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14.6.2006 | Von:
Lena Horlemann
Susanne Neubert

Virtueller Wasserhandel zur Überwindung der Wasserkrise?

Wege zur Umsetzung

Planwirtschaftliche Maßnahmen sind im Zusammenhang mit virtuellem Wasser kaum empfehlenswert. Wie also kann erreicht werden, dass der Handel mit agrarischen Gütern Schritt für Schritt in diese Richtung gelenkt wird? Möglich wären z.B. Anbaubeschränkungen für wasserintensive Produkte, Begrenzungen für Wasserentnahmen zur Bewässerung von Kulturen und eine Einführung von auf Rohwasser bezogenen Wasserpreisen. Am sinnvollsten scheint es, das Konzept im Rahmen der Ansätze zur ökonomischen Bewertung von Rohwasser einzusetzen. Vor allem Wirtschaftswissenschaftler vertreten die These, dass das Konzept des virtuellen Wasserhandels versucht, das Pferd von hinten aufzuzäumen. Maßgeblich für die Entscheidung, welche Produkte in einem Land hergestellt, welche im- und exportiert werden, ist nicht die Menge an verfügbarem Wasser, sondern sind die komparativen Kostenvorteile, die in den Entwicklungsländern zumeist Arbeitskraft und Boden sind. Daher müssten in erster Linie Preise für Wasser und seine Bereitstellung dafür sorgen, dass Wasser sich zu einem relevanten Kostenfaktor entwickelt. In wasserarmen Ländern würde dann Wasser aufgrund seiner Knappheit automatisch so teuer, dass sich Bewässerungslandwirtschaft nur bei einem sehr wassereffizienten Landmanagement und bei bestimmten Kulturarten lohnen würde. Der Handel mit Nahrungsmitteln, also virtuellem Wasser, würde dann aus rein ökonomischen Gründen zunehmend zwischen wasserarmen und wasserreichen Ländern stattfinden.[10]

Südafrika beginnt, diesen Weg einzuschlagen. Im Jahr 1997 wurde, um Wasserressourcen zu sparen und vor allem dem Problem der Unterversorgung mit Trinkwasser Herr zu werden, das White Paper on Water Policy erlassen, in dem es heißt: "Wo Wasser zur Herstellung von wasserintensiven Produkten (...) benötigt wird, kann es effizienter sein, diese zu importieren, als zu versuchen, sie in einer wasserarmen Gegend zu produzieren. Die Einführung von Managementinstrumenten wie der Bepreisung wird diesen Ansatz unterstützen."[11] Deutliches Ziel dieser Wasserpolitik ist es, den Handel mit virtuellem Wasser auszubauen, um Wasserressourcen zu sparen. Im Zuge dessen werden seither Preise für Wasser und seine Bereitstellung erhoben, seit dem Jahr 2004 wird Wasser zusätzlich rationiert. Um arme Bevölkerungsteile nicht zu benachteiligen, wurden Unterstützungsprogramme für die Armen eingeführt.

Südafrikas Maßnahmen sind durchaus nicht unumstritten bzw. können nicht für alle wasserarmen Länder als Blaupause dienen. Aus Sicht der Kritiker sind mit der Einführung von Preisen für Wasser immer noch zu hohe soziale Kosten verbunden. In anderen Ländern - wie z.B. in Jordanien - wird das Erheben von Gebühren von Fachleuten als nicht durchsetzbar angesehen. Die einzig vernünftige Lösung scheint zu sein, virtuellen Wasserhandel in den Ansatz des Integrierten Wasserressourcen-Managements (IWRM) einzubinden. 1992 in den Dublin-Prinzipien verankert, stellt er heute das allgemein anerkannte Leitbild für die nachhaltige Nutzung und Bewirtschaftung von Wasserressourcen dar.[12] Ziel von IWRM ist es, in einem partizipativen Prozess Lösungen zu erarbeiten, die für alle Nutzer und Nutzungen akzeptabel sind und die verschiedenen Interessen - vor allem zwischen den Sektoren - gleichgewichtig berücksichtigen.

Fußnoten

10.
Die Diskussion um die sozialen Folgen von Wasserpreisen kann hier nicht im Einzelnen geführt werden. Anerkannte Meinung ist es jedoch, dass Wasserressourcen nur dann adäquat bewirtschaftet werden, wenn Preise und Tarife für seine Bereitstellung, Aufbereitung und Entsorgung eingeführt werden. Vgl. Yacov Tsur u.a., Pricing Irrigation Water: Principles and Cases from Developing Countries, Washington, D. C. 2004.
11.
Vgl. http://www.polity.org.za/html/govdocs/white_papers/water.html?rebookmark=1.
12.
Vgl. Susanne Neubert/Lena Horlemann, Empfehlungen zur zukünftigen strategischen Orientierung der deutschen EZ im Wasser- und Bewässerungssektor, DIE Discussion Paper Nr. 4/2005, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE), Bonn 2005.