Graffito von Simón Bolívar und venezolanischer Flagge auf einer Mauer in Caracas, Venezuela

13.9.2019 | Von:
Minerva Vitti
Andrea Scholz

Der Kampf indigener Völker um territoriale Rechte in Venezuela

Extraktivismus versus "freie, vorherige und informierte Zustimmung"

Am 24. Februar 2016 verkündete Präsident Nicolás Maduro mit dem Erlass 2.248 die sogenannte Nationale Strategische Entwicklungszone Arco Minero del Orinoco (ZDEN-AMO) zur Förderung der Ausbeutung der zahlreichen Mineralvorkommen im venezolanischen Amazonasgebiet. Das Gebiet umfasst etwa zwölf Prozent des Landes und ist in vier Bereiche unterteilt, in denen Gold, Coltan, Diamanten, Bauxit, Eisen, Kupfer und Seltene Erden vorkommen. Mit dem Dekret 2.248 wurde außerdem die Compañía Anónima Militar de Industrias Mineras, Petrolíferas y de Gas (Camimpeg) gegründet, die dem Verteidigungsministerium angegliedert ist und "ohne Einschränkung" Tätigkeiten ausüben darf, die direkt oder indirekt mit Bergbau oder der Exploration der Öl- und Gasvorkommen zusammenhängen.[11]

Innerhalb der Grenzen der ZDEN-AMO leben 7,5 Prozent der indigenen Bevölkerung Venezuelas, außerdem fallen davon zahlreiche Gebiete unter besondere Schutzregelungen wie Naturdenkmäler, Nationalparks und Waldgebiete. Nach Informationen der GTAI deckt sich das Gebiet des Arco Minero im Bundesstaat Bolívar mit einigen bereits vollzogenen Demarkierungen und Selbstdemarkierungen. Das Gebiet der Pemón ist bereits vollständig von ihnen demarkiert worden, ebenso wie das Territorium der Ye’kwana und Sanema. Auch die Piapoco haben eine Selbstdemarkierung vorgenommen. Über Landtitel, die eher Agrartiteln ähneln, verfügen bislang nur die Mapoyo von Bolívar, die Pemón von Ikabarú sowie einige Gemeinschaften der Jodi (Bolívar und Amazonas) und Eñepa (Bolívar).

"Sowohl vor als auch nach dem Erwerb von Titeln über ihre Territorien haben indigene Völker das Recht, die potenziellen ökologischen und sozialen Auswirkungen von Projekten, die ihre physische und kulturelle Sicherheit bedrohen, zu kennen und an Diskussionen teilzunehmen, und vor allem haben sie das Recht, ein Projekt abzulehnen beziehungsweise es zu stoppen, sobald dessen Auswirkungen bekannt sind", erklärt Vladimir Aguilar. Zwar hielten nach der Veröffentlichung des Dekrets Regierungsvertreter eine Reihe von Treffen mit indigenen Völkern ab, die sie "Konsultationen" nannten, bei denen sie für die Vorteile warben, die der Arco Minero für ihre Gemeinschaften mit sich bringen würde. Diese Veranstaltungen waren jedoch weit davon entfernt, freie, vorherige und informierte Konsultationsprozesse zu sein und entsprachen keineswegs den Anforderungen der Verfassung, des Rahmengesetzes für indigene Völker und Gemeinschaften und den von Venezuela unterzeichneten internationalen Pakten über indigene Rechte.

Auch Gregorio Mirabal von der Koordinierungsplattform der indigenen Organisationen des Amazonasbeckens COICA kritisiert die Verletzung des indigenen Grundrechts: "Es muss eine Konsultation mit den Menschen stattfinden, die von einem Projekt betroffen sein oder davon profitieren werden, in diesem Fall einem extraktivistischen Projekt, das reale Auswirkungen hat, nicht nur wirtschaftliche, sondern vor allem in den Bereichen Gesundheit, Umwelt, Klimawandel. Wir fordern, dass das gesamte venezolanische Volk, die nationale Regierung, einen Dialog sucht, eine vorherige Konsultation einleitet, denn die indigenen Völker sind wirklich besorgt über diese Situation. Für uns ist Bergbau kein Fortschritt, für uns ist Bergbau Zerstörung, der Tod von Flüssen, Wäldern und indigenen Völkern."[12]

