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14.6.2006 | Von:
Lena Horlemann
Susanne Neubert

Virtueller Wasserhandel zur Überwindung der Wasserkrise?

Virtueller Wasserhandel - Das Konzept

Die Produktion nahezu jeden Gutes erfordert den Einsatz von Wasser. In der Landwirtschaft wird es in Form von Regen- oder Bewässerungswasser genutzt, in der Industrie z.B. als Kühlwasser. Im Endprodukt ist das genutzte Wasser nicht mehr (oder nur zum kleinen Teil) physisch enthalten und wird daher als "virtuelles Wasser" bezeichnet. Der Austausch dieser Waren bedeutet somit auch den Handel mit dem darin virtuell enthaltenen Wasser. Ausgehend von dieser Erkenntnis formulierte der Geograph Anthony Allan die Idee, dass durch den gezielten Handel mit virtuellem Wasser die unterschiedlichen Wasserverfügbarkeiten einzelner Länder ausgeglichen werden könnten.[2] Sein Konzept des virtuellen Wasserhandels - das er vorwiegend für die MENA-Region entwickelt hat - basiert auf der Vorstellung, dass wasserarme Länder ihren Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten - vor allem Grundnahrungsmittel wie Getreide - verstärkt durch Importe aus wasserreichen Ländern decken, anstatt sie selbst zu produzieren. Das Ziel ist eine räumliche Verlagerung der wasserintensiven landwirtschaftlichen Produktion.

Globalisierung und virtueller Wasserhandel

Mit der fortschreitenden Globalisierung nehmen der weltweite Handel insgesamt und damit auch der virtuelle Wasserhandel zu. Den größten Anteil haben die Agrarprodukte, die rund 80 Prozent des virtuell gehandelten Wassers ausmachen. Forscher des Institute for Water Education haben umfangreiche Analysen vorgelegt, in denen die globalen Ströme von virtuellem Wasser bemessen werden.[3] Sie zeigen, dass heute durch den Handel mit Agrargütern global betrachtet jährlich rund acht Prozent des gesamten für die Produktion von Nahrungsmitteln aufgewendeten Wassers gespart werden.[4] Dies resultiert aus der Tatsache, dass die Effizienz der Wassernutzung in den einzelnen Ländern teilweise deutlich divergiert, sei es aus technologischen, sei es aus klimatischen Gründen. So werden z.B. in Frankreich zur Produktion von einem Kilogramm Mais im Bewässerungsfeldbau 530 Liter Wasser benötigt, während in Ägypten - insbesondere aufgrund der dort wesentlich höheren Verdunstungsraten - dazu 1.100 Liter erforderlich wären. Die globale Ersparnis beträgt somit 570 Liter Wasser pro Kilogramm, wenn Frankreich den Mais anbaut und Ägypten diesen importiert.[5] Die weltweiten Einsparpotenziale von strategisch eingesetztem virtuellen Wasserhandel sind vor diesem Hintergrund also relevant. Die Frage ist, inwiefern wasserarme Entwicklungsländer Einfluss auf den Welthandel nehmen können und wollen. Der Großteil des Agrarhandels wird durch die OECD- und die Schwellenländer bestimmt. Entwicklungsländer haben nur geringen Einfluss auf den Weltmarkt. Daher gilt es zu identifizieren, wie Handelsströme zugunsten einer effektiveren und effizienteren Nutzung der weltweiten Wasserressourcen beeinflusst werden können.

Alternative Nutzung des eingesparten Wassers

Die Frage nach der alternativen Nutzung des durch virtuellen Wasserhandel eingesparten Wassers ist deshalb wichtig, weil die Entscheidung eines Landes, verstärkt virtuelles Wasser zu importieren, immer politökonomisch motiviert sein wird und nicht auf rein ökologischen Gegebenheiten basiert. Insofern hat gezielter Handel mit virtuellem Wasser vermutlich nur dann eine Chance, wenn daraus ein wirtschaftlicher Mehrwert für das Land erwächst.

