera, 859 Days Without Seeing the Sky, 28.2.2019, http://www.lavidadenos.com/859-days-without-seeing-the-sky«.
6.
Nicolás Maduro, zit. in: Maduro: "No voy a permitir que la derecha consolide su golpe fascista electoral", 16.12.2005, http://www.teledoce.com/telemundo/internacionales/maduro-no-voy-a-permitir-que-la-derecha-consolide-su-golpe-fascista-electoral«.
7.
Vgl. dazu und im Folgenden Julett Pineda, La vida que espera al atravesar el inframundo, 11.8.2019, http://www.lavidadenos.com/la-vida-que-espera-al-atravesar-el-inframundo«.
8.
Vgl. Jesús Barreto, Niño del J.M. de los Ríos falleció luego de esperar nueve años por trasplante, 11.7.2019, https://elpitazo.net/salud/nino-del-jm-de-los-rios-fallecio-tras-esperar-nueve-anos-por-trasplante«; Armando Altuve, Murió cuarto niño que requería trasplante medular en el J.M. de los Ríos, 26.5.2019, https://elpitazo.net/salud/murio-cuarto-nino-que-requeria-trasplante-medular-en-el-j-m-de-los-rios«.
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