Zum Zeitpunkt der Ankündigung von ZDEN-AMO hatte die venezolanische Regierung mehr als 150 transnationale Unternehmen eingeladen, sich am Ressourcenabbau in dem Gebiet zu beteiligen. Nach drei Jahren ist vor allem der Vormarsch des illegalen Bergbaus zu beobachten, der die Konflikte verschärft hat, die an diesen Orten bereits virulent waren. Um die Kontrolle der Bergbauaktivitäten konkurrieren Syndikate, die Mafia, Menschenhändler, irreguläre bewaffnete Gruppen wie FARC und ELN, Soldaten, Geschäftsleute und Regierungsbeamte.[13] Dazwischen befindet sich die lokale Bevölkerung: Indigene und Menschen, die aus den Städten ausgewandert sind, um mit dem geringen Einkommen zu leben, das ihnen der informelle Goldbergbau einbringt – aus Sicht vieler Indigene der einzige Weg, Zugang zu westlichen Gütern zu erhalten, denn der Staat war aus ihrer Sicht unfähig, eine Politik umzusetzen, die wohlfahrtsorientiert ist oder produktive Arbeit fördert.

Die indigenen Völker haben begonnen, sich zu organisieren und Sicherheitsgruppen wie die Pemón-Territorialgarde zu bilden, um ihre informellen Bergbauaktivitäten zu schützen.[14] Dies spaltet die Pemón: Viele sehen diesen Schritt kritisch,[15] fürchten aber sonst vor allem den Kriminellen ausgeliefert zu sein, die sich im Staat Bolívar festgesetzt haben.[16] Zugleich sind längst nicht alle Pemón im Bergbau aktiv, und viele der Ältesten und Frauen, die häufig traditionellen landwirtschaftlichen Aktivitäten nachgehen, lehnen ihn als destruktiv und ihrer angestammten Kultur fremd ab.[17]

All dies hat schwerwiegende Folgen für die indigenen Völker. Die Kriminalisierung, das Verschwinden und die Ermordung indigener Führer in den Gebieten haben drastisch zugenommen.[18] Ein emblematischer Fall ist der von Lisa Henrito, einer Anführerin der Pemón, die von einem Militärbeamten beschuldigt wurde, eine sezessionistische Bewegung im Süden des Landes anzustacheln.[19] Sie wird derzeit bedroht und verfolgt. 2018 wurden sechs Indigene im Staat Bolívar bei ihrem Versuch, Bergbauaktivitäten unter Kontrolle zu halten, ermordet.

Der Bergbau hat auch einen drastischen Anstieg der Malariafälle mit sich gebracht, denn die riesigen Löcher, die zur Goldgewinnung gemacht werden, begünstigen die Vermehrung der Anopheles-Mücke, die die Krankheit überträgt. Der Malariabericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom November 2018 betonte den Ernst der Lage in Venezuela, angesichts von 400.000 gemeldeten Fällen. Die WHO beklagt hier den fehlenden Zugang zu Medikamenten, die mangelnde Bekämpfung der Mückenlarven und die Abwanderung der Bevölkerung aus dem Bundesstaat Bolívar, eines der am stärksten betroffenen Gebiete, in andere Gebiete des Landes, was weitere Ausbreitung befördere.

Fazit

Angesichts der geschilderten Situation der indigenen Völker Venezuelas fällt es schwer, optimistisch zu bleiben. Die Hoffnung auf eine Titulierung indigener Territorien im Sinne der Verfassung von 1999 schwindet weiter. Für Gruppen wie die Pemón und Ye’kwana, die schon seit Jahrzehnten um eine Anerkennung großer, zusammenhängender Gebiete kämpfen, besteht unter der aktuellen Regierung weniger Hoffnung denn je auf eine ernsthafte und gerechte Bearbeitung ihrer Demarkierungsanträge. Der massive Ausbau des Bergbaus im Süden des Landes führt vielerorts zu einer Verschärfung der Umweltkonflikte.