Zunächst kann zwischen so genannten "blauem" und "grünem" Wasser unterschieden werden.[6] Als "blau" wird das Süßwasser in Aquiferen, Seen und Flüssen bezeichnet, während "grünes" Wasser im Boden und in der Pflanze gebunden ist. Blaues Wasser lässt sich leichter alternativ nutzen als grünes, denn es kann transportiert werden. Im Gegensatz dazu kann lediglich der Boden, in dem grünes Wasser gebunden ist, alternativ genutzt oder bebaut werden (z.B. Forstwirtschaft, Viehhaltung oder der Erhalt von Ökosystemen). Die Diskussion um virtuellen Wasserhandel wird zwar über beide Typen von Wasser geführt, dennoch kommt dem blauen Wasser, das zur Bewässerung von landwirtschaftlichen Flächen genutzt wird, eine besondere Bedeutung zu, denn blaues Wasser ist das einzige Reservoir für die Trinkwasserversorgung. Politisch und praktisch ist die alternative Nutzung des eingesparten Wassers als Trinkwasser von größter Bedeutung gegenüber den anderen Nutzungen. Die Entscheidung fußt dann allerdings darauf, welche Nutzung von der Gesellschaft als prioritär angesehen wird.

Das gesparte blaue Wasser kann auch in der Industrie eingesetzt werden und damit zu einer prosperierenderen Wirtschaft beitragen, da Konsum- oder Exportgüter eine höhere Wertschöpfung als landwirtschaftliche Produkte generieren können. Ein großer Vorteil bei der industriellen Nutzung von Wasser besteht darin, dass es zumeist mehrfach eingesetzt werden kann, bevor es in Flüsse oder Abwassersysteme zurückgeleitet wird. Eine weitere alternative Nutzungsart, die sowohl für blaues als auch für grünes Wasser denkbar ist, ist der Anbau weniger wasserintensiver oder höherwertigerer Agrarkulturen. Hiermit könnte entweder absolut Wasser eingespart oder mehr Wertschöpfung pro Volumeneinheit Wasser erreicht werden.

Erwartete positive Effekte des virtuellen Wasserhandels

Das Konzept des strategischen virtuellen Wasserhandels wird in der Fachwelt äußerst kontrovers diskutiert. Befürworter sehen in ihm eine gute Möglichkeit, nachhaltig mit knappen Wasserressourcen umzugehen und gleichzeitig den weltweiten Bedarf an Nahrungsmitteln zu befriedigen. Der Strukturwandel, der durch die - wohlgemerkt langsame - Abkehr von der wasserintensiven Landwirtschaft vollzogen würde, könnte sich zudem vorteilhaft auf die wirtschaftliche Stärke des wasserarmen Landes auswirken. Die Erwirtschaftung von Devisen, z.B. durch den Export von Industrieprodukten, wäre auch notwendig, um Importe von virtuellem Wasser zu finanzieren. Weiterhin ist denkbar, das Konzept als regionale Strategie umzusetzen. So könnten sich Nettoimporteure und -exporteure von virtuellem Wasser herausbilden, und der Süd-Süd-Handel würde angeregt. Denkbar wäre dieser Ansatz etwa im südlichen Afrika. Relativ wasserreiche Länder wie Angola oder Mosambik könnten verstärkt virtuelles Wasser exportieren, während wasserarme Länder wie Botswana und Namibia dieses importieren würden.[7]

Für Länder mit unterschiedlichen Vegetationszonen kann virtueller Wasserhandel auch auf nationaler Ebene sinnvoll sein und wäre womöglich dort am einfachsten zu realisieren, da hier keine Risiken politischer Abhängigkeiten eingegangen und keine Devisen für den Import aufgebracht werden müssten. Auch Handelshemmnisse existieren hier nicht wie auf zwischenstaatlicher Ebene. Ein Land mit sowohl wasserarmen als auch wasserreichen Gegenden, in dem erhebliches Potenzial bestünde, wäre z.B. China. Kostengünstige Methoden, an zusätzliche Wasserquellen zu gelangen, erschöpfen sich mehr und mehr. Auch der Transport zur Verteilung des Wassers in wasserknappe Regionen wird immer teurer, er verbraucht zudem viel Energie. Virtueller Wasserhandel könnte kostspielige und nicht nachhaltige Ansätze der Wassergewinnung und -allokation überflüssig machen, wie etwa den Bau von Staudämmen, die der Versorgung der Bewässerungslandwirtschaft dienen sollen. Zu guter Letzt meinen die Befürworter einer solchen Strategie, dass Konflikte um Wasser durch den virtuellen Wasserhandel verhindert werden können. Dies betrifft vor allem die lokalen Spannungen, die durch zunehmende Wasserarmut auftreten.

Schwachstellen des Konzepts

Kritiker des Konzepts kommen vor allem aus den Reihen der Politikwissenschaftler und (Agrar-)Ökonomen. Sie halten eine Umsetzung von internationalem virtuellem Wasserhandel als handelspolitische Strategie für unrealistisch, ja sogar für kontraproduktiv. Denn das Konzept basiert im Wesentlichen darauf, dass Dumpingpreise für Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt durch die Agrarsubventionen des Westens gehalten werden. Nur wenn diese Preise auch niedrig bleiben, entsteht für wasserarme Länder ein Anreiz, landwirtschaftliche Produkte eher zu importieren als selbst anzubauen. Selbst wenn die Preise für Nahrungsmittel niedrig blieben, wären die Importe für die meisten Entwicklungsländer nicht bezahlbar, so die Kritiker weiter. Ein Strukturwandel, der eine Umsetzung der Strategie ermöglichen würde, beansprucht eine ungewisse Zeit und wäre mit zahlreichen Trade-offs verbunden, so dass virtueller Wasserhandel das akute Problem der Wasserknappheit nicht bewältigen kann und neue Probleme hervorbringt.

Aus Sicht von Sozialwissenschaftlern birgt eine politisch induzierte Umsetzung des virtuellen Wasserhandels die Gefahr, dass mit planmäßiger Reduzierung des landwirtschaftlichen Sektors eine Verödung des ländlichen Raums stattfindet. Gerade in Entwicklungsländern sind große Teile der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Die Ergebnisse wären Landflucht, steigende Arbeitslosigkeit und weitere Verstädterung. Dies könnte noch dadurch begünstigt werden, dass Nahrungsmittelimporte wegen hoher Transport- und Lagerverluste sowie Mangel an guter Regierungsführung gar nicht erst die ländlichen Gebiete erreichen.

Selbst wenn alternativ weniger wasserintensive Agrarprodukte angebaut würden, blieben sozioökonomische Risiken aufgrund der Pfadabhängigkeiten bestehen. Dies bedeutet, dass eine historisch entwickelte Produktionsweise nur schwer zu revidieren ist, da Produktionsfaktoren und -technologien, akkumuliertes Wissen sowie lokale Institutionen in den meisten Fällen wenig flexibel sind. Der Grund liegt zum einen darin, dass Neuerungen meist mit hohen Kosten verbunden wären, zum anderen werden v.a. institutionelle Einrichtungen oftmals als Tradition empfunden, so dass auch der Wille oder Mut fehlt, diese zu verändern. Ökologen meinen zudem, dass es auch in Ländern, die eigentlich als wasserreich gelten, zur Übernutzung von Ressourcen kommen kann, und zwar nicht nur von Wasserressourcen, sondern auch z.B. von Böden. In eine Bewertung der Potenziale des virtuellen Wasserhandels sollten daher immer auch die Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem einbezogen werden. Zu guter Letzt stellt sich die Frage, wie sich eine politisch induzierte Strategie von virtuellem Wasserhandel mit Ansätzen der Dezentralisierung von Entscheidungsfindungsmechanismen und dem Appell - vor allem der westlichen Länder - nach vermehrter Subsidiarität vereinen lässt. Die Forderung nach einer umfassenden Umsetzung erhält aufgrund der damit verbundenen sozialen und ökonomischen Umstrukturierungen einen allzu planwirtschaftlichen Charakter.

Fußnoten

2.
Vgl. Anthony Allan, Virtual Water: a long term solution for water short Middle Eastern economies. Paper presented at the 1997 British Association Festival of Science, University of Leeds 1997.
3.
Vgl. Arjen Y. Hoekstra (Hrsg.), Virtual Water Trade - Proceedings of The International Expert Meeting on Virtual Water Trade, Research Report Series No. 12, Delft 2003.
4.
Vgl. Taikan Oki u.a., Virtual Water Trade To Japan And In The World, in: ebd., S. 221 - 235.
5.
Vgl. Daniel Renault, Value of Virtual Water in Food: Principles and Virtues, in: ebd., S. 77 - 91.
6.
Vgl. Malin Falkenmark/Jan Lundquist/Carl Widstrand, Macro-scale water scarcity requires micro-scale approaches: Aspects of vulnerability in semi-arid development, in: Natural Resources Forum, 13 (1998) 4, S. 258 - 267.
7.
Vgl. Anton Earle/Anthony Turton, The Virtual Water Trade Amongst Countries of the SADC, in: A.Y. Hoekstra (Anm. 3), S. 183 - 197.