Theoretisch würde eine Legalisierung indigener Territorien viele Probleme abschwächen. Jedoch bestehen indigene Rechte in Venezuela nur in der Theorie, die Realität ist der Arco Minero sowie die Notlage und das Chaos, in dem sich das ganze Land befindet. Diese Situation trägt dazu bei, dass der Druck auf indigene Gebiete wächst und auch viele Indigene selbst im Bergbau aktiv sind, sei es als Bergleute auf eigene Rechnung oder in Form von Zwangsarbeit und Prostitution. In vielen Gebieten im Süden Venezuelas ist Gold als Zahlungsmittel weiter verbreitet und akzeptierter als die offizielle Währung. Aufgrund der komplizierten Lage sind die indigenen Organisationen in Befürworter und Gegner des Bergbaus gespalten. Hinzu kommt, dass die Regierung wie schon in früheren Zeiten aktiv eine Politik der Kooptierung und Spaltung gegenüber den indigenen Organisationen verfolgt. Eine nationale indigene Bewegung, die ihren Widerstand gegen Missstände mit geeinter Stimme formulieren würde, besteht in Venezuela seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Consejo Nacional Indio de Venezuela, der zu Zeiten der Verfassungsverhandlungen eine gewichtige Stimme in der indigenen Politik besaß, existiert nur auf dem Papier. Für kritische Stimmen ist die Lage gefährlicher denn je, Wortführer*innen, die sich nicht "kaufen" lassen, sehen sich massiven Drohungen oder Schlimmerem ausgesetzt.

Dennoch gibt es in Venezuela weiterhin viele Indigene, die ihre Kultur leben und die Verbindung zu ihren Territorien nicht aufgeben. Sie haben ihrer Quasi-Auslöschung durch die europäische Kolonisierung widerstanden und existieren bis heute, als Teil der indigenen Bevölkerung der Amerikas. Es bleibt zu hoffen, dass sie nun auch den Arco Minero mit all seinen Konsequenzen überleben werden.

Fußnoten

11.
Siehe http://www.mindefensa.gob.ve/viplanificacion/index.php/camimpeg-p«.
12.
Zit. nach Líderes indígenas rechazan activación del Arco Minero del Orinoco, 5.3.2016, http://revistasic.gumilla.org/2016/lideres-indigenas-rechazan-activacion-del-arco-minero-del-orinoco«.
13.
Vgl. Bram Ebus, Una creciente marea de asesinatos en la zona minera del sur de Venezuela, 12.11.2018, http://www.crisisgroup.org/es/latin-america-caribbean/andes/venezuela/rising-tide-murder-venezuelas-mineral-rich-south«.
14.
Vgl. Cinco aborígenes asesinados en Bolívar motivaron a crear la "seguridad indígena", 3.10.2017, http://www.aporrea.org/actualidad/n315357.html«; Morelia Morillo, Seguridad pemón suspende ingreso de extraños hacia zonas mineras de Ikabarú, 11.9.2017, http://cronica.uno/seguridad-pemon-suspende-ingreso-extranos-zonas-mineras-ikabaru«; Delincuentes secuestraron a comunidad indígena de la Gran Sabana, 12.10.2017, https://runrun.es/noticias/329374/delincuentes-secuestraron-a-comunidad-indigena-de-la-gran-sabana«; Ebus (Anm. 13).
15.
Siehe Comunidad de Kanaimö, Canaima – Protesta por minería ilegal, 30.5.2015, http://www.youtube.com/watch?v=-cWpsPo3-mM&t=213s«.
16.
Vgl. Sindicatos, minería y Arco Minero del Orinoco, una combinación mortal para los indígenas del Caura, 11.8.2016, https://revistasic.gumilla.org/2016/mineria-sindicatos-y-arco-minero-del-orinoco-combinacion-mortal-para-los-indigenas-de-el-caura«.
17.
Vgl. La mujer indígena es la más afectada por la minería, 25.4.2015, https://revistasic.gumilla.org/2015/la-mujer-indigena-es-la-mas-afectada-por-la-mineria«.
18.
Vgl. Lisa Henrito, indígena del pueblo pemón: "Mi sobrina gritaba ‚yo no me quiero morir‘", 26.2.2019, https://revistasic.gumilla.org/2019/lisa-henrito-indigena-del-pueblo-pemon-mi-sobrina-gritaba-yo-no-me-quiero-morir«; Observatorio de Ecología Política de Venezuela, Pronunciamiento del Pueblo Pemón en relación al asesinato de Oscar Meya, Comunidad Indígena San Luis de Morichal, 20.3.2018, http://www.ecopoliticavenezuela.org/2018/03/20/pronunciamiento-del-pueblo-pemon-relacion-al-asesinato-oscar-meya-comunidad-indigena-san-luis-morichal«.
19.
Vgl. Luigino Bracci Roa, Situación en Venezuela, Dossier con denuncias sobre Nuevas Tribus y presuntos intentos de secesión, 23 julio 2018, 27.7.2018, http://www.youtube.com/watch?v=Ua_DWqLvJ0c«; Amnesty International, Acción urgente. Activista indígena, difamada y estigmatizada, 3.8.2018, http://www.amnesty.org/download/Documents/AMR5388512018SPANISH.pdf«.